Zementverbrauch auf dem Stand vor dem Zweiten Weltkrieg: Eine Zahl, die man zweimal lesen muss



Manche Zahlen muss man zweimal lesen, weil das Gehirn sich beim ersten Mal weigert, sie zu akzeptieren. Der Verbrauch von Zement in Deutschland liegt derzeit auf dem Niveau vor dem Zweiten Weltkrieg. Nicht sinnbildlich, nicht polemisch zugespitzt – das sagt der Präsident des Bundesverbandes Baustoffe, Dominik von Achten, der nebenbei auch noch den Dax-Konzern Heidelberg Materials führt. Wenn ausgerechnet der Mann an der Spitze des größten deutschen Zementherstellers diese Zahl in den Mund nimmt, ist das kein Lamento aus der zweiten Reihe.

Konkret: der Zementverbrauch liegt rund 30 Prozent unter dem Niveau von 2020. Von Achten nennt das Kind beim Namen – keine Stagnation, sondern Rezession. Die Gründe sind dabei wenig überraschend für jeden, der seit über einem Jahrzehnt im Tiefbau und in der Infrastrukturbranche unterwegs ist: hohes Zinsniveau, gestiegene Bau- und Baunebenkosten, ein privater Wohnungsbau, der am Boden liegt, und rückläufige Investitionen sowohl im öffentlichen Infrastrukturbau als auch bei Industrie- und Bürogebäuden.

Die Baugenehmigungen sind zuletzt zwar um etwa zehn Prozent gestiegen – das ist die gute Nachricht, die man so lange wiederholt, bis sie tatsächlich etwas bedeutet. Die schlechte: zwischen Genehmigung und erstem Spatenstich liegen Monate, in der Praxis oft länger. Bei den Infrastrukturprojekten sind die Milliarden aus dem Sondervermögen der Bundesregierung zwar angekündigt und eingeplant, in der Bautätigkeit angekommen sind sie bislang aber kaum. Von Achten verspricht eine Wirkung ab dem zweiten Halbjahr. Man kennt diese Ankündigungen. Sie haben die Eigenschaft, sich gerne um ein weiteres Halbjahr zu verschieben.

Wer wie ich seit 2013 im FTTx/FTTH-Bereich und im Tiefbau unterwegs ist, kennt den Mechanismus aus erster Hand: Tiefbaukapazitäten werden nicht über Nacht aufgebaut und auch nicht über Nacht abgebaut, aber genau das passiert gerade in der Fläche. Wenn heute Bauunternehmen, Baustoffhändler und Zulieferer ihre Kapazitäten zurückfahren, weil die Nachfrage fehlt, dann fehlen diese Kapazitäten in zwei, drei Jahren genau dann, wenn die Sondervermögen-Milliarden tatsächlich abgerufen werden sollen. Das ist dieselbe Fachkräfte- und Kapazitätsfalle, die wir aus dem Glasfaserausbau kennen – nur diesmal mit Zement statt mit Tiefbaukolonnen.

Ein Land, das beim Zementverbrauch wieder bei den 1930er-Jahren angekommen ist, baut nicht einfach weniger. Es verlernt gerade, in großem Stil zu bauen – und das holt man nicht mit einem guten Halbjahr wieder auf.


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