Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass Tesla-Fahrer jetzt Aufkleber auf ihre Autos kleben müssen?
**Im Prinzip ja, aber...**
...es sind natürlich keine gewöhnlichen Aufkleber. Es sind moralische Absolutions-Zettelchen für Menschen, die gerade eine existenzielle Krise durchmachen – allerdings eine sehr spezielle Art von Krise, die nur Menschen mit einem 60.000-Euro-Elektroauto betreffen kann.
## Frage an Radio Eriwan: Ist es wahr, dass "I bought the car, not the CEO" ein Zeichen von kritischem Denken ist?
**Im Prinzip ja, aber...**
...wenn man genau hinschaut, ist es eher ein Zeichen dafür, dass jemand verzweifelt versucht, sein Tesla-Logo in ein Virtue-Signal-Logo umzuwandeln. Diese Aufkleber sind im Grunde die automobile Version von "Ich habe auch schwarze Freunde" – nur dass hier niemand nach der Meinung des Autos gefragt hat.
## Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass diese Aufkleber zeigen, dass man Verantwortung für seine Kaufentscheidungen übernimmt?
**Im Prinzip ja, aber...**
...eigentlich zeigen sie das genaue Gegenteil. Denn wer wirklich Verantwortung übernimmt, steht zu seinen Entscheidungen – oder trifft neue. Diese Aufkleber sind die Verkehrsversion von "Es ist kompliziert" als Beziehungsstatus. Man will weder Fleisch noch Fisch sein, weder Single noch vergeben, weder Tesla-Fahrer noch Tesla-Gegner.
## Die Anatomie der Affigkeit
Was macht diese Aufkleber so bemerkenswert affig?
**Erstens:** Die zeitliche Komponente. "I bought this before Elon went mad" – als ob Elon Musk jemals ein Geheimnis daraus gemacht hätte, wie er tickt. Der Mann hat Leute als "Pedo Guy" beschimpft, wollte Menschen nach Mars schießen und hat auf Twitter getanzt wie ein Dad bei der Hochzeit seiner Tochter. Aber erst jetzt, JETZT ist er verrückt geworden? Das ist, als würde man sagen: "Ich habe den Tiger gekauft, bevor er angefangen hat zu beißen."
**Zweitens:** Die performative Distanzierung. Diese Menschen fahren buchstäblich Werbung für eine Marke durch die Gegend – ein riesiges "T" auf der Motorhaube – aber möchten bitte nicht mit dieser Marke assoziiert werden. Das ist, als würde man ein McDonald's-Franchise eröffnen und dann ein Schild dranmachen: "Ich verkaufe nur die Burger, nicht die Unternehmensphilosophie."
**Drittens:** Die Erwartungshaltung. Diese Aufkleber rufen praktisch: "Bitte urteilt nicht über mich!" Aber niemand außer ihnen selbst hat so intensiv darüber nachgedacht. Die meisten Menschen sehen einen Tesla und denken: "Auto." Diese Fahrer haben sich aber bereits ein komplettes Tribunal in ihrem Kopf aufgebaut, sich selbst angeklagt, verteidigt und dann freigesprochen – und teilen uns nun das Urteil mit.
## Frage an Radio Eriwan: Wäre es nicht konsequenter, das Auto einfach zu verkaufen?
**Im Prinzip ja, aber...**
...dann müsste man ja auf Komfort verzichten, möglicherweise Geld verlieren, und – Gott bewahre – eine tatsächliche Entscheidung treffen, die Konsequenzen hat. Viel einfacher ist es, einen 5-Euro-Aufkleber zu kaufen und so zu tun, als hätte man eine mutige moralische Stellung bezogen.
## Das eigentliche Problem
Man kann diese Menschen nicht ernst nehmen, weil sie den performativen Aspekt ihrer eigenen Performance nicht erkennen. Sie glauben wirklich, dass dieser Aufkleber sie von etwas freispricht – aber wovon eigentlich? Davon, ein gutes Auto gekauft zu haben? Davon, dass ein CEO öffentliche Meinungen hat?
Es ist die Infantilisierung der eigenen Konsumentscheidung. Als ob jeder Kauf einer Marke eine ewige Seelenverwandtschaft mit dem CEO bedeutet. Niemand, der einen VW fährt, klebt sich "I didn't know about the emissions scandal" auf die Stoßstange. Niemand mit einem iPhone klebt "I disagree with Foxconn's working conditions" auf sein Handy.
## Frage an Radio Eriwan: Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma?
**Im Prinzip ja.**
Man könnte einfach... Auto fahren. Ohne Statement. Ohne Rechtfertigung. Ohne performative Distanzierung. Einfach nur ein Verkehrsmittel benutzen, ohne daraus eine moralische Telenovela zu machen.
Aber das wäre natürlich viel zu einfach. Und wo bliebe dann der Spaß an der Selbstgerechtigkeit?
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*Radio Eriwan erinnert: Ein Auto ist ein Fortbewegungsmittel, kein Persönlichkeitsersatz. Aber im Prinzip... verstehen wir, dass manche Menschen beides verwechseln.*
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