Wackler an der Grenze, Teil 11: Ein Wasserkocher unter den Teufelsbergen

 


Was ein Mikrobeben am Pas de Cheville mit zwei Bergstürzen, einem Weinberg auf Geröll und dem Wallis von 1946 zu tun hat

Eigentlich war der Abend schon gelaufen. Vrancea, Zagreb, das Soča-Tal, das hätte für eine Nacht gereicht. Dann kam noch eine Meldung, die ich beinahe weggeklickt hätte. Samstag, 31. Oktober, 6:28 Uhr Weltzeit, also 7:28 Uhr bei uns: ein Beben der Stärke 0,7 in 4,6 Kilometern Tiefe, vom EMSC manuell bestätigt, aufgezeichnet von zehn Stationen. Gespürt hat es niemand.

Die Meldung verortet es 49 Kilometer südöstlich von Lausanne, im Bezirk Lausanne. Das ist die Art Ortsangabe, die automatische Systeme lieben: Man nimmt die nächste größere Stadt, misst die Entfernung und schreibt den Rest gleich mit dazu. Tatsächlich liegt das Epizentrum im Bezirk Aigle, und mit dem Genfersee-Ufer hat die Stelle nichts mehr gemein.

Nach den Koordinaten, 46,29 Grad Nord und 7,18 Grad Ost, sitzt das Beben ziemlich genau am Pas de Cheville. Das ist der Übergang zwischen der Alp Anzeindaz auf der Waadtländer Seite und dem Felskessel von Derborence auf der Walliser Seite, rund 2.000 Meter hoch, direkt unter der Südwand der Diablerets. Die Wetterangabe zur Meldung: bedeckt, minus 3,9 Grad, 92 Prozent Luftfeuchte. Im Sommer ziehen dort Wanderer mit Rucksack und Käsebrot vorbei. Ende Oktober ist man da oben allein, abgesehen vom Gestein.

Frankreich liegt 30 Kilometer entfernt, Italien 42. Das Beben sitzt also an einer Kantonsgrenze und nicht weit von zwei Staatsgrenzen. Für den Titel dieser Reihe reicht das allemal.

Der westliche Gegenpol

In Teil 9 ging es um den Südostrand der Alpen, wo die Adriatische Platte gegen Europa drückt. Das Wallis liegt am anderen Ende desselben Bogens. Der Antrieb ist im Grunde derselbe, die Annäherung Afrikas und seiner Vorposten an Europa. Die Kruste reagiert hier aber anders. Das Rhonetal folgt über weite Strecken einer alten Schwächezone, der Rhone-Simplon-Linie, und auf beiden Seiten stapeln sich die Decken, die bei der Alpenbildung übereinandergeschoben wurden. Die Diablerets gehören zu den helvetischen Decken, also zu Kalk- und Mergelgestein, das einmal am Rand des europäischen Kontinents abgelagert, dann abgeschert, nach Norden verfrachtet und aufgetürmt wurde.

Die Walliser Beben sind überwiegend flach, sie spielen sich in den oberen zehn bis fünfzehn Kilometern der Kruste ab. Ein Beben in 4,6 Kilometern Tiefe passt da genau ins Bild. Es ist kein Ausreißer, es ist der Normalfall im Kleinformat.

Das Wallis ist der Kanton, in dem es in der Schweiz am häufigsten bebt. Im langjährigen Mittel rechnet man dort ungefähr einmal pro Jahrhundert mit einem Beben der Stärke 6 bis 6,5. Das klingt selten, bis man nachschaut, wann das letzte war.

1946: Das letzte große

Am 25. Januar 1946 um 17:32 Uhr bebte es bei Siders mit einer Momentmagnitude von 6,2. Das Epizentrum lag nur rund 25 Kilometer östlich vom Pas de Cheville. Drei Menschen starben in der Schweiz, einer in Frankreich. Die Schäden an Gebäuden waren erheblich, und die Nachbebenserie zog sich über Monate. Auch eines der Nachbeben erreichte noch eine Intensität, bei der Schäden an Häusern zu erwarten sind.

Seitdem sind 80 Jahre vergangen. Wer die Hundertjahresregel ernst nimmt, sollte also nicht überrascht sein, wenn sich im Wallis irgendwann wieder etwas Größeres meldet. Wer sie zu ernst nimmt, verwechselt Statistik mit Fahrplan. Erdbeben halten sich an keinen Takt, das gilt für das Rhonetal genauso wie für den Oberrheingraben.

Ardon, 1524: Am Ausgang des Tals

Wer vom Pas de Cheville nach Osten absteigt, kommt nach Derborence und von dort durch die enge Schlucht der Lizerne hinunter nach Ardon im Rhonetal. Genau dort lag 1524 das erste von zwei großen Beben, die aus dem 16. Jahrhundert für die Westschweiz überliefert sind. Ein Dokument beschreibt Schäden in Ardon, Plan-Conthey und Savièse, und am Glockenturm der Kirche von Ardon erinnert eine Steintafel daran. Viel mehr weiß man nicht, die Quellen aus dieser Zeit sind dünn. Aber das Tal, an dessen oberem Ende am Samstag das Mikrobeben lag, hat schon vor 500 Jahren gewackelt.

Aigle, 1584: Der Wein auf dem Bergsturz

Das zweite Beben des 16. Jahrhunderts lag auf der anderen, der Waadtländer Seite, bei Aigle, also im selben Bezirk wie unser Mikrobeben. Am 11. März 1584 bebte es dort nach neuerer Auswertung mit einer Magnitude von etwa 5,9, ältere Schätzungen reichen bis 6,4. In Aigle selbst, nahe am Epizentrum, fielen 50 bis 60 Kamine, schwere Schäden gab es dort nicht. Spektakulärer war, was am Genfersee passierte. Eine Unterwasserrutschung löste einen Tsunami und Schwingungen des Seespiegels aus, die am Ufer des Rhonedeltas erhebliche Schäden anrichteten.

Die eigentliche Katastrophe kam drei Tage später. Am 14. März löste ein Nachbeben der Stärke 5,4 einen Felssturz an der Tour d'Aï aus. Er begrub die Dörfer Corbeyrier und Yvorne fast vollständig, mindestens 320 Menschen kamen ums Leben. Yvorne wurde erst 1607 und 1608 weiter östlich neu aufgebaut. In manchen Quellen steht für den Felssturz übrigens der 4. statt der 14. März. Ich vermute, dass dahinter die Kalenderumstellung steckt, denn das reformierte Bern, zu dem Aigle damals gehörte, rechnete noch lange nach dem julianischen Kalender, und der lag zehn Tage zurück. Das ist meine Erklärung, keine belegte.

Und jetzt kommt die Stelle, die mir als Franken natürlich besonders gefällt. Auf dem Schutt von 1584 wächst heute Wein. Die Domaine de l'Ovaille in Yvorne keltert einen Premier Grand Cru aus Reben, die in genau diesem Geröll aus Kalk und Mergel stehen. Aus einem Bergsturz mit Hunderten Toten ist eine Weinlage geworden. Man kann das makaber finden. Man kann es auch als die Schweizer Variante dessen sehen, was die Menschen überall in den Bergen gemacht haben: das nehmen, was der Berg ihnen hingeworfen hat, und das Beste daraus machen.

Derborence: Wie die Teufelsberge zu ihrem Namen kamen

Auf der Walliser Seite des Passes liegt der zweite große Schuttkegel der Gegend, und hier brauchte es nach allem, was überliefert ist, kein großes Beben. Am 23. September 1714 brach ein Teil der Südwand ab und donnerte in den Kessel von Derborence. 14, vielleicht 15 Menschen starben, dazu das Vieh auf der Alp. Die Wand war danach noch instabiler als vorher, und 1749 kam der zweite Sturz. Mit rund 50 Millionen Kubikmetern Gestein und einer Fallhöhe von etwa 1.900 Metern gilt er als der gewaltigste Bergsturz der Schweiz in historischer Zeit. Er blockierte den Lauf der Derbonne, und dahinter staute sich der Lac de Derborence auf. Er gilt als jüngster Bergsee der Schweiz.

Damals hieß das Massiv noch nicht Diablerets. Den Namen bekam es erst nach den beiden Stürzen, weil die Leute glaubten, dass dort oben Teufel ihr Unwesen trieben. Der See galt lange als verflucht. Charles-Ferdinand Ramuz machte aus der Geschichte 1934 seinen Roman „Derborence“, der in der Übersetzung „Bergsturz auf Derborence“ heißt, und Francis Reusser verfilmte ihn ein halbes Jahrhundert später. Auf den Trümmern ist inzwischen ein Urwald gewachsen, mit Tannen, die mehrere hundert Jahre alt sind.

Ein Beben der Stärke 0,7 bewegt keinen Felsen. Trotzdem gehören Bergsturz und Mikrobeben zur selben Geschichte. Das Gebirge wird gehoben, zerklüftet und unter Spannung gehalten. Ab und zu gibt die Kruste in der Tiefe ein bisschen nach, ab und zu gibt eine Wand an der Oberfläche auf. Am Pas de Cheville kann man beides auf einem Spaziergang besichtigen.

Was man daraus mitnimmt

Die Energie des Bebens vom Samstag lag bei 7,1 mal 10 hoch 5 Joule, das sind knapp 0,2 Kilowattstunden. Das ist exakt die Größenordnung des Mikrobebens aus Westslowenien, über das ich in Teil 9 geschrieben habe. Zwei Wasserkocher, fünf Minuten lang, an einem einzigen Samstag, an beiden Enden des Alpenbogens. Dass beide registriert wurden, eines von elf und eines von zehn Stationen, sagt mehr über die Dichte der Messnetze aus als über die Gefahr.

Und es zeigt, dass die Landschaften, die 1524, 1584, 1714, 1749 und 1946 Geschichte geschrieben haben, in den Jahren dazwischen weiterarbeiten. Leise, unspürbar, aber messbar. Die Teufel in den Diablerets schlafen. Am Samstagmorgen hat sich einer kurz umgedreht.

Quellen

EMSC / VolcanoDiscovery: Erdbeben M 0,7 im Bezirk Aigle (46,2918° N / 7,1812° E), 31.10.2026, 06:28 UTC, Tiefe 4,6 km, manuell bestätigt.

Wikipedia: 1946 Valais earthquake; List of earthquakes in 1946.

Walliser Bote, Sonderausgabe Wallis 1815–2015, Jahr 1946 (1815.ch).

Südostschweiz: Erdbeben der Stärke 4,1 im Wallis (Angaben des Schweizerischen Erdbebendienstes zur Häufigkeit im Wallis).

Schwarz-Zanetti, G. et al. (2018): Two large earthquakes in western Switzerland in the sixteenth century: 1524 in Ardon (VS) and 1584 in Aigle (VD). Journal of Seismology 22, 439–454.

Fritsche, S.; Fäh, D.; Schwarz-Zanetti, G. (2012): Historical intensity VIII earthquakes along the Rhone valley (Valais, Switzerland): primary and secondary effects. Swiss Journal of Geosciences 105, 1–18.

Wikipedia: 1584 Aigle earthquake.

Historisches Lexikon der Schweiz: Yvorne; Corbeyrier; Derborence; Diablerets.

Alpes vaudoises: Domaine de l'Ovaille, Yvorne.

Université de Lausanne, Institut de géographie: Der Bergsturz von Derborence (Infotafel).

Wikipedia: Derborence; Lac de Derborence.

SRF: Der Bergsturz von Derborence schuf eine wilde Schönheit (2014).

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