Bibert gegen Zenn: Wer zuerst reserviert, steckt zuerst ein

 


Der Streit um die Steckdose am Playmobil-Areal erreicht die Bürgerversammlung

In meinem letzten Beitrag zu Playmobil hatte ich festgestellt, dass der wertvollste Baustein auf dem Areal in Dietenhofen am Ende die Steckdose war. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass sich die Geschichte so schnell weiterdreht. Jetzt meldet die Fränkische Landeszeitung, dass die Zukunft des Playmobil-Geländes die Dietenhofener Bürgerversammlung beherrscht hat. Rund hundert Leute waren da, für eine Bürgerversammlung in einem Markt dieser Größe ist das ordentlich. Bürgermeister Johannes Förthner hat sich hinter die Pläne für den Rechenzentrums-Campus gestellt und bei der Gelegenheit das Vorgehen seiner Neuhöfer Amtskollegin Claudia Wust kritisiert.

Was genau Förthner ihr vorwirft, steht hinter der Bezahlschranke, und ich werde hier nicht so tun, als wüsste ich es. Bekannt ist aus dem Anreißer seine Begründung für die Unterstützung: neue Arbeitsplätze und Gewerbesteuer. Das reicht allerdings schon, um die Lage zu sortieren.

Drei Darstellungen, eine Leitung

Zur Erinnerung, worum es geht. Die Horst Brandstätter Group will auf dem rund 18 Hektar großen Gelände des Ende Juni geschlossenen Werks einen Rechen-Campus bauen, ausgelegt auf 100 Megawatt, mit Luft nach oben. Das Areal hängt an einer 110-Kilovolt-Leitung, und zwar doppelt, mit zwei voneinander unabhängigen Zuführungen. Der Netzbetreiber N-ERGIE hat nach Angaben des Unternehmens die nötige Kapazität zugesichert.

Ein paar Kilometer weiter, in Hirschneuses, einem Ortsteil von Neuhof an der Zenn, wollte die Gemeinde zusammen mit Anthropic ein KI-Rechenzentrum ansiedeln. Die Nürnberger Nachrichten nannten eine Investitionssumme von rund vier Milliarden Euro. Claudia Wust hat dem Bayerischen Rundfunk erklärt, N-ERGIE habe die derzeit verfügbaren Netzkapazitäten zunächst für das Brandstätter-Vorhaben reserviert. Das Neuhöfer Projekt liegt damit vorerst auf Eis.

Förthner wiederum hatte dem BR schon vor der Bürgerversammlung gesagt, die Gruppe habe sich nach seinem Kenntnisstand vor einiger Zeit ein Kontingent sichern lassen. Und Brandstätter selbst wehrt sich auf der Projektseite gegen den Eindruck, man stehe irgendwem im Weg. Ein Campus, der auf viele Partner ausgelegt sei, „versperrt niemandem den Weg, er öffnet ihn“.

Diese drei Aussagen müssen sich gar nicht widersprechen. Sie beschreiben denselben Vorgang aus drei Richtungen: Wer früher reserviert hat, hat die Kapazität. Wer später kam, hat sie nicht. Was fehlt, ist eine öffentliche Aussage des Netzbetreibers selbst, wie viel Leistung dort tatsächlich frei ist und wofür sie reserviert wurde.

Das Windhundprinzip ist kein Skandal, sondern der Normalfall

Hier komme ich aus meiner eigenen Ecke. In welcher Reihenfolge ein Verteilnetzbetreiber knappe Anschlusskapazität vergibt, legt er bislang selbst fest, solange er dabei niemanden benachteiligt. In der Praxis heißt das: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Auch der Gesetzentwurf zum Netzpaket vom August verpflichtet Verteilnetzbetreiber wie N-ERGIE nicht, von diesem Verfahren abzurücken.

Ich kenne das Prinzip aus dem Glasfaserausbau seit über zehn Jahren. Wer zuerst plant, zuerst die Genehmigung hat und zuerst den Bagger bestellt, hat in aller Regel die Straße. Der Zweite darf überlegen, ob er überbaut oder sich hinten anstellt. Beim Strom habe ich hier schon am Beispiel der Großbatteriespeicher in Oberfranken beschrieben, wie das aussieht, wenn die Leitung voll ist und sich die Anschlussanfragen stapeln. Neu ist in Dietenhofen nicht das Prinzip. Neu ist, dass es um Rechenzentren geht und dass zwei Nachbarrathäuser öffentlich darüber streiten.

Man sollte dabei eines nicht verwechseln. 110 Kilovolt beschreiben die Spannungsebene, nicht automatisch die Leistung, die man tatsächlich abnehmen darf. Der eigentliche Standortvorteil von Dietenhofen ist nicht das Kabel an sich. Es ist die Tatsache, dass das Werk jahrzehntelang als Großverbraucher am Netz hing und die Gruppe früh genug den Fuß in die Tür gestellt hat. Das ist kein Trick, das ist Hausaufgabe.

Zwei Gemeinden, zwei Landkreise, eine Gewerbesteuer

Kommunalpolitisch heikel wird die Sache durch die Geografie. Dietenhofen liegt im Landkreis Ansbach, Neuhof an der Zenn im Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim. Die Bibert hier, die Zenn dort, dazwischen ein paar Kilometer Acker und ein Umspannwerk, um das sich jetzt alles dreht. Gewerbesteuer landet aber in einer Kasse, nicht in zweien. Wenn Förthner die Gewerbesteuer als Argument nennt, ist das also nicht nur Standortwerbung, sondern auch eine recht deutliche Ansage, in welchen Haushalt das Geld fließen soll.

Förthner hat das Thema übrigens geerbt. Noch im Februar hatte sein Vorgänger Rainer Erdel über die Anfrage im Rathaus gesagt, das Projekt übertreffe alles, was es in Dietenhofen in den vergangenen fünfzig, sechzig Jahren gegeben habe. Damals ging es um eine Nachnutzung für eine Industriebrache. Inzwischen geht es um die Frage, welche Gemeinde das Rennen um den Netzanschluss gewinnt.

In Franken ist das keine neue Disziplin. Im 19. Jahrhundert haben Städte und Märkte erbittert darum gekämpft, wo die Eisenbahn hält, weil jeder wusste, dass der Bahnhof über Wohl und Wehe eines Ortes entscheidet. Heute ist es eben das Umspannwerk.

Was dabei unter den Tisch fällt

Man kann beide Seiten verstehen. Dass Claudia Wust verärgert ist, wenn ein Milliardenprojekt an einer Reservierung beim Netzbetreiber scheitert, liegt auf der Hand. Und dass Johannes Förthner nach dem Verlust von rund 350 Arbeitsplätzen jede ernsthafte Nachnutzung verteidigt, ebenso.

Nur sollte man beim Arbeitsplatz-Argument ehrlich bleiben. Ein Rechenzentrum beschäftigt im laufenden Betrieb deutlich weniger Menschen als eine Fabrik mit Montagelinien, und eine konkrete Beschäftigungsprognose für den Campus gibt es bislang nicht. Die Gewerbesteuer ist das handfestere Argument. Die 350 Stellen kommen in dieser Form nicht zurück.

Ebenfalls offen ist bisher, wie gekühlt werden soll und was mit der Abwärme passiert. Das ist keine Nebensache. Nach dem Energieeffizienzgesetz muss ein Rechenzentrum, das ab Juli 2028 in Betrieb geht, mindestens 20 Prozent wiederverwendete Energie einplanen. Wer Abnehmer für Wärme sucht, wird in einer ländlichen Gegend nicht an den Nachbargemeinden vorbeikommen. Es wäre eine hübsche Pointe, wenn Dietenhofen und Neuhof am Ende doch noch zusammenarbeiten müssten, nur eben über die Fernwärmeleitung statt über das Umspannwerk.

Die eigentliche Lehre aus der Geschichte gilt für jede Gemeinde, bei der gerade ein Rechenzentrumsbetreiber anklopft: erst beim Netzbetreiber klären, was die Leitung hergibt, und dann den Bebauungsplan aufstellen. Andersherum endet es in einer Bürgerversammlung, in der man dem Nachbarn erklärt, warum er zu spät gekommen ist.

Die Steckdose bleibt der wertvollste Baustein auf dem Playmobil-Areal. Neu ist nur, dass sich jetzt zwei Rathäuser öffentlich darum streiten, wem sie zusteht. Die Antwort darauf hat N-ERGIE allerdings schon gegeben, bevor in Dietenhofen der erste Bürger Platz genommen hat.

Quellen

Fränkische Landeszeitung: Rechenzentrum in Dietenhofen: Bürgermeister übt Kritik an Neuhöfer Amtskollegin

Fränkische Landeszeitung: „Gewaltige Dimension“: Playmobil-Komplex in Dietenhofen soll Rechenzentrum weichen (Februar 2026)

Bayerischer Rundfunk, Bericht vom 27. Oktober 2026 (zitiert nach ms-aktuell.de und mind-verse.de)

Nürnberger Nachrichten: Anthropic will Mega-Rechenzentrum in Mittelfranken bauen – Playmobil-Pläne verhindern das (28.10.2026)

inFranken.de: Fränkischer Playmobil-Standort für immer zu: Unternehmen überrascht mit Ankündigung

brutkasten.com: Playmobil baut Rechenzentrum: Anthropic muss weichen

Dr. Web: Playmobil-Rechenzentrum Dietenhofen mit 100 Megawatt

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