Die Pioniere des Nurflügels: Horten, Northrop und die britischen Experimente



Die Vision eines Flugzeugs ohne Rumpf und Leitwerk, das nur aus einem großen Flügel besteht, faszinierte Luftfahrtingenieure bereits in den frühen Jahrzehnten der Fliegerei. Drei Namen stehen dabei besonders im Fokus: die deutschen Gebrüder Horten, der amerikanische Konstrukteur Jack Northrop und die britischen Entwickler bei Armstrong Whitworth mit ihrem AW.52-Programm. Ihre Arbeiten legten den Grundstein für moderne Nurflügel-Technologie, die heute in Flugzeugen wie dem B-2 Spirit ihre Vollendung findet.

## Die Gebrüder Horten - Deutsche Visionäre

**Reimar Horten** (1915-1994) und **Walter Horten** (1913-1998) waren zwei junge Autodidakten aus Bonn-Poppelsdorf, die bereits in den 1930er Jahren mit revolutionären Nurflügel-Konzepten die Luftfahrtwelt aufhorchten. Die Brüder begannen ihre Experimente mit Segelflugzeugen und testeten ihre Konstruktionen auf dem Flughafen Bonn-Hangelar.

Ihre Motivation war sowohl aerodynamisch als auch praktisch begründet: Ein reiner Nurflügel versprach geringeren Luftwiderstand, höhere Effizienz und bessere Flugleistungen. Ohne störende Rumpf- und Leitwerksteile sollte das gesamte Flugzeug Auftrieb erzeugen.

Der Höhepunkt ihrer Entwicklung war die **Horten H IX** (später als Gotha Go 229 bezeichnet), ein strahlgetriebener Nurflügel-Jagdbomber, der 1945 seinen Erstflug absolvierte. Mit zwei Strahltriebwerken ausgestattet, war es eines der fortschrittlichsten Flugzeuge seiner Zeit und ein Vorläufer moderner Stealth-Technologie.

Die Horten-Brüder entwickelten außerdem mehrere Varianten, darunter eine zweisitzige Version (H IXb/V6) und einen Nachtjäger (V7). Ihre Arbeit wurde durch das Kriegsende unterbrochen, doch ihre Erkenntnisse flossen später in die Entwicklung moderner Nurflügel ein.

## Jack Northrop - Der amerikanische Perfektionist

Auf der anderen Seite des Atlantiks verfolgte **Jack Northrop** (1895-1981) ähnliche Visionen. Der amerikanische Ingenieur war besessen von der Idee des perfekten Nurflügels und entwickelte systematisch eine Reihe von "Flying Wings" für die US Air Force.

Northrops berühmteste Schöpfungen waren die **YB-35** und ihre strahlgetriebene Weiterentwicklung, die **YB-49**. Diese gigantischen Bomber sollten die strategische Luftwaffe der USA revolutionieren. Die YB-49 flog erstmals im Oktober 1947 und erreichte beeindruckende Geschwindigkeiten, litt aber unter Stabilitätsproblemen und reduzierter Reichweite durch das Gewicht der Strahltriebwerke.

Obwohl das Programm 1949 eingestellt wurde - alle elf gebauten Flying Wings wurden verschrottet - legte Northrops Arbeit den Grundstein für den späteren B-2 Spirit Bomber. Seine jahrzehntelange Forschung an Flugstabilität, Steuerungssystemen und aerodynamischen Eigenschaften von Nurflüglern war wegweisend.

## Die britischen Experimente: Armstrong Whitworth AW.52

Großbritannien blieb in der Nurflügel-Entwicklung nicht untätig. Nach dem Zweiten Weltkrieg startete **Armstrong Whitworth** unter der Leitung von Chefkonstrukteur **John Lloyd** ein ambitioniertes Forschungsprogramm mit dem **AW.52**, einem experimentellen Nurflügel für Hochgeschwindigkeitsforschung.

John Lloyd, der bereits bei Armstrong Whitworth für erfolgreiche Konstruktionen wie die Whitley und den Atlas verantwortlich war, wagte sich mit dem AW.52 in völlig neues Terrain vor. Der AW.52 war als ganzmetallisches, strahlgetriebenes Flugzeug mit einziehbarem Fahrwerk konzipiert. Mit zwei Rolls-Royce Nene-Triebwerken sollte er Geschwindigkeiten von über 800 km/h erreichen. Das Programm lief über zehn Jahre und umfasste den Bau von drei Prototypen - einen bemannten Segler und zwei strahlgetriebene Versionen.

Trotz der intensiven Forschung und Lloyds erfahrener Leitung erwies sich das Projekt als wenig erfolgreich. Die Briten kämpften mit ähnlichen Stabilitätsproblemen wie ihre deutschen und amerikanischen Kollegen. Das Programm wurde schließlich eingestellt, da die erhofften Vorteile nicht realisiert werden konnten.

## Das Handley Page HP.75 - Ein weiterer britischer Versuch

Weniger bekannt ist das **Handley Page HP.75**-Projekt, ein weiterer britischer Beitrag zur Nurflügel-Entwicklung. Bei Handley Page, dem Unternehmen von Frederick Handley Page, arbeiteten erfahrene Konstrukteure an diesem experimentellen Nurflügel-Konzept. Dieses Programm blieb jedoch größtenteils im Planungsstadium und erreichte nicht die Entwicklungstiefe der anderen genannten Projekte.

## Parallele Entwicklungen und gemeinsame Herausforderungen

Bemerkenswert ist, dass alle drei Nationen - Deutschland, USA und Großbritannien - unabhängig voneinander ähnliche Lösungsansätze entwickelten. Die Hauptprobleme waren überall dieselben:

- **Längsstabilität**: Nurflügel neigen zu Instabilität um die Querachse
- **Steuerung**: Ohne Leitwerk mussten alternative Steuermethoden entwickelt werden
- **Strukturelle Herausforderungen**: Die Unterbringung von Nutzlast, Treibstoff und Triebwerken im Flügel
- **Zentimeterregel**: Schon kleine Änderungen am Schwerpunkt konnten das Flugverhalten drastisch beeinflussen

## Die Frage der Begegnung: Kannten sich die Pioniere?

Eine der faszinierendsten Fragen der Luftfahrtgeschichte ist, ob sich Jack Northrop und die Gebrüder Horten jemals persönlich begegnet sind. Historische Quellen zeigen, dass es kaum Belege für direkten Kontakt zwischen den beiden Lagern gibt und sicherlich keine Hinweise auf aktive Zusammenarbeit. Northrop war sich der Arbeit der Hortens durchaus bewusst, soll sie aber als "nur Segelflugzeug-Designer" abgetan haben, wie berichtet wurde.

Jack Northrop hatte bereits in den 1930er Jahren Interesse an den Segelflugzeugen der Horten-Brüder geäußert, doch ein direktes Treffen oder gar ein Austausch von Konstruktionsgeheimnissen fand offenbar nie statt. Die politischen Umstände des Zweiten Weltkriegs machten eine Kooperation unmöglich, und nach dem Krieg gingen die Entwicklungen getrennte Wege.

Während Reimar Horten nach dem Krieg zunächst in Argentinien lebte und Walter in Deutschland blieb und später wieder der Luftwaffe beitrat, setzte Northrop in den USA seine Flying-Wing-Programme fort. Die Gelegenheit zu einem persönlichen Austausch zwischen diesen Nurflügel-Visionären verpasste die Geschichte leider - ein Treffen hätte sicherlich faszinierende Erkenntnisse über parallele Entwicklungen und unterschiedliche Lösungsansätze gebracht.

## Vermächtnis und moderne Entwicklungen

Die Pionierarbeit von Horten, Northrop und den britischen Ingenieuren war ihrer Zeit weit voraus. Erst mit der Entwicklung moderner Fly-by-Wire-Systeme und Computertechnik konnten die Stabilitätsprobleme von Nurflüglern erfolgreich gelöst werden.

Heute fliegt mit dem B-2 Spirit der Traum Jack Northrops in perfektionierter Form. Auch unbemannte Nurflügel wie die X-47B beweisen die Zukunftsfähigkeit des Konzepts. Die Erkenntnisse der frühen Pioniere fließen in moderne Entwicklungen ein und zeigen, dass ihre Vision von effizienten, eleganten Nurflüglern letztendlich Realität wurde.

Die Geschichte der Nurflügel-Entwicklung ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie technische Visionen auch nach anfänglichen Rückschlägen durch beharrliche Forschung und technologischen Fortschritt letztendlich verwirklicht werden können. Die Gebrüder Horten, Jack Northrop und die britischen Ingenieure waren wahre Pioniere, deren Mut zu unkonventionellen Lösungen die Luftfahrt nachhaltig geprägt hat.

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