Übernahmeschlacht um easyJet: Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte Bieter
Es gibt Übernahmeschlachten, die ziehen sich über Monate hin wie ein Genesis-Konzert ohne Zugabe – man wartet und wartet, und dann kommt doch noch was Überraschendes. Bei easyJet ist genau das gerade passiert.
Die Ausgangslage: Ein Bieter, viele Körbe
Monatelang hat sich der britische Billigflieger gegen die Avancen des US-Finanzinvestors Castlelake gesträubt. Vier Angebote wurden abgelehnt, bevor am 5. Juli mit dem fünften endlich Rauchzeichen aus der Vorstandsetage kamen: 6,90 Pfund je Aktie, das Unternehmen mit rund 5,2 bis 5,5 Milliarden Pfund bewertet. Man einigte sich "im Grundsatz", wie es im Übernahmedeutsch so schön heißt – also ungefähr so verbindlich wie eine Wetterprognose für übermorgen.
Und dann, kaum dass die Tinte trocken war: Apollo Global grätscht dazwischen. 7,15 Pfund je Aktie, 5,7 Milliarden Pfund Gesamtwert. Die easyJet-Führung, die gerade noch Castlelake umarmt hatte, lässt den einen fallen und nimmt den anderen an die Hand. Die Aktie dankt es mit einem Kurssprung von 13,5 Prozent. Seit Mitte Mai hat sich der Kurs damit fast verdoppelt – wer eingestiegen ist, kann sich freuen, wer zugeschaut hat, ärgert sich vermutlich ein bisschen.
Warum das Ganze überhaupt passiert
Die Gründe liegen auf der Hand, und sie sind branchenweit dieselben: steigende Treibstoffkosten, anhaltender Margendruck, dazu der Iran-Konflikt, der für Umwege im internationalen Flugverkehr und knappere Ölmärkte sorgt. Während Ryanair mit gnadenloser Standardisierung und aggressiver Preispolitik weiter Gewinne einfährt, tut sich easyJet in einem margenschwächeren Segment schwerer. Trotzdem – oder gerade deswegen – gilt die Airline als attraktives Übernahmeziel. Der Grund: wertvolle, streng limitierte Slots an Flughäfen wie London-Gatwick, Paris-Charles-de-Gaulle oder Mailand. Landerechte sind in der Luftfahrt das, was in meiner Branche die Leerrohrtrasse ist – knapp, begehrt, und nicht beliebig vermehrbar.
Das eigentlich spannende Detail: die EU-Lizenz
Hier wird es interessant, und zwar auf eine Art, die mich an so manche Diskussion über ausländische Investoren in kritischer Infrastruktur erinnert. EU-Recht schreibt vor, dass Fluggesellschaften, die von EU-Verkehrsrechten profitieren wollen, zu mehr als 50 Prozent von EU-Bürgern kontrolliert werden müssen. easyJet wickelt über die Wiener Tochter easyJet Europe einen erheblichen Teil seines Geschäfts ab – ein vollständiger Verkauf an ein rein amerikanisches Konsortium könnte also den Lizenzentzug riskieren.
Castlelakes Lösung dafür war eine ziemlich kreative Konstruktion: Der Investor wollte selbst nur 49 Prozent halten, die restlichen 51 Prozent sollten an die früheren easyJet-Manager Peter Bellew und Mark Breen gehen – als EU-Bürger formal compliant, faktisch aber schwer vorstellbar, dass ein Investor mit Milliarden im Rücken sich mit einer Minderheitsposition zufriedengibt. Wie Apollo dieses Problem lösen will, ist bisher nicht kommuniziert. Das ist kein Detail am Rande, sondern könnte am Ende der Punkt sein, an dem die ganze Übernahme steht oder fällt.
Wer zieht die Fäden
Nicht zu unterschätzen: die Familie des Gründers Stelios Haji-Ioannou, die mit gut 15 Prozent größter Einzelaktionär ist und in der Vergangenheit alles andere als zurückhaltend war, wenn es um Kritik am eigenen Management ging. Ohne ihr Plazet – oder zumindest ohne ihre Neutralität – wird hier nichts final entschieden. Und nach britischem Übernahmerecht muss Apollo bis zum 7. August ein rechtsverbindliches Angebot vorlegen. Bis dahin ist, wie easyJet selbst einräumt, gar nichts in Stein gemeißelt.
Und was hat das mit Nürnberg zu tun?
Pikanterweise fällt die ganze Übernahmeschlacht genau in die Zeit, in der easyJet eine handfeste Wachstumsentscheidung trifft: Ab November 2026 fliegt die Airline erstmals vom Nürnberger Flughafen ab – vier Direktverbindungen nach London-Gatwick, London-Luton, Manchester und Mailand-Malpensa, Nürnberg wird damit der siebte deutsche Standort im Netzwerk. Man expandiert also munter weiter, während im Hintergrund verhandelt wird, wem das Unternehmen in ein paar Monaten überhaupt gehört. Das hat schon fast etwas von Schrödingers Airline: gleichzeitig Übernahmekandidat und Wachstumsstory.
Ob die Strecke ab Nürnberg dauerhaft bleibt, hängt laut Flughafenchef Michael Hupe von Auslastung und Erlös ab – "die Strecken müssen performen", wie er es formuliert. Sollte Apollo oder wer auch immer am Ende den Zuschlag bekommt, das Streckennetz durchforsten, dürfte genau das der erste Prüfstein sein, an dem sich zeigt, ob Franken auf der Landkarte der neuen Eigentümer bleibt oder nicht.
Mein Fazit
Aus reiner Aktionärssicht ist die Sache klar: Apollo bietet mehr Geld und mehr Flexibilität (wahlweise Bar oder Fondsanteile). Aus regulatorischer Sicht ist vieles offen – vor allem, wie Apollo die EU-Eigentümerfrage lösen will, wo Castlelake wenigstens einen (zugegeben fragwürdigen) Plan hatte. Und aus Sicht der Belegschaft und der Streckennetzplanung – auch mit Blick auf den neuen Standort Nürnberg – bleibt abzuwarten, was ein Private-Equity-Investor mit einer Airline vorhat, die ohnehin schon mit dünneren Margen kämpft als der irische Konkurrent.
Was auch immer passiert: Die Überschlagungen ereignen sich. Bis zum 7. August wissen wir mehr – oder auch nicht.
*Dies ist keine Anlageberatung, nur eine Einordnung öffentlich bekannter Fakten.*
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