Wasch mich, aber mach mich nicht nass: Der Bund Naturschutz und der Energiespeicher Riedl
Quelle: BR24, 03.07.2026
Trotz Klagen: Bau von Pumpspeicherwerk Riedl genehmigt – so lautet die nüchterne BR24-Meldung vom 3. Juli 2026. Das Landratsamt Passau hat die sofortige Vollziehung des Planfeststellungsbeschlusses angeordnet, die Donaukraftwerk Jochenstein AG darf mit dem Bau des größten Pumpspeicherwerks Bayerns beginnen. 300 Megawatt Leistung, 3,5 Gigawattstunden Speichervermögen pro Zyklus, mehr als 400 Millionen Euro Investitionsvolumen, Inbetriebnahme frühestens 2031. Ein Projekt, das die Europäische Union selbst als bedeutsame Energieinfrastruktur zur Erreichung der Klimaziele einstuft.
Und dagegen klagt: der Bund Naturschutz in Bayern.
Man reibt sich die Augen, aber die Meldung ist kein Widerspruch in sich, sondern die Fortsetzung eines Musters, das man in Bayern inzwischen im Halbjahrestakt besichtigen kann. Der BN tritt öffentlich als einer der lautstärksten Fürsprecher der Energiewende auf, fordert höhere Ausbauziele, mehr Tempo bei Wind und Sonne, eine naturverträgliche Transformation des Energiesystems. Sobald aber ein konkretes Projekt Gestalt annimmt, das genau diese Transformation technisch trägt, findet sich fast zuverlässig ein Klagegrund.
Im Fall Riedl ist es ein europäisch geschütztes Fauna-Flora-Habitat-Gebiet oberhalb der Donau, in dem der Verband massive ökologische Schäden befürchtet. Das ist kein aus der Luft gegriffener Einwand, FFH-Schutz ist geltendes EU-Recht und nicht verhandelbar nach Gutdünken. Aber es ist eben auch kein Zufall, dass ausgerechnet die Infrastruktur, ohne die der Ausbau von Wind- und Solarstrom am Ende gar nicht funktioniert, immer wieder an genau solchen Hürden hängen bleibt.
Denn was macht ein Pumpspeicherwerk eigentlich? Es nimmt überschüssigen Strom aus sonnigen Mittagsstunden oder windigen Nächten auf, pumpt Wasser in ein oberes Becken und lässt es bei Bedarf wieder durch die Turbinen laufen. Ohne solche Speicher steigt die Zahl der Abregelungen von PV- und Windanlagen bei Überproduktion, mit allen Entschädigungszahlungen, die der Letztverbraucher am Ende über die Netzentgelte mitfinanziert. Die Meldung benennt das selbst: Riedl soll genau solche wirtschaftlichen Schäden vermeiden helfen. Es ist, um es unverblümt zu sagen, ein Herzstück-Projekt für eine Energiewende, die nicht nur auf dem Papier stattfindet.
Das Landratsamt Passau hat die Güterabwägung entsprechend getroffen und dem öffentlichen Vollzugsinteresse den Vorrang vor dem Aussetzungsinteresse des Klägers gegeben. Der BN hat angekündigt, die Entscheidung fachlich und rechtlich zu prüfen, rechtliche Schritte seien nicht ausgeschlossen. Man darf gespannt sein, ob daraus ein Eilantrag beim Verwaltungsgericht wird und wie lange sich das Projekt am Ende dadurch verzögert – Erfahrungswerte aus vergleichbaren Verfahren sprechen eher für Jahre als für Monate.
Die eigentliche Pointe der Geschichte liegt aber nicht im juristischen Klein-Klein, sondern in der Rollenverteilung. Wer sich öffentlich als Treiber der Energiewende inszeniert, sich aber bei praktisch jedem Großprojekt, das diese Wende umsetzt, auf die Bremse stellt, verschiebt die Wende in die Zukunft und die Verantwortung auf andere. Das ist keine böswillige Unterstellung, das ist schlicht die Beobachtung, mit welcher Regelmäßigkeit dieser Widerspruch bei Trassen, Windparks in sensiblen Lagen und jetzt auch bei Pumpspeichern auftritt.
Die Gegenseite hätte hier natürlich ein Argument, das man nicht unterschlagen sollte: Wer für Klimaschutz ist, muss nicht automatisch jedes Detail eines jeden Projekts absegnen, und gerade weil der BN der Energiewende zustimmt, sieht er sich in der Pflicht, auf naturverträgliche Umsetzung zu pochen – sonst sei am Ende nur ein neues Etikett auf der alten, rücksichtslosen Bauweise draufgeklebt. Ob dieses Argument im konkreten Fall trägt oder eher Symbolpolitik ist, wird sich zeigen.
Fest steht: Wer Energiewende sagt, aber bei jedem einzelnen Bauabschnitt Nein sagt, muss sich das Sprichwort gefallen lassen, das dieser Beitrag im Titel trägt.
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