Der Semmering hat wieder geklopft


Es ist kurz vor zwei Uhr morgens, irgendwo zwischen Gloggnitz und Schöttwien, und die Mur-Mürztal-Störung meldet sich mit einem Ruck von Magnitude 4,5. Ich schreibe das an einem Freitagvormittag, und ich vermute, ein paar hunderttausend Menschen zwischen Wien, Graz und Bratislava haben ihre Nacht ungeplant unterbrochen bekommen. Willkommen im südlichen Wiener Becken, der am zuverlässigsten wackelnden Ecke Österreichs.

Laut GeoSphere Austria lag das Epizentrum acht Kilometer südwestlich von Gloggnitz, in etwa vier Kilometer Tiefe. Herdtiefen in dieser Größenordnung sind der Grund, warum ein Beben dieser Magnitude überhaupt so breit wahrgenommen wird: flach genug, dass die Energie nicht auf halbem Weg verpufft. Wahrnehmungsmeldungen kamen entsprechend nicht nur aus Mürzzuschlag, Gloggnitz, Ternitz oder Wiener Neustadt, sondern bis nach Wien, Graz und in Teile Ungarns hinein. Im unmittelbaren Epizentralbereich sind laut Erdbebendienst vereinzelt leichte Schäden zu erwarten, das übliche Repertoire aus Rissen im Verputz und heruntergefallenem Geschirr.
Bemerkenswert ist weniger die Stärke als der Wiederholungscharakter. Am 1. Februar 2024 bebte es an praktisch derselben Stelle bereits mit identischer Magnitude 4,5. Wer jetzt an Zufall denkt, kennt die Mur-Mürztal-Störung nicht besonders gut. Das ist keine Läune der Natur, sondern ein Termin-Abo. Die Störung ist einer der größeren Bruchmechanismen der Ostalpen und zieht sich von der slowenischen Grenze quer durchs Wiener Becken bis in die Slowakei. Hier verschieben sich zwei Alpenteile relativ zueinander, gleichmäßig, geduldig, und alle paar Jahre eben nicht mehr geduldig genug.

Wer sich an meine geologischen Ausflüge zum Egerbecken oder zum Wiener Becken generell erinnert, kennt das Muster: tektonische Spannung baut sich über Jahre unbemerkt auf und entlädt sich dann in einem Moment, den die Betroffenen als Überraschung empfinden, obwohl der Geologe seit Jahrzehnten genau darauf gewartet hat. Gloggnitz ist in dieser Hinsicht so etwas wie der Wiederholungstäter unter den österreichischen Erdbebenherden. Erdbebenschwärme in dieser Region sind dokumentiert, seit man in Österreich überhaupt Seismographen aufstellt, und niemand, der sich mit der Bruchzone beschäftigt, würde ernsthaft behaupten, das nächste Beben sei unwahrscheinlich.
Was bleibt, ist die nüchterne Bilanz: ein Beben der Kategorie „ungemütlich, aber überschaubar“, ein Epizentrum, das sich offenbar für wiederkehrende Termine entschieden hat, und eine Störungszone, die weiterhin genau das tut, was Störungszonen tun. Der nächste Ruck kommt bestimmt, nur eben nicht mit Ankündigung.

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