0,2 Prozent: Der Befund eines klinisch toten Standorts
McKinsey hat Deutschland vermessen. Ergebnis: kein Puls mehr.
0,2 Prozent. Das ist keine Investitionsquote mehr, das ist eine Fehlermarge. So viel steckt die deutsche Volkswirtschaft nach Abzug der Abschreibungen noch netto in ihre eigene Zukunft – in Fabriken, Maschinen, Infrastruktur, Forschung. Das McKinsey Global Institute hat in seiner Studie "Catalyzing Competitiveness: Where Investment Happens and Why" 34 Industrie- und Schwellenländer verglichen. Deutschland liegt nicht im unteren Drittel. Deutschland ist die Schlussleuchte, und zwar mit weitem Abstand zur Konkurrenz, die selbst nicht gerade glänzt.
Zur Einordnung, damit niemand auf die Idee kommt, das sei halb so wild: China baut seinen Kapitalstock mit 23 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, die USA mit vier Prozent, die glücklose EU immerhin noch mit zwei. Deutschland bewegt sich bei einer Zahl, die der Taschenrechner rundet, bevor man sie überhaupt ausgesprochen hat. 2008 lag der Wert hierzulande noch bei zwei Prozent. Seither ist er nicht gesunken, er ist verdunstet, während man in Berlin über Aktenzeichen debattiert und anderswo die Fabriken aus dem Boden gestampft werden.
Der Kostenaufschlag heißt nicht Krieg, nicht Inflation. Er heißt Deutschland
McKinsey hat sich nicht mit der üblichen Betroffenheitsprosa aufgehalten, sondern nachgerechnet, was hierzulande jedes Investitionskomitee ohnehin längst weiß: Über den gesamten Lebenszyklus liegen die Kosten neuer Vorhaben in Deutschland je nach Branche zwischen 40 und über 250 Prozent über denen am günstigsten Standort weltweit. Halbleiter 40 Prozent teurer. Neue E-Auto-Plattformen drei- bis viermal so teuer wie in China. Polyethylen aus deutschem Erdgas doppelt so teuer wie aus amerikanischem oder saudischem. Das ist keine Frage von Weltbild oder Parteibuch mehr, das ist eine Exceltabelle, und Exceltabellen kennen keine Ideologie, nur Spalten.
Und dann die Zahl, die mich nach über zehn Jahren Baustellen, Genehmigungsverfahren und Trassenplanung nicht einmal mehr aus der Ruhe bringt: 200 Tage für eine Baugenehmigung in Deutschland, gegenüber 60 in den USA und 40 in China. Fünfmal so lange wie in der Volksrepublik, deren Verwaltung man hierzulande sonst gerne belächelt. Wer in der Glasfaserbranche arbeitet, kennt diese Zahl nicht aus einer Studie, sondern aus dem eigenen Kalender, in dem sich Monate um einen Verwaltungsakt gruppieren, für den es keine sachliche Rechtfertigung gibt außer der, dass es schon immer so war. Man wartet in diesem Land nicht auf Kapital. Man wartet auf einen Stempel, und der Stempel hat Betriebsrat.
Die Ampel ist weg, das Problem nicht
Man kann diese Studie jetzt parteipolitisch verwursten, das wird schon fleißig getan, und es wird helfen wie ein Traumfänger gegen Schimmel im Keller. Die unbequeme Wahrheit ist: Die 0,2 Prozent sind kein Betriebsunfall der letzten Regierung, sondern das Endprodukt von zwei Jahrzehnten, in denen man die eigene Standortqualität für gottgegeben gehalten hat. Man hat sich auf dem Maschinenbau der neunziger Jahre ausgeruht, während andere Länder Genehmigungsverfahren automatisiert und Netze industrialisiert gebaut haben.
McKinsey nennt auch die Gegenmittel, und sie sind unspektakulär bis zur Peinlichkeit: industrialisiertes, modulares Bauen, das im Rechenzentrumsbau bereits bis zu 50 Prozent Zeit und 10 bis 20 Prozent Kapitaleinsatz spart. Vorab genehmigte Standorte, die den Effekt verstärken. Das ist exakt das Prinzip, das in der Fasernetzausrollung seit Jahren gepredigt und ebenso zuverlässig ignoriert wird: standardisierte Prozesse statt Einzelfallprüfung durch fünfzehn Ämter, die sich gegenseitig nicht kennen. Man muss dafür keine neue Technologie erfinden. Man muss nur aufhören, jede Baustelle wie ein Unikat zu behandeln, das eine eigene Doktorarbeit verdient.
Franken hat vorgemacht, wie man aus wenig viel macht: Mittelstand, stille Weltmarktführer, die niemand kennt, bis man ihr Produkt auseinanderbaut. Diese Tugend, aus Beschränkung Effizienz zu machen, wird jetzt zur Systemfrage für das ganze Land. Nur dass die Beschränkung diesmal nicht der Rohstoffmangel ist, sondern eine selbstgebaute, vollklimatisierte, gut pensionsberechtigte Bürokratie, die sich für Standortpolitik hält.
Am Ende der Studie steht der Satz eines McKinsey-Partners, so nüchtern formuliert, dass er fast wie Spott klingt: Deutschland habe enormes industrielles Know-how, entscheidend sei jetzt, dass sich Investitionsvorhaben wieder schneller und verlässlicher rechnen lassen. Das ist keine Anklage, das ist eine Diagnose mit beigelegtem Rezept. Nur nimmt hierzulande bekanntlich niemand gerne Medizin, die nach Verzicht auf liebgewonnene Verfahren schmeckt.
Was immer Sie machen, machen Sie es gut.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen