Ein Grollen im Dreiländereck Was ein Beben der Stärke 1,8 bei Volary über den Untergrund des Bayerischen Waldes erzählt
Am 19. Juli 2026, kurz nach 13 Uhr, hat sich die Erde im Dreiländereck Deutschland – Tschechien – Österreich ein kleines Stück bewegt. Nicht dramatisch, nicht folgenreich, aber immerhin messbar: ein Erdbeben der Magnitude 1,8, Epizentrum knapp südlich der tschechischen Stadt Volary, etwa zehn Kilometer östlich von Haidmühle im Landkreis Freyung-Grafenau. Das Hypozentrum lag rund zehn Kilometer tief, also mitten in der oberen Erdkruste, dort, wo solche Ereignisse in dieser Region typischerweise entstehen.
Für die allermeisten Menschen in Haidmühle, Bischofsreut oder auf der tschechischen Seite bei Volary dürfte der 19. Juli ein Tag wie jeder andere gewesen sein. Meldungen über eine spürbare Erschütterung liegen bislang nicht vor, und das überrascht wenig. Eine Magnitude von 1,8 bewegt sich am unteren Rand dessen, was seismologische Netze überhaupt noch zuverlässig registrieren. Trotzdem lohnt sich der zweite Blick, denn kleine Beben sind Boten größerer geologischer Zusammenhänge – und im Bayerischen Wald erzählen sie eine Geschichte, die deutlich älter ist als alles, was Menschen dort je gebaut haben.
Warum man ein Beben dieser Stärke trotzdem hören kann, ohne es zu spüren
Ein Phänomen, das Laien regelmäßig verwirrt: Beben unterhalb der klassischen Wahrnehmungsschwelle können in Mittelgebirgslagen als kurzes, dumpfes Grollen hörbar sein, auch über mehrere Kilometer Distanz – während die eigentliche Bodenbewegung so gering ausfällt, dass sie am Körper gar nicht registriert wird. Das liegt an der Schallausbreitung im flachen, kristallinen Gestein solcher Regionen, das akustische Energie erstaunlich effizient weiterleitet. Es ist also durchaus denkbar, dass jemand in Haidmühle an jenem Sonntagmittag ein kurzes Grollen wahrgenommen hat, ohne es überhaupt mit einem Erdbeben in Verbindung zu bringen. Man hört gelegentlich mehr von der Erde, als man ihr zutraut.
Der eigentlich interessante Teil: das Gestein, in dem das passiert
Um zu verstehen, warum ausgerechnet diese Ecke Bayerns und Böhmens regelmäßig, wenn auch meist unmerklich, zittert, muss man deutlich weiter zurückblättern als bis zum vergangenen Sonntag – nämlich rund 300 bis 600 Millionen Jahre.
Der Untergrund von Haidmühle, Volary und dem gesamten Bayerischen Wald gehört zur Böhmischen Masse, einem der ältesten Gesteinskomplexe Mitteleuropas. Es handelt sich um ein variszisches Grundgebirge aus Gneisen, Glimmerschiefern, Phylliten und Graniten, das während der variszischen Gebirgsbildung vor rund 300 bis 380 Millionen Jahren zusammengeschweißt wurde, lange bevor es Alpen, Menschen oder überhaupt Säugetiere gab. Während weite Teile Bayerns von jüngeren Sedimentgesteinen bedeckt sind, tritt dieses alte kristalline Fundament im Bayerischen Wald, im Oberpfälzer Wald und im Fichtelgebirge unmittelbar an die Oberfläche. Es prägt dort das Relief, die Bodenbeschaffenheit und, wie sich zeigt, auch die seismische Aktivität bis in die Gegenwart.
Ein solches Grundgebirge ist kein monolithischer Block. Es ist von zahlreichen alten Störungszonen durchzogen – Narben früherer Kontinentalkollisionen, an denen sich Gesteinspakete gegeneinander verschoben, gehoben oder abgesenkt haben. Zwei davon sind für die Region um Haidmühle und Volary besonders relevant.
Der Bayerische Pfahl – eine 150 Kilometer lange Narbe
Die bekannteste dieser Strukturen ist der Bayerische Pfahl, Teil eines insgesamt rund 200 Kilometer langen Störungssystems, das sich von Sulzbach in der Oberpfalz bis in den Raum Linz zieht. Der bayerische Abschnitt ist etwa 150 Kilometer lang und durchzieht den Wald nahezu geradlinig von Nordwest nach Südost. Entstanden ist er vor gut 275 Millionen Jahren als tektonische Bruch- und Scherzone, in die anschließend Quarz eindrang – jener helle, verwitterungsresistente Quarzgang, der heute an mehreren Stellen als markanter Härtlingszug aus der Landschaft ragt, etwa am Großen Pfahl bei Viechtach. Was man dort als geologisches Ausflugsziel besichtigt, ist tatsächlich nur die oberflächliche Spitze einer tief in die Kruste reichenden Störung, an der der Vordere Bayerische Wald gegenüber dem Inneren Bayerischen Wald um mehrere hundert Meter angehoben wurde. Diese Zone ist seit ihrer Entstehung wiederholt reaktiviert worden – zuletzt im Zuge der alpidischen Gebirgsbildung, als sich weiter südlich die Alpen auffalteten und die gesamte Böhmische Masse noch einmal in Bewegung brachten.
Die Rodl-Störung und ihre Verwandten
Am Südrand der Böhmischen Masse ziehen mehrere weitere Störungszonen nach Nordosten, unter anderem die Rodl-Störung, die Vitiser Störung und die Diendorfer Störung. Die Rodl-Störung gilt als Zone mit ausgeprägter duktiler Deformation und mylonitischer Gefügebildung – Fachjargon für Gestein, das unter hohen Temperaturen und Drücken in großer Krustentiefe regelrecht zerschert und neu verbacken wurde. Auch sie ist deutlich älter als jede heute aktive Alpentektonik, dient aber bis heute als bevorzugte Bruchfläche, wenn sich im Untergrund Spannungen aufbauen.
Warum ausgerechnet hier immer wieder Spannungen entstehen
Der eigentliche Motor hinter der Seismizität im südöstlichen Bayern liegt nicht im Bayerischen Wald selbst, sondern deutlich weiter südlich: in der fortgesetzten Kollision der Adriatischen Platte mit dem europäischen Kontinent, die seit Jahrmillionen die Alpen auffaltet. Diese Kollision erzeugt Spannungen, die sich weit ins nördliche Vorland fortsetzen und dort die alten Störungssysteme der Böhmischen Masse – Pfahl, Rodl-Störung und ihre Nachbarn – gelegentlich wieder aktivieren. Die Beben, die dabei entstehen, sind fast immer klein, weil die beteiligten Bruchflächen alt, verheilt und nicht besonders reibungsarm sind. Genau das ist der Grund, warum Ereignisse wie das vom 19. Juli in dieser Region eher die Regel als die Ausnahme sind: Ein Blick in die Archive einschlägiger Erdbebendienste zeigt in Ostbayern und dem böhmisch-bayerischen Grenzgebiet über die Jahre einen stetigen Strom von Kleinstbeben, von denen die überwältigende Mehrheit ohne jede Wahrnehmung durch die Bevölkerung verläuft.
Wer die Region kennt, dem fällt ein Vergleich zur Schwäbischen Alb oder zum Vogtland ein – auch dort erzeugen alte, tief verwurzelte Störungssysteme regelmäßig Kleinbeben, obwohl die letzte nennenswerte Gebirgsbildung dort ebenfalls Jahrmillionen zurückliegt. Es ist eines der unterschätzten Merkmale alter Kontinente: Sie kommen selten wirklich zur Ruhe, sie werden nur leiser.
Fazit
Das Beben von Volary wird in keiner Chronik als historisches Ereignis auftauchen. Es hat niemandem geschadet, kaum jemand hat es bemerkt, und in wenigen Wochen wird es außer in den Archiven der Erdbebendienste nirgendwo mehr auftauchen. Und doch ist es ein kleines, präzises Signal dafür, dass der Boden, auf dem Haidmühle, Volary und der gesamte Bayerische Wald stehen, alles andere als geologisch tot ist. Unter der touristischen Ruhe des Dreiländerecks arbeitet ein Gesteinskörper, der älter ist als die Alpen, ständig weiter – nur eben so gemächlich, dass es für ein Menschenleben kaum auffällt. Man muss schon genau hinhören. Oder eben zufällig gerade in Haidmühle stehen, wenn es kurz grollt.
Quellen: erdbebennews.de; Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU); Wikipedia „Böhmische Masse“, „Pfahl (Bayerischer Wald)“; Der Bayerische Wald, Zoologisch-Botanische Gesellschaft (zobodat.at); da Hogn Onlinemagazin.
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