Wenn Vereinfachung zur Kapitulation wird: Über den schleichenden Bildungsabbau



Es ist ein bemerkenswerter Widerspruch unserer Zeit: Während wir in einer Welt leben, die immer komplexer wird, scheint das Bildungssystem darauf zu reagieren, indem es die Anforderungen senkt statt die Menschen zu befähigen, mit dieser Komplexität umzugehen. Nachrichten in einfacher Sprache, Goethe light, Verzicht auf schriftliche Division – was auf den ersten Blick inklusiv und zugänglich wirken mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als fatale Kapitulation vor dem eigentlichen Bildungsauftrag.

## Die falsche Antwort auf echte Herausforderungen

Niemand bestreitet, dass Menschen unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten haben. Niemand leugnet, dass Nachrichten komplex sein können oder Goethes Sprache für Jugendliche zunächst sperrig wirkt. Aber die Lösung kann doch nicht sein, die Messlatte immer weiter zu senken, bis sie am Boden liegt.

Wenn wir Nachrichten dauerhaft in einfacher Sprache anbieten, trainieren wir Menschen nicht darin, komplexe Zusammenhänge zu verstehen – wir gewöhnen sie daran, dass sie es nicht müssen. Wenn wir Faust in vereinfachter Sprache lesen lassen, erleben Schüler nicht die Kraft und Musikalität von Goethes Original, nicht die Vielschichtigkeit seiner Metaphern, nicht die Herausforderung, sich an einen Text heranzuarbeiten.

## Dividieren als Symptom eines größeren Problems

Der Vorstoß, auf schriftliches Dividieren zu verzichten, ist besonders symptomatisch. Die Begründung lautet meist: Man habe ja Taschenrechner. Aber darum geht es nicht. Schriftliches Rechnen vermittelt fundamentale Konzepte: Wie funktionieren Zahlen? Wie zerlege ich ein Problem in Teilschritte? Wie entwickle ich eine Lösungsstrategie?

Diese kognitiven Fähigkeiten sind übertragbar auf unzählige andere Lebensbereiche. Wer nie gelernt hat, einen komplexen Rechenweg durchzuhalten, wird auch in anderen Bereichen schneller aufgeben. Es geht nicht um die Division an sich – es geht um Durchhaltevermögen, systematisches Denken, die Erfahrung, dass man etwas Schwieriges bewältigen kann.

## Die Illusion der Barrierefreiheit

Natürlich gibt es Menschen mit Lernschwierigkeiten, für die einfache Sprache ein wichtiges Hilfsmittel ist. Aber der entscheidende Punkt ist: Einfache Sprache sollte eine Brücke sein, kein Endpunkt. Sie sollte Menschen ermöglichen, Zugang zu finden – um dann schrittweise mehr zu bewältigen.

Stattdessen beobachten wir eine gefährliche Entwicklung: Vereinfachung wird zum Normalfall erklärt. Was als Unterstützung für wenige gedacht war, wird zum Standard für alle. Das ist keine Inklusion – das ist Niveauabsenkung unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit.

## Was wir wirklich brauchen

Die Alternative zur Vereinfachung ist nicht gnadenlose Überforderung. Die Alternative heißt: bessere Vermittlung, mehr Zeit, individuellere Förderung, kleinere Klassen, besser ausgebildete Lehrkräfte.

Wir brauchen:
- Lehrerinnen und Lehrer, die Zeit haben, Schüler dort abzuholen, wo sie stehen
- Methoden, die komplexe Inhalte zugänglich machen, ohne sie zu entstellen
- Die Haltung, dass jeder Mensch zu mehr fähig ist, als wir oft denken
- Den Mut, Menschen auch einmal zu fordern statt sie permanent zu schonen

## Die Folgen der Kapitulation

Was passiert mit einer Gesellschaft, die ihren Bürgern nicht mehr zutraut, Nachrichten im Original zu verstehen oder klassische Literatur zu lesen? Die darauf verzichtet, grundlegende mathematische Operationen zu vermitteln?

Wir züchten Unselbstständigkeit. Wir produzieren Menschen, die darauf angewiesen sind, dass andere für sie vereinfachen, erklären, zusammenfassen. Wir schaffen eine neue Form der Unmündigkeit – freiwillig, gut gemeint, aber nicht weniger fatal.

Und wir vertiefen gesellschaftliche Spaltung: Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf Schulen, die noch anspruchsvoll unterrichten. Der Rest bekommt die Light-Version des Bildungskanons.

## Ein Plädoyer für mehr Zutrauen

Bildung war immer auch Zumutung. Die Zumutung, sich anzustrengen. Die Zumutung, etwas nicht sofort zu verstehen. Die Zumutung, über sich hinauszuwachsen. Genau darin liegt aber auch die Würde von Bildung: Sie traut Menschen zu, mehr zu werden, als sie im Moment sind.

Wenn wir das aufgeben, geben wir den Kern dessen auf, was Bildung ausmacht. Dann verwalten wir nur noch unterschiedliche Niveaus von Halbbildung, statt Menschen zu befähigen, die Welt zu verstehen und zu gestalten.

Die Komplexität der Welt wird nicht verschwinden, nur weil wir sie in einfache Sprache übersetzen. Die einzige vernünftige Antwort darauf kann nur sein: Menschen besser darin zu schulen, mit Komplexität umzugehen. Alles andere ist Kapitulation.

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