Radio Eriwan antwortet: Warum soll der Staat sich um alles kümmern?
Anfrage an Radio Eriwan: "Stimmt es, dass in Deutschland viele glauben, der Staat müsse sich um alles kümmern, statt dass die Bürger selbst Verantwortung übernehmen und der Staat lediglich die Rahmenbedingungen bereitstellt?"
Radio Eriwan antwortet: Im Prinzip ja, aber das haben wir uns über Jahrzehnte hart erarbeitet.
Die historische Perspektive
Radio Eriwan erinnert sich noch gut an die alte deutsche Tradition: "Was der Bauer nicht kennt, das regelt der Staat."
In Deutschland hat sich über Generationen eine wunderbare Symbiose entwickelt: Der Staat kümmert sich um alles, und die Bürger kümmern sich darum, dass der Staat sich um alles kümmert. Ein perfekter Kreislauf!
Die Entwicklung eines Systems
Phase 1 (1950er): Der Staat hilft beim Wiederaufbau. Die Menschen sind dankbar.
Phase 2 (1960er-70er): Der Staat hilft weiter. Die Menschen gewöhnen sich daran.
Phase 3 (1980er-90er): Der Staat hilft immer noch. Die Menschen erwarten es.
Phase 4 (2000er): Der Staat hilft. Die Menschen fordern es ein.
Phase 5 (heute): Der Staat hilft nicht schnell genug. Die Menschen verklagen ihn.
Warum ist das so schön praktisch?
Radio Eriwan hat die Vorteile analysiert:
Für den Bürger:
- Keine schwierigen Entscheidungen treffen müssen
- Bei Problemen immer jemanden zum Beschuldigen haben
- Das beruhigende Gefühl, dass "die da oben" schon wissen, was sie tun (tun sie nicht, aber das ist ein anderes Thema)
- Man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren: Sich zu beschweren
Für den Staat:
- Legitimation durch Zuständigkeit für alles
- Mehr Personal (das Personal freut sich)
- Mehr Formulare (die Papierindustrie freut sich)
- Mehr Regelungen (die Juristen freuen sich)
- Alle sind glücklich! Außer denen, die Steuern zahlen. Aber die haben ja den Staat, der sich um ihre Sorgen kümmert.
Praktische Beispiele aus dem Alltag
Szenario 1: Der Gehweg
- Selbstverantwortung: "Da ist ein Schlagloch, ich melde das und gehe drumherum."
- Deutsche Realität: "Da ist ein Schlagloch! Wo bleibt der Staat? Ich fordere eine Untersuchungskommission! Und Schmerzensgeld! Mein Chihuahua hätte sich den Knöchel verstauchen können!"
Szenario 2: Das Eichhörnchen
- Selbstverantwortung: "Niedliches Tier in meinem Garten."
- Deutsche Realität: "Wer ist zuständig? Naturschutzbehörde? Ordnungsamt? Veterinäramt? Ich brauche einen Amtsbescheid darüber, ob ich es füttern darf! In dreifacher Ausfertigung!"
Szenario 3: Die Lebensplanung
- Selbstverantwortung: "Ich überlege, was ich studieren möchte."
- Deutsche Realität: "Warum gibt es keine Bundesstudienwahlgarantie? Der Staat muss mir sagen, welches Studium zukunftssicher ist! Und wenn nicht, klage ich auf entgangenes Lebenseinkommen!"
Der philosophische Kern
Hier offenbart sich eine tiefe Wahrheit: Freiheit ist anstrengend. Verantwortung ist unbequem. Entscheidungen können falsch sein.
Wie viel einfacher ist es da, wenn der Staat entscheidet! Und wenn es schiefgeht? Nun, dann war's der Staat. Perfekt!
Radio Eriwan zitiert an dieser Stelle gerne den großen Philosophen Kant, der sagte: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
Die moderne deutsche Interpretation lautet: "Habe einen Beamten, der deinen Verstand für dich bedient."
Das Paradoxon
Besonders amüsant: Dieselben Menschen, die fordern, dass der Staat sich um alles kümmert, beschweren sich gleichzeitig über:
- Zu viel Bürokratie
- Zu hohe Steuern
- Zu viele Vorschriften
- Zu lange Wartezeiten
- Zu wenig Eigenverantwortung (bei den anderen natürlich)
Radio Eriwan nennt das: Kognitive Vollversorgung mit Widerspruchsimmunität.
Internationale Perspektive
Radio Eriwan hat nachgefragt:
Schweden: "Der Staat schafft gute Bedingungen, dann machen wir selbst."
Schweiz: "Was ist ein Staat? Ach so, die Gemeindeversammlung. Ja, da gehen wir alle hin."
USA: "Government is the problem!" (Außer bei Militär, Infrastruktur, Katastrophenhilfe, Landwirtschaft, und...)
Deutschland: "Der Staat ist schuld! Warum kümmert der sich nicht mehr? Skandal!"
Die Kosten-Nutzen-Rechnung
Nehmen wir an, der Staat würde sich nur noch um Rahmenbedingungen kümmern:
Gewinn:
- Weniger Bürokratie
- Niedrigere Steuern
- Mehr Eigenverantwortung
- Mehr Innovation
- Schnellere Entscheidungen
Verlust:
- Wer soll man dann anrufen?
- Worüber soll man sich beschweren?
- Was macht man mit all der freien Zeit, wenn man nicht mehr bei Ämtern Schlange steht?
- Was wird aus den 847 verschiedenen Förderanträgen?
Sie sehen: Der Verlust überwiegt eindeutig!
Radio Eriwans Prognose
Das System wird sich halten. Warum? Weil es ein selbsttragendes Ökosystem geschaffen hat:
- Bürger fordert Staatshilfe
- Staat schafft Programm
- Programm braucht Verwaltung
- Verwaltung braucht Regeln
- Regeln brauchen Kontrolle
- Kontrolle braucht mehr Verwaltung
- Mehr Verwaltung braucht mehr Steuern
- Mehr Steuern brauchen mehr Rechtfertigung
- Mehr Rechtfertigung braucht mehr Programme
- Zurück zu 1.
Ein perpetuum mobile der Verantwortungsdelegation!
Die unbequeme Wahrheit
Zwischen uns gesagt: Es ist auch bequem für den Staat. Denn ein Bürger, der alles vom Staat erwartet, ist ein Bürger, der akzeptiert, dass der Staat sich überall einmischt.
Die Frage "Warum kümmert sich der Staat nicht um X?" impliziert: "Der Staat darf sich um X kümmern."
Und siehe da: Irgendwann kümmert sich der Staat um X, Y, Z und das ganze Alphabet. Inklusive Umlauten.
Fazit
Radio Eriwan fasst zusammen: Ja, in Deutschland glauben viele, der Staat müsse sich um alles kümmern. Das liegt daran, dass der Staat sich Jahrzehnte lang um alles gekümmert hat.
Es ist ein wenig wie mit dem verwöhnten Kind, das nie gelernt hat, sich die Schuhe selbst zu binden. Nur dass das Kind jetzt 80 Millionen Menschen sind. Und die Schuhe eine komplexe Industrienation.
Die Lösung? Radio Eriwan empfiehlt einen radikalen Ansatz: Einmal die Woche selbst nachdenken. Jeden Montag fünf Minuten. Mal sehen, was passiert.
Aber wahrscheinlich wird es dafür bald eine Behörde geben: Das Bundesamt für eigenverantwortliches Denken. Mit Antragsformular in vierfacher Ausfertigung.
Radio Eriwan wünscht gutes Gelingen beim selbstständigen Leben. Oder wenigstens beim Ausfüllen des Antrags auf Genehmigung desselben.
P.S.: Falls Sie sich über diesen Text beschweren möchten – das zuständige Amt finden Sie auf Seite 1.847 des Behördenverzeichnisses. Bearbeitungszeit: 6-8 Monate.
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