Atlas: Wenn der Bagger der Kindheit den Besitzer wechselt


Wenn ich als Kind einen Bagger gesehen habe, kam dieser zumeist von einer Firma: Atlas. Das war keine Marke unter vielen, das war schlicht der Bagger an sich – so wie Tempo das Taschentuch war. Jetzt steht genau diese Firma, traditionsreich und mit Hauptsitz im niedersächsischen Ganderkesee, kurz vor dem Verlust ihrer Eigenständigkeit. Käufer ist ausgerechnet ein kanadischer Traktorenhersteller.
Buhler Versatile aus Winnipeg, Kanadas einziger Traktorenbauer und Teil der türkischen ASKO-Gruppe, will die insolvente Atlas-Gruppe übernehmen – Werke in Ganderkesee, Delmenhorst und Vechta, dazu das Ersatzteilgeschäft und die Beteiligung an Atlas Cranes UK. Notariell beurkundet wurde der Deal bereits am 11. Juni in Hamburg. Klingt nach einem erledigten Fall. Ist es aber nicht ganz: Laut einem NDR-Bericht vom 23. Juni kann der Käufer noch vom Vertrag zurücktreten, und behördliche Genehmigungen – sprich das Kartellamt – stehen weiterhin aus.

Der Preis für die Rettung ist hoch. Von den rund 400 verbliebenen Beschäftigten soll fast die Hälfte gehen, konkret ist von 180 Stellen die Rede. Die IG Metall Oldenburg/Wilhelmshaven nennt das einen Schock und spricht von einem Kahlschlag, der sich mit der gleichzeitigen Ankündigung, alle drei Werke zu erhalten, nicht recht zusammenreimen lässt. Verbindliche Standortzusagen gibt es bislang nicht. Sollte die Übernahme am Ende doch noch scheitern, droht laut NDR allen rund 400 Beschäftigten die Arbeitslosigkeit – das eigentliche Druckmittel in diesem Poker.

Bemerkenswert ist die Logik dahinter: Buhler Versatile will über Agritechnica hinaus in den europäischen Traktormarkt vorstoßen und sich mit Atlas gleich noch eine etablierte Marke samt Händlernetz für Bagger und Ladekrane ins Portfolio holen. Wer meine Bulldog-Serie verfolgt hat, kennt das Muster: Landtechnikkonzerne wachsen längst nicht mehr nur über eigene Modellpaletten, sondern über die Übernahme genau jener Firmen, die einst als eigenständige Institution galten. Aus Atlas wird so ein Portfolio-Baustein in einer Strategie, die in Winnipeg geschrieben wurde.

Dass es ausgerechnet Atlas trifft, passt ins Bild einer Baubranche, die – siehe den Zementverbrauch auf Vorkriegsniveau – seit Jahren auf Diät gesetzt ist. Auch Atlas selbst beklagte ausbleibende Aufträge wegen der schwächelnden Bauwirtschaft als einen der Gründe für die Schieflage. Wenn die Baustellen fehlen, fehlen am Ende auch die Bagger, die früher selbstverständlich gelb-rot durchs Bild meiner Kindheit gefahren sind.

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