Radio Eriwan antwortet: Warum einfache Sprache statt Bildung?
Anfrage an Radio Eriwan: "Stimmt es, dass wir den Menschen lieber alles in einfacher Sprache erklären sollten, statt sie zu befähigen, komplexe Sachverhalte zu verstehen?"
Radio Eriwan antwortet: Im Prinzip ja, aber es ist kompliziert.
Die kurze Antwort (in einfacher Sprache)
Ja, wir machen alles einfach. So einfach, dass bald niemand mehr weiß, was "kompliziert" bedeutet. Das ist auch einfacher.
Die längere Antwort (für die, die noch komplex denken können)
Zunächst müssen wir klarstellen: Die Frage selbst ist bereits verdächtig komplex formuliert. Wir empfehlen eine Umformulierung in einfacher Sprache: "Warum dumm reden statt schlau machen?"
Aber zur Sache:
Erstens ist es natürlich viel effizienter, sämtliche Texte, Formulare und Gebrauchsanweisungen auf das Niveau eines Erstklässlers herunterzubrechen, als das Bildungssystem zu verbessern. Ein Bildungssystem zu reformieren dauert Jahrzehnte und kostet Milliarden. Ein Text in einfacher Sprache? Drei Stunden und ein müder Praktikant.
Zweitens hat die Geschichte gezeigt: Komplexe Gedanken führen zu komplexen Fragen. Komplexe Fragen führen zu unbequemen Diskussionen. Unbequeme Diskussionen führen zu... nun ja, lassen wir das. Besser, wir halten alles schön einfach.
Drittens – und das ist besonders wichtig – würde die Befähigung der Menschen zum Verstehen komplexer Sachverhalte bedeuten, dass sie möglicherweise auch komplexe Zusammenhänge hinterfragen könnten. Zum Beispiel, warum ihre Stromrechnung so aussieht, wie sie aussieht. Oder Versicherungspolicen. Oder Mietverträge. Das kann niemand wollen.
Die praktischen Vorteile
Radio Eriwan hat eine Liste der unbestreitbaren Vorteile zusammengestellt:
- Für Behörden: Weniger Rückfragen, wenn niemand den Text versteht. Moment. Mehr Rückfragen, wenn niemand den Text versteht. Hmm. Wie auch immer, irgendwas mit weniger Arbeit.
- Für die Wirtschaft: Wenn Allgemeine Geschäftsbedingungen in einfacher Sprache wären, könnten Menschen sie ja tatsächlich lesen. Das wäre... ungünstig.
- Für die Bildung: Wenn alle Texte einfach sind, brauchen wir keine guten Lehrer mehr. Auch die Lehrer können dann in einfacher Sprache denken. Effizienz!
- Für die Gesellschaft: Eine gemeinsame einfache Sprache vereint uns alle. Auf niedrigstem Niveau, aber immerhin.
Der dialektische Widerspruch
Hier offenbart sich freilich ein Widerspruch, den bereits Marx (hätte man ihn in einfacher Sprache lesen können) erkannt hätte:
Die Forderung nach einfacher Sprache wird meist in derart verschachtelten, mit Fremdwörtern gespickten Expertenrunden diskutiert, dass kein normaler Mensch versteht, worum es geht. Die Arbeitsgruppe "Einfache Sprache" tagt unter dem Motto "Implementierung niedrigschwelliger Kommunikationsstrukturen zur Optimierung der Partizipationsmöglichkeiten bildungsferner Schichten."
Sehen Sie den Witz? Nein? Ist vielleicht zu komplex formuliert.
Radio Eriwans Kompromissvorschlag
Wie wäre es mit einem innovativen Mittelweg: Wir bieten alles in zwei Versionen an!
Version A: "Das Ding geht kaputt, wenn Wasser drauf kommt." Version B: "Die Exposition gegenüber H₂O-Molekülen kann zu irreversiblen Schäden an der elektronischen Integrität des Geräts führen."
Dann kann jeder selbst wählen, auf welchem Niveau er bevormundet werden möchte.
Fazit
Radio Eriwan fasst zusammen: Ja, es ist prinzipiell sinnvoller, die Welt so einfach zu erklären, dass ein Fünfjähriger sie versteht, statt Menschen zu befähigen, sie in ihrer tatsächlichen Komplexität zu begreifen.
Das hat historisch immer wunderbar funktioniert. Fragen Sie einfach jeden beliebigen Herrscher der letzten 3000 Jahre.
In diesem Sinne: Bleiben Sie einfach!
Radio Eriwan sendet täglich zwischen den Zeilen.
P.S.: Dieser Text wurde bewusst NICHT in einfacher Sprache verfasst. Wir bitten um Nachsicht und empfehlen Ihnen, ein Buch zu lesen. Vielleicht ein kompliziertes.
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