Smart City Deutschland: Wie man mit Millionen Euro erfolgreich... nichts erreicht
*Eine Liebeserklärung an deutsche Verwaltungskunst und digitale Hilflosigkeit*
## Der glänzende Lack
Ah, Smart City! Diese zwei magischen Worte lassen die Augen von Bürgermeistern und Landräten aufleuchten wie Weihnachtsbäume. Endlich wieder eine Gelegenheit für ein Pressefoto mit besorgter Miene vor einem Touchscreen, auf dem irgendwelche bunten Grafiken flackern, die niemand versteht. "Wir gestalten die Zukunft!" verkündet der Oberbürgermeister in die Kameras, während im Hintergrund das Faxgerät der Stadtverwaltung seinen treuen Dienst verrichtet. Seit 1987. Ununterbrochen.
Die Versprechen sind vollmundig: vernetzte Infrastruktur, digitale Bürgerservices, intelligente Verkehrssteuerung, IoT-Sensoren an jeder Ecke. Deutschland wird zur digitalen Vorzeigerepublik! Man könnte fast meinen, wir hätten nicht gerade erst 2023 endlich verstanden, dass E-Mail auch ein legitimes Kommunikationsmittel ist.
## Realitätscheck: Wenn Smart City auf Hermes Conrad trifft
Aber dann – oh Wunder – treffen diese glitzernden Powerpoint-Präsentationen auf die deutsche Verwaltungsrealität. Und das ist der Moment, in dem aus "Smart City" ganz schnell "Smarte Ausrede, warum das nicht geht" wird.
Stellen Sie sich vor: Ein junger, motivierter Projektmanager (vermutlich extern eingekauft, weil intern niemand weiß, was "agil" bedeutet) präsentiert seinen Plan für ein digitales Bürgerportal. Die Reaktion? "Ja, aber haben Sie Formular 17b in dreifacher Ausfertigung eingereicht? Und das muss erst durch Referat 3, dann zu Abteilung 7, zurück zu Referat 3 zur Gegenzeichnung, dann ins Rechtsamt, danach..."
Hermes Conrad aus Futurama, dieser bürokratische Albtraum von einem Charakter, würde angesichts deutscher Verwaltungsprozesse wie ein Silicon-Valley-Startup-Gründer wirken. Schnell. Effizient. Lösungsorientiert. Das muss man erst mal schaffen.
## Die Zugfahrt: Ein ethnografisches Meisterwerk
Erinnern Sie sich an diese Momente, in denen Ihnen plötzlich alles klar wird? Bei mir war es eine Zugfahrt von Regensburg. Beamte verschiedener Gemeinden aus dem Nürnberger Umland, auf dem Heimweg von irgendeiner Schulung. Das Thema: Digitalisierung.
Die Konversation? Pure Comedy Gold.
"Also ich drucke ja lieber alles aus. Kann man besser abheften."
"Genau! Und wenn der Computer kaputt ist, hat man noch was in der Hand."
"Dieser ganze Cloud-Quatsch, wer weiß, wo die Daten dann sind."
Leute in meinem Alter. Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, die theoretisch wissen sollten, dass man Dateien auch... digital speichern kann. Aber nein. Papier ist König. Der Aktenordner ist die Krone der Schöpfung. Die Excel-Tabelle? Anarchie!
Und hier liegt das eigentliche Dilemma: Kann man es ihnen verübeln?
**Ja**, verdammt noch mal, ja! Weil sie offenbar in 20 Jahren öffentlichen Dienst nie gelernt haben, über den eigenen, mit Vorschriften tapezierten Tellerrand hinauszuschauen. Weil "Das haben wir schon immer so gemacht" zur Philosophie erhoben wurde.
Aber auch **Nein**. Weil sie tatsächlich nie etwas anderes gesehen haben. Weil das System sie so geformt hat. Weil Innovation im öffentlichen Dienst ungefähr so willkommen ist wie ein Furz im Fahrstuhl.
## Die perfekte Zerstörungsstrategie
Und genau auf diese Leute prallen nun die Smart-City-Konzepte. Mit voller Wucht. Wie ein Smartphone gegen eine Burgmauer aus dem 14. Jahrhundert.
Das Ergebnis ist vorhersehbar:
Der externe Berater schlägt eine innovative Lösung vor? "Muss erst geprüft werden. Dauert drei bis sechs Monate."
Eine Plattform soll verschiedene Behördendaten verknüpfen? "Datenschutzrechtlich schwierig. Wir brauchen ein Gutachten. Und dann ein Gegengutachten. Und dann eine Ausschreibung für das Gutachten über das Gegengutachten."
IoT-Sensoren sollen Parkplatzbelegungen melden? "Ja, aber wer ist zuständig, wenn ein Sensor kaputt geht? Referat 4? Oder 5? Wir müssen das in der nächsten Verwaltungsratssitzung besprechen. In vier Monaten."
Es ist die perfekte Strategie, um garantiert kein Ergebnis zu produzieren – oder zumindest keins, das noch irgendetwas mit der ursprünglichen Vision zu tun hat. Man arbeitet "nach Vorschrift", bis das Projekt unter der Last der Vorschriften zusammenbricht. Wie ein schwarzes Loch aus Bürokratie, das jede Innovation verschluckt.
Jeder mit fünf funktionierenden Gehirnzellen weiß: So bekommt man kein Ergebnis. Oder wenn doch, dann eins, das so verwässert, verzögert und zerrissen ist, dass man es auch hätte sein lassen können.
## Die Beweislage: Smart City? Eher Smart... ähm... Try?
Die Realität gibt mir Recht. Schauen wir uns zwei exemplarische Fälle an:
**Konstanz** hat es geschafft, aus einem Smart-Green-City-Projekt eine "Komödie mit bitterem Ende" zu machen. Millionen an Fördergeldern, große Pläne, und am Ende? Projektabbruch, Chaos, gegenseitige Schuldzuweisungen. Die Stadt hat es tatsächlich geschafft, selbst mit geschenktem Geld zu scheitern. Das muss man auch erst mal hinbekommen!
Und das ist kein Einzelfall. Quer durch Deutschland das gleiche Bild: Projekte, die steckenbleiben. Pilotprojekte, die nie über das Pilotstadium hinauskommen. Konzepte, die in Schubladen verschwinden – oder besser: in Aktenordnern, säuberlich abgeheftet.
## Das bittere Fazit
Smart City in Deutschland ist das perfekte Beispiel für den Clash zweier Welten: Die digitale Zukunft trifft auf die analoge Vergangenheit. Innovation trifft auf "Das haben wir schon immer so gemacht". Beweglichkeit trifft auf Beton.
Das Tragische? Es gibt durchaus Menschen in den Verwaltungen, die wirklich etwas bewegen wollen. Die verstehen, dass Digitalisierung mehr ist als ein PDF-Formular zum Download. Aber sie kämpfen gegen Windmühlen. Oder besser: gegen Aktenordner-Berge.
Und die Politiker? Die haben längst ihre Pressefotos bekommen, haben "Digitalisierung" und "Smart City" in ihre Reden eingebaut und sind zum nächsten Trend weitergezogen. Vielleicht Wasserstoff? Oder KI? Hauptsache, es klingt modern und man kann ein neues Förderprogramm auflegen.
Währenddessen läuft in der Verwaltung das Faxgerät. Seit 1987. Zuverlässig. Analog.
**Smart City?** Eher **Smart Try**.
Oder wie man in der Verwaltung sagen würde: "Der Antrag wird geprüft. Sie hören von uns. Irgendwann. Vielleicht. Auf dem Postweg."
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*P.S.: Dieser Beitrag wurde selbstverständlich ausgedruckt, abgeheftet und per Hauspost an niemanden verschickt.*
Quellen
https://www.seemoz.de/smart-green-city-eine-komoedie-mit-bitterem-ende/
https://archive.ph/juiOO
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