DIE Wissenschaft hat sich mal wieder geirrt. Zum Glück gibt es sie nicht.



Drei Jahrzehnte lang stand der Satz im Lehrbuch wie in Granit gehauen: FCKW zerstören die Ozonschicht, Punkt, Ende der Debatte, wer etwas anderes behauptet, ist Lobbyist oder Spinner. Jetzt kommt eine neue Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences und sortiert die Geschichte um vier Jahrzehnte nach hinten. Und ausgerechnet die Frau, die 1985 mit ihren eigenen Antarktis-Messungen den FCKW-Konsens erst zementiert hat, ist diejenige, die ihn jetzt selbst aufbohrt. Wer hier reflexhaft „Ozonloch-Lüge“ ruft, hat den Artikel nicht gelesen. Wer reflexhaft „die Wissenschaft hat das doch immer schon gesagt“ ruft, auch nicht.

Zur Sache: Nicht FCKW haben die Ozonschicht zuerst angeknabbert, sondern Tetrachlormethan – ein Lösungsmittel, das schon 1914 in amerikanischen Fabriken verdunstete, als noch niemand das Wort Ozonloch kannte. Zwischen 1920 und 1960 war diese Chemikalie der Haupttreiber des menschengemachten Ozonabbaus. Mit der Messtechnik von heute, so die Studie, hätte man die ersten Schäden schon 1957 nachweisen können. Tatsächlich entdeckt wurde das Ozonloch 1985. Achtundzwanzig Jahre Verspätung, weil dem Apparat schlicht die Werkzeuge fehlten – nicht der Wille.

Damit ist nichts widerlegt, was wichtig war: FCKW bleibt der Hauptverursacher des dramatischen Lochs, das das Montrealer Protokoll auslöste, und der frühere Tetrachlormethan-Effekt war laut Studienleiterin Susan Solomon zu schwach, um gesundheitlich aufzufallen. Wer also hofft, hier ein Argument gegen Klimaschutzpolitik im Allgemeinen zu finden, wird enttäuscht – die Substanz der alten Erkenntnis steht. Was nicht steht, ist die Erzählung von der einen, abgeschlossenen Wahrheit, die man 1985 verkündet und seither nur noch zitiert hat.
Und das ist der eigentliche Skandal, nur eben keiner der Chemie, sondern der Rhetorik: „Die Wissenschaft sagt“ ist in den letzten Jahren zur Allzweckwaffe geworden, mit der man Diskussionen beendet, statt sie zu führen. Klima, Pandemie, Ernährung, Ozon – das Wort „die Wissenschaft“ wird wie ein Dienstausweis vorgezeigt, der jede Nachfrage erübrigt. Nur tut Wissenschaft, wenn sie funktioniert, exakt das Gegenteil von dem, was diese Rhetorik behauptet: Sie überholt sich selbst, sobald sie kann, und zwar nicht im stillen Kämmerlein, sondern öffentlich, mit Namensschild der Forscherin, die sich vierzig Jahre zuvor selbst widersprochen hat.

Wer also DIE Wissenschaft als Abschlusstatbestand verkauft, betreibt nicht Wissenschaftskommunikation, sondern Autoritätstheater. Die Wissenschaft, die tatsächlich existiert, ist unordentlicher, langsamer und ehrlicher als ihr eigenes Pressebild. Sie sagt heute etwas anderes als 1985 – nicht weil der Zeitgeist sie dazu gezwungen hat, sondern weil ein Eisbohrkern mehr verrät als ein Satellit aus den Achtzigern. Genau deshalb darf man ihr trauen. Und genau deshalb sollte man jedem misstrauen, der sie für unfehlbar erklärt.

Die alte Garde wird trotzdem twittern, das beweise, dass man „den Wissenschaftlern“ nie etwas glauben dürfe. Die neue Garde wird twittern, das beweise erst recht, dass man „den Wissenschaftlern“ immer glauben müsse. Beide haben die Studie nicht gelesen, beide brauchen die Schlagzeile mehr als den Befund.

 Tetrachlormethan interessiert das nicht. Es hat seine Arbeit längst getan – lange bevor jemand wusste, dass es überhaupt am Werk war.

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