Der erste Seismograph von Hof: Ein Pionier der Erdbebenforschung (1909)


Im Jahr 1909 geschah etwas Außergewöhnliches in der oberfränkischen Stadt Hof: Die Bürger der Stadt investierten in ein hochmodernes wissenschaftliches Instrument, das damals zu den fortschrittlichsten seiner Art gehörte – einen Wiechert'schen Seismographen. Diese bemerkenswerte Initiative macht Hof zu einem frühen Zentrum der Erdbebenforschung in Bayern.

## Die Ausgangssituation: Bayern ohne Erdbebenüberwachung

Um das Jahr 1909 befand sich Bayerns einzige seismologische Station in München-Bogenhausen, wo bereits seit 1905 ein Wiechert'scher astatischer Horizontalseismograph mit einer beeindruckenden Masse von 1200 kg seine Arbeit verrichtete. Für eine flächendeckende Überwachung seismischer Aktivitäten war dies jedoch bei weitem nicht ausreichend.

Die Hofer Bürger erkannten diese Lücke und zeigten bemerkenswerte wissenschaftliche Weitsicht: Sie beschlossen, selbst die Initiative zu ergreifen und ein derartiges Erdbebenmessgerät zu erwerben. Diese bürgerschaftliche Investition in die Wissenschaft war für die damalige Zeit außergewöhnlich und spricht für das besondere Engagement der Hofer Bevölkerung für den technischen Fortschritt.

## Der Wiechert-Seismograph: Technische Innovation aus Göttingen

Der in Hof installierte Seismograph stammte aus der Werkstatt von Emil Wiechert, einem der bedeutendsten Geophysiker seiner Zeit. Wiechert, der 1898 als weltweit erster Professor für Geophysik an der Universität Göttingen berufen wurde, hatte das erste Institut für Geophysik der Welt gegründet und dort revolutionäre Seismographen entwickelt.

Die Wiechert'schen Instrumente waren ihrer Zeit weit voraus. Sie bestanden aus einem umgekehrten Pendelsystem und verfügten über eine innovative Luftdämpfung, die sie deutlich von früheren Seismographen unterschied. Diese technische Verbesserung ermöglichte es erstmals, Seismogramme zu erstellen, die Rückschlüsse auf die tatsächlichen Bodenbewegungen zuließen.

Der Hofer Seismograph war mit zwei kleinen Wiechert'schen Horizontal- und Vertikal-Pendeln ausgestattet, die Bewegungen um etwa das 80-fache verstärkten und auf berußtem Papier aufzeichneten. Diese Konfiguration ermöglichte es, sowohl horizontale als auch vertikale Komponenten von Erdbeben zu registrieren.

## Das "Erdbebenhäuschen" am Theresienstein

Als Standort für das kostbare Instrument wählten die Hofer den Theresienstein, eine der schönsten Parkanlagen Deutschlands. In einem eigens dafür errichteten Gebäude, das noch heute als "Erdbebenhäuschen" bekannt ist, fand der Seismograph seine neue Heimat. Die Wahl dieses Standortes war durchaus strategisch: Der Theresienstein bot die notwendige Ruhe und Stabilität, die für präzise seismische Messungen erforderlich waren.

Das Erdbebenhäuschen im Bürgerpark Theresienstein zeugt noch heute durch seinen Namen von dieser besonderen wissenschaftlichen Vergangenheit Hofs. Es erinnert an eine Zeit, in der die Stadt eine Vorreiterrolle in der Erdbebenforschung spielte.

## Betrieb und wissenschaftliche Bedeutung

Die seismologische Station Hof wurde zunächst von München aus betreut, was die Einbindung in das bayerische Messnetz verdeutlicht. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm die Hauptstation in Jena die Betreuung, was die überregionale Bedeutung des Hofer Standortes unterstreicht.

Besonders bemerkenswert ist die Kontinuität der Messungen: Der Seismograph registrierte nahezu ununterbrochen seismische Aktivitäten und lieferte wichtige Daten für die Erdbebenforschung. Erst der Zweite Weltkrieg brachte die Registrierungen vorübergehend zum Erliegen.

## Wiederaufnahme und spätere Entwicklung

Nach dem Krieg nahm die Station 1955 ihren Betrieb wieder auf und wurde erneut von München aus betreut. Bis 2001 blieb die Station Hof aktiv und trug zur seismischen Überwachung Bayerns bei. Damit war sie über 90 Jahre lang ein wichtiger Baustein der deutschen Erdbebenforschung.

## Das Erbe: Rückkehr nach Hof

Nach mehr als 50 Jahren kehrte der historische Seismograph 2019 als Dauerleihgabe des Deutschen Museums München nach Hof zurück. Diese Rückkehr würdigt nicht nur die wissenschaftliche Tradition der Stadt, sondern macht auch deutlich, welchen Stellenwert die Bürgerinitiative von 1909 in der deutschen Wissenschaftsgeschichte einnahm.

## Fazit: Hof als Pionier der Erdbebenforschung

Der erste Seismograph von Hof steht für mehr als nur ein wissenschaftliches Instrument. Er symbolisiert den Mut und die Weitsicht der Hofer Bürger, die 1909 erkannten, wie wichtig die systematische Erforschung seismischer Phänomene war. Mit ihrer Initiative trugen sie dazu bei, dass Bayern über ein dichtes Netz seismischer Stationen verfügte und legten den Grundstein für die moderne Erdbebenforschung in der Region.

Das "Erdbebenhäuschen" am Theresienstein erinnert bis heute an diese bemerkenswerte Zeit, in der Hof zu einem wichtigen Zentrum der Geophysik in Deutschland wurde. Die Geschichte des Hofer Seismographen zeigt eindrucksvoll, wie bürgerschaftliches Engagement und wissenschaftlicher Fortschritt Hand in Hand gehen können.

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