Vom Gallischen Hahn zur Fünften Republik – eine kleine Geschichte Frankreichs zum 14. Juli


Ein Geburtstagsbeitrag in eigener Sache. Und in fremder.


Am 14. Juli habe ich Geburtstag. Das ist an sich schon eine Belästigung der öffentlichen Ordnung, denn an diesem Tag feiert ganz Frankreich den Sturm auf die Bastille, während ich allenfalls eine Kerze auf einem Kuchen entzünde. Ich teile mir das Datum außerdem mit Lino Ventura, dem italienisch-französischen Schauspieler mit dem Gesicht eines Mannes, der nie lächeln musste, um ernst genommen zu werden, mit dem Schlagersänger Karel Gott, der goldenen Stimme aus Prag, mit dem amerikanischen Jagdfliegerass Robin Olds, der sich seine MiGs in Vietnam mit dem schönsten Phlugzeug aller Zeiten und deutschen Im Zweiten Weltkrieg holte wie andere Leute Brikett, und mit SpongeBob Schwammkopf, dessen Führerschein in einer Bikini-Bottom-Episode den 14. Juli 1986 als Geburtsdatum ausweist. Dazu kommt, mir erst nachträglich eingefallen, Dan Smith, Sänger der Band Bastille, ebenfalls Jahrgang 1986: Der Mann hat seine Band schlicht nach seinem eigenen Geburtstag benannt, weil der zufällig auf den Sturm auf die Bastille fällt, was entweder gesunder Selbstbezug ist oder die geschickteste Marketing-Idee, die je aus einer Geburtstagsfeier entstand. Daraus folgt ich bin 8 Jahre älter als der Schwamm. Am selben Tag, 1865, stand außerdem zum ersten Mal ein Mensch auf dem Gipfel des Matterhorns, Edward Whymper, kurz bevor vier seiner sieben Begleiter beim Abstieg tödlich abstürzten. Was Berge und Revolutionen gemeinsam haben: beide enden meistens dürftiger, als es beim Aufstieg aussah.

Drei Wochen sind es noch bis dahin (wenn ich den Beitragvorbereite) , aber wer wie ich seit 2013 in der Baubranche unterwegs ist, weiß, dass man Dinge fertigstellt, bevor sie fällig werden, nicht danach. Also: ein Gang durch die Geschichte Frankreichs, von den Galliern bis heute. Nicht erschließend in allen Details, aber ehrlich in der Haltung.

Die Gallier und der Schatten Roms
Bevor es Frankreich gab, gab es Gallien, ein loses Geflecht keltischer Stämme, das von Römern als unzivilisiert und von sich selbst als unabhängig betrachtet wurde, was sich gegenseitig ausschloss, sobald Julius Caesar mit acht Legionen vorbeischaute. Der gallische Widerstand bekam mit Vercingetorix immerhin einen Namen und ein Gesicht, das später auf Comicalben gut aussehen sollte. 52 vor Christus belagerte Caesar ihn in Alesia, schloss seine eigene Armee zwischen zwei Belagerungsringen ein, um sowohl die Stadt auszuhungern als auch ein gallisches Entsatzheer abzuwehren, und gewann beides. Vercingetorix ergab sich, wurde nach Rom verschleppt und Jahre später im Triumphzug vorgeführt, bevor man ihn hinrichtete. Das ist die Gründungsgeschichte, die Frankreich sich bis heute gern erzählt: tapferer Widerstand, der am Ende doch verliert, aber moralisch gewinnt. Asterix lebt von genau diesem Selbstbild, nur mit besserem Ausgang.
Gallien wurde römisch, urbanisierte sich, bekam Straßen, Bäder und später, mit dem Zerfall des Weströmischen Reichs, neue Herren: die Franken, ein germanischer Stammesverbund, der dem Land irgendwann seinen Namen gab, ohne zu wissen, dass das mal jemanden interessieren würde.

Vom Frankenreich zur Königskrone von Gottes Gnaden

481 wurde Chlodwig I. König der Franken, vereinigte die zersplitterten Teilreiche und ließ sich um 498 taufen, eine politische Meisterleistung, die ihm die Rückendeckung der katholischen Kirche und damit der gallo-römischen Bevölkerung sicherte. Aus dieser Allianz von Krone und Altar entstand ein Muster, das Frankreich über Jahrhunderte prägen sollte und das später, 1789, mit einiger Gewalt wieder aufgelöst wurde. Karl der Große, Chlodwigs später Nachfolger im Frankenreich, dehnte das Territorium über weite Teile Westeuropas aus und ließ sich im Jahr 800 in Rom zum Kaiser krönen, was dem Papst eine schöne Geste und dem byzantinischen Hof eine handfeste Provokation war. Nach seinem Tod zerfiel das Reich in Erbteilungen, aus denen sich langfristig die Grundrisse von Frankreich und dem deutschsprachigen Raum herausschälten, zwei Nachbarn, die sich seither abwechselnd belauerten und umarmten.

Mit den Kapetingern etablierte sich ab 987 eine Dynastie, die das Königtum über Jahrhunderte stabilisierte, auch wenn der reale Machtbereich des Königs lange kaum über die Region um Paris hinausreichte. Der Rest des Landes gehörte mächtigen Vasallen, von denen einige, wie die Herzöge der Normandie, irgendwann selbst englische Könige stellten, was die Geschichte beider Länder für Jahrhunderte ineinander verknüpfte und verkomplizierte.

Jeanne d’Arc und die lange Geburt einer Nation

Der Hundertjährige Krieg, der eigentlich 116 Jahre dauerte, weil Historiker bei runden Zahlen gerne ungenau werden, war im Kern ein Erbstreit um den französischen Thron zwischen den Kapetingern und den englischen Plantagenets. England stand zeitweise kurz davor, ganz Frankreich zu beherrschen, bis ein siebzehnjähriges Bauernmädchen aus Lothringen, Jeanne d’Arc, 1429 die Belagerung von Orléans brach und dem zaudernden Thronfolger Karl VII. zur Krönung in Reims verhalf. Zwei Jahre später wurde sie von den Engländern als Hexe verbrannt, was sie nicht weniger, sondern mehr zur Symbolfigur einer entstehenden französischen Identität machte. Bis heute ist sie die Figur, an der sich politisch ziemlich jeder bedient, von der katholischen Rechten bis zu Teilen der Linken, jeder auf seine Weise und mit dem ihm genehmen Ausschnitt der Geschichte.

Der Sonnenkönig und die Mechanik der Macht

Ludwig XIV., von 1643 bis 1715 König, brachte den Absolutismus zur Perfektion, indem er den Adel von seinen Landsitzen weg und in den von ihm errichteten Prunkbau von Versailles holte, wo Hofzeremoniell zur Waffe wurde: Wer dem König beim Anziehen zusehen durfte, hatte Macht, wer nicht, hatte keine. “L’État, c’est moi” wird ihm zugeschrieben, vermutlich apokryph, aber treffend für ein System, in dem der Staat tatsächlich kaum mehr war als die Person des Herrschers. Frankreich wurde unter ihm zur dominierenden Macht Europas, militärisch wie kulturell, und genau dieses zentralisierte, auf Pracht und Pomp gebaute System hinterließ seinen Nachfolgern eine Staatskasse, die irgendwann der Realität nicht mehr standhielt. Ludwig XV. und Ludwig XVI. verwalteten vor allem den schleichenden Verfall dieses Modells, ohne es grundlegend zu reformieren, was am Ende, wenig überraschend, jemand anderes erledigte.

Der 14. Juli 1789 – der Tag, der dem Datum seinen Namen gab

Die Bastille war 1789 kein Hochsicherheitsgefängnis voller politischer Gefangener mehr, wie es die Legende will, sondern eine fast leer stehende, veraltete Festung mit sieben Insassen, von denen die meisten wegen Fälschung oder familiärer Streitigkeiten einsaßen. Was sie für die aufgebrachte Pariser Bevölkerung interessant machte, war nicht ihr Inhalt, sondern ihre Symbolik: Sie stand für die königliche Willkürjustiz, für Lettres de cachet, mit denen man Menschen ohne Verfahren wegsperren konnte, und für Pulver, das man dort lagerte und das die aufständischen Pariser dringend brauchten. Am Morgen des 14. Juli zog eine Menge zur Bastille, der Kommandant zögerte, es kam zu Schüssen, am Nachmittag kapitulierte die Garnison, der Kommandant wurde anschließend von der Menge erschlagen und sein Kopf auf einer Pike durch die Straßen getragen. Wenige Tage zuvor, am 11. Juli, hatte König Ludwig XVI. den populären Finanzminister Necker entlassen, was die Stimmung in Paris endgültig zum Kippen brachte.

Die Bastille war also weniger der Anfang der Revolution als ihr erster spektakulärer Erfolg, drei Wochen nach der Gründung der Nationalversammlung und wenige Wochen vor der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Aber sie war der Moment, an dem die Revolution sichtbar, unumkehrbar und für jeden verständlich wurde: ein Volk, das eine Festung der Macht stürmt. Genau deshalb wurde der 14. Juli und nicht etwa der Tag der Menschenrechtserklärung zum französischen Nationalfeiertag, seit 1880, mit der Militärparade auf den Champs-Élysées, die bis heute jedes Jahr stattfindet und an der traditionsgemäß auch ausländische Streitkräfte teilnehmen dürfen. Die folgenden Jahre der Revolution waren weit weniger feierlich: Königshinrichtung 1793, Terreur unter Robespierre, Guillotine als Verwaltungsinstrument, und am Ende ein Direktorium, das selbst nicht mehr wusste, wie man die freigesetzte Energie wieder in geordnete Bahnen lenkt.

Napoleon und das Erbe der Revolution
Genau diese Aufgabe übernahm 1799 ein korsischer Artillerieoffizier mit cäsarischen Ambitionen: Napoleon Bonaparte, der per Staatsstreich die Macht übernahm und sich 1804 zum Kaiser krönte, was für eine Revolution, die einst einen König hingerichtet hatte, eine bemerkenswerte Pointe war. Napoleon exportierte die Errungenschaften der Revolution, bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz, das Code civil, eine moderne Verwaltung, mit der Spitze des Bajonetts über halb Europa und schuf damit, ungewollt, die Blaupause für moderne Nationalstaaten weit über Frankreich hinaus, auch im deutschsprachigen Raum, wo seine Feldzüge das Heilige Römische Reich beendeten und den Code civil als Vorbild für spätere Zivilgesetzbücher hinterließen. 1812 scheiterte er in Russland an Entfernung, Winter und eigener Selbstüberschätzung, 1815 endgültig bei Waterloo. Was blieb, war ein Verwaltungsapparat, ein Rechtssystem und ein politischer Mythos, von dem französische Politiker bis heute gerne ein Stück abhaben wollen.

Republiken, Kolonien, Krisen – das lange 19. Jahrhundert

Nach Napoleon folgte die Rückkehr der Bourbonen, dann 1830 eine weitere Revolution, dann die Zweite Republik, dann, mit Napoleons Nephew Louis-Napoléon, 1852 noch ein Kaiserreich, das Zweite. Frankreich im 19. Jahrhundert wechselte seine Staatsform mit einer Frequenz, die selbst für französische Verhältnisse beachtlich war: Monarchie, Republik, Kaiserreich, Republik, in ständiger Wiederholung, dazwischen Barrikaden, Straßenkämpfe und die kurzlebige, blutig niedergeschlagene Pariser Commune von 1871. Parallel dazu baute sich Frankreich ein Kolonialreich auf, das sich über weite Teile Nordafrikas, Westafrikas und Indochinas erstreckte, mit allen Brüchen, Ausbeutungsverhältnissen und gewaltsamen Unterdrückungen, die solche Reiche kennzeichneten, und deren politische Nachwirkungen bis in die französische Innenpolitik der Gegenwart reichen. 1870 verlor Frankreich den Krieg gegen Preußen, musste Elsass und Lothringen abtreten und sah zu, wie im eigenen Schloss von Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen wurde, eine Demütigung, die bis 1918 nachwirkte.

Zwei Weltkriege, eine Befreiung, eine neue Republik

Der Erste Weltkrieg verwandelte weite Teile Nordfrankreichs in Schlachtfelder, Verdun und die Somme wurden zu Synonymen für industrialisiertes Massensterben, und der Sieg 1918 brachte zwar Elsass-Lothringen zurück, aber auch eine Generation, die das Land langfristig erschöpft zurückließ. Der Zweite Weltkrieg traf Frankreich 1940 mit einer militärischen Niederlage in sechs Wochen, gefolgt von der deutschen Besatzung und dem Vichy-Regime unter Marschall Pétain, das mit den Besatzern kollaborierte, während Charles de Gaulle aus London den Widerstand der Freien Franzosen organisierte. Die Befreiung 1944 und die Nachkriegszeit hinterließen ein Land, das seine eigene Rolle zwischen Widerstand und Kollaboration jahrzehntelang lieber verdrängte als aufarbeitete.

Die Vierte Republik nach 1946 erwies sich als chronisch instabil, mit Regierungen, die selten länger als ein paar Monate hielten, und scheiterte letztlich am Algerienkrieg, der das Land politisch zu zerreißen drohte. 1958 holte man de Gaulle zurück, der eine neue Verfassung mit einem deutlich gestärkten Präsidentenamt durchsetzte: die Fünfte Republik, die bis heute besteht. Algerien wurde 1962 nach einem brutalen Krieg unabhängig, eine Wunde, die in der französischen Gesellschaft bis heute nicht vollständig verheilt ist.

Frankreich heute – Atommacht, EU-Schwergewicht, ewige Unruhe

Das heutige Frankreich ist Gründungsmitglied der Europäischen Union, ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat, eine der wenigen offiziell anerkannten Atommächte und militärisch wie diplomatisch eines der einflussreichsten Länder Europas. Innenpolitisch bleibt es ein Land, das sich seiner revolutionären Tradition bewusst ist und sie auch nutzt: kaum eine Reform, von der Rentenpolitik bis zum Arbeitsrecht, geht ohne Demonstrationen, Streiks oder brennende Mülltonnen über die Bühne. Das ist keine Anekdote am Rande, das ist Methode, eine politische Kultur, in der die Straße als legitimes Korrektiv zur Institution verstanden wird, ein direkter Nachhall des 14. Juli 1789. Wer sich also fragt, warum in Frankreich regelmäßig das Land stillsteht, sobald eine Regierung an einer der heiligen Kühe rührt, der findet die Antwort nicht in der Tagespolitik, sondern in der Bastille.

Drei Wochen bis zum Kuchen

Am 14. Juli wird in Frankreich also wieder die Trikolore geschwenkt, die Patrouille de France zieht ihre weißen, blauen und roten Rauchfahnen über die Champs-Élysées, und irgendwo in Cadolzburg, im Fränkischen Zentralkontinent, werde ich eine Kerze ausblasen und mir denken, dass ich mir mit Lino Ventura, Karel Gott, Robin Olds und einem Schwamm aus Bikini Bottom ein illustres Datum teile. Das Matterhorn stand 1865 auch an diesem Tag erstmals unter menschlichen Füßen, kurz bevor der Abstieg vier Menschen das Leben kostete, was eine treffende Mahnung ist: der Aufstieg ist selten das Problem, der Erhalt des Erreichten schon. Das gilt für Berge, für Revolutionen und, mit etwas Galgenhumor betrachtet, auch für Geburtstage.

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