Der Pfahl, die Masse und eine Störung namens Rodl – Ostbayerns Untergrund im Porträt
Wer durch den Bayerischen Wald fährt, sieht Wald. Viel Wald. Und wenn man Glück hat, einen weiß schimmernden Felszügel, der aussieht, als hätte jemand mit dem Lineal eine Mauer durch die Landschaft gezogen und dann das Interesse daran verloren. Genau das ist im Grunde passiert – nur hat es 275 Millionen Jahre gedauert und niemand hat ein Lineal benutzt. Ich habe mir die drei Begriffe, die in Ostbayerns Untergrund für Ordnung sorgen (oder eben für das Gegenteil davon), noch einmal genauer angesehen: die Böhmische Masse, den Bayerischen Pfahl und die Rodl-Störung.
Die Böhmische Masse – das Fundament, das keiner sieht
Die Böhmische Masse ist das kristalline Grundgebirge, auf dem große Teile Ostbayerns buchstäblich stehen. Ihre älteste Bauzeit begann bereits im Proterozoikum, also vor beinahe einer Milliarde Jahren, als in einem tiefen Meeresbecken Sande, Tone und Mergel abgelagert wurden. Die sanken bis in 30 Kilometer Tiefe ab, wurden dort ordentlich durchgeknetet und tauchten irgendwann als Gneise und Granite wieder auf. Der zentrale Baustein heißt Moldanubikum, benannt nach Moldau und Donau, und liefert bis heute die Gneise und Granite, an denen sich Nordostbayerns wichtigste Lagerstätten orientieren. Wie alt das Ganze wirklich ist, hängt davon ab, wen man fragt und welches Mineral gerade Auskunft gibt. Rb/Sr-Datierungen an Biotiten aus Gneisen und Graniten des Moldanubikums ergaben Werte zwischen 330 und 345 Millionen Jahren, während Zirkone aus moldanubischem Gneis auf rund 450 Millionen Jahre kommen. Das ist ungefähr so, als würde man ein Haus renovieren und dabei feststellen, dass der Keller deutlich älter ist als das Dach – wenig überraschend bei einem Gebäude, das mehrere Umbauphasen überstanden hat.
Der Bayerische Pfahl – eine 150-Kilometer-Narbe mit Geschichte
Wenn die Böhmische Masse das Fundament ist, dann ist der Bayerische Pfahl die Stelle, an der jemand beim Ausbaggern zu grob vorgegangen ist. Es handelt sich um eine rund 150 Kilometer lange Bruch- und Scherzone, die den Bayerischen Wald von Nabburg im Nordwesten bis Passau im Südosten fast schnurgerade durchzieht. Vor etwa 275 Millionen Jahren wurde entlang dieser Linie der Vordere Bayerische Wald gegenüber dem Inneren Bayerischen Wald um mehrere hundert Meter angehoben – keine kleine Nummer für eine Landschaft, die sich sonst eher gemächlich entwickelt. In die entstandenen Klufte drangen in bis zu sechs Kilometern Tiefe heiße, mineralreiche Lösungen ein und setzten dort ihren Quarz ab. Weil dieser Pfahlquarz härter ist als das umgebende Gestein, blieb er stehen, während alles drumherum über Jahrmillionen erodierte. Das Ergebnis ist ein bis zu 40 Meter hoher Härtlingszug, den man heute als „Großen Pfahl“ bei Viechtach besichtigen kann – seit 2003 offiziell eines der schönsten Geotope Bayerns. Ich finde bemerkenswert, dass eine Struktur, die im Kern nichts anderes ist als ausgehärtetes Abfallprodukt einer Erdkrustenverletzung, es bis zur touristischen Attraktion gebracht hat. Da könnte sich so manches bayerisches Infrastrukturprojekt eine Scheibe von abschneiden – zumindest was die Geduld angeht, bis am Ende doch noch etwas Vorzeigbares dabei herauskommt.
Die Rodl-Störung – der weniger bekannte Verwandte
Verfolgt man den Pfahl weiter nach Südosten, verlängert er sich über die Grenze hinaus bis nördlich von Linz, wo er in die Rodl-Störung übergeht. Insgesamt kommt das Gesamtsystem damit auf etwas mehr als 200 Kilometer Länge. Die Rodl-Störung selbst gehört zu den älteren tektonischen Schwächezonen im Süden der Böhmischen Masse und wird in der Fachliteratur als Zone duktiler Deformation mit mylonitischer Gefügebildung beschrieben – sprich: Gestein, das unter enormem Druck in der Tiefe eher gequetscht als gebrochen wurde. Sie steht dabei nicht allein: Vom Südrand der Böhmischen Masse ziehen mehrere solcher Störungen nach Nordosten, darunter auch die Vitiser und die Diendorfer Störung, ergänzt von einem diagonalen System um Donau-, Pregarten- und Klam-Störung. Insgesamt zählt man im Bayer- und Böhmerwald an die 30 solcher Zonen, die das Moldanubikum im Grunde zusammenschweißen wie Nähte in einem viel zu oft geflickten Gewand. Das ist auch der Grund, warum die Rodl-Störung nicht nur historisch interessant ist, sondern in der Region als mögliche Schwächezone für kleinere Erdbeben gilt. Alte Bruchstrukturen bleiben eben Bruchstrukturen – sie können über geologische Zeiträume hinweg immer wieder aktiviert werden, sobald sich irgendwo Spannung aufbaut, die einen Weg nach außen sucht.
Warum mich das nicht loslässt
Ich beobachte ja seit einer Weile den Eger Graben und das Vogtland, weil ich fest davon überzeugt bin, dass dort irgendwann in ferner Zukunft wieder etwas Größeres passiert. Der Bayerische Wald und seine Störungssysteme sind ein gutes Beispiel dafür, wie wenig „endgültig“ in der Geologie tatsächlich bedeutet. Eine Bruchzone, die vor 275 Millionen Jahren angelegt wurde, ist nicht einfach abgeschlossene Vergangenheit, sondern eine Sollbruchstelle, die bei Bedarf reaktiviert wird. Der bayerische Erdbebendienst registriert genau deshalb kontinuierlich, was sich entlang solcher alten Linien rührt – auch wenn es meistens nur ein leises Zucken ist, das niemand außer den Seismografen bemerkt. Was mich an der Kombination aus Böhmischer Masse, Pfahl und Rodl-Störung am meisten fasziniert, ist letztlich die Zeitspanne. Wir reden hier über Prozesse, die eine Milliarde Jahre zurückreichen und deren Auswirkungen man noch heute mit dem bloßen Auge an einer Felsmauer bei Viechtach ablesen kann. Verglichen damit wirkt selbst die Debatte um den Frankenschnellweg fast schon wie ein flüchtiger Wimpernschlag.
Quellen
LfU Bayern – Geologischer Überblick Bayern
LfU Bayern – Großer Pfahl bei Viechtach
LfU Bayern – Buchberger Leite am Bayerischen Pfahl
Wikipedia – Pfahl (Bayerischer Wald)
Naturpark Bayerischer Wald – Geologie
NaturparkWelten – Geologische Grundlagen
opac.geologie.ac.at – Rodl-Störung in der südlichen Böhmischen Masse
Der Bayerische Wald 36 – Bayerischer Pfahl und Rodl-Störung als Erdbebengebiet
Springer – Altersbestimmungen an Gesteinen des Ostbayerischen Grundgebirges
BGR – Geologische Übersichtskarte, Blatt Passau
LfU Bayern – Erdbeben in Bayern
Kommentare
Kommentar veröffentlichen