Radio Eriwan antwortet: Über Selbstüberschätzung, LinkedIn und HR



## Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass Menschen, die sich selbst zu ernst nehmen, besonders wichtig sind?

Im Prinzip ja. Allerdings muss präzisiert werden: Sie sind vor allem für sich selbst wichtig. Sehr wichtig sogar. So wichtig, dass für andere Perspektiven kaum noch Platz bleibt.

Wir haben kürzlich eine Studie durchgeführt. Das Ergebnis war verblüffend: Menschen, die sich selbst zu ernst nehmen, verbringen durchschnittlich 73% ihrer Denkkapazität damit, sich vorzustellen, wie beeindruckt andere von ihnen sein müssten. Die restlichen 27% verwenden sie darauf, zu überlegen, warum die anderen es nicht sind.

Besonders faszinierend: Diese Menschen erkennen Ironie nur, wenn sie selbst sie einsetzen. Wird sie gegen sie verwendet, sprechen sie von "mangelnder Professionalität". Sie haben auch eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, jede Kleinigkeit in eine existenzielle Frage zu verwandeln. Eine falsch adressierte E-Mail? Ein Angriff auf ihre Kompetenz. Ein übersehener Gruß? Bewusste Missachtung ihrer Position. Ein Witz im Meeting? Destruktives Verhalten.

Die gute Nachricht: Sie sind sehr vorhersehbar. Die schlechte: Sie merken es selbst nie.

## Frage an Radio Eriwan: Ist LinkedIn das wichtigste Karriere-Netzwerk unserer Zeit?

Im Prinzip ja. Allerdings mit einer kleinen Einschränkung: Es ist gleichzeitig das größte Theater für berufliche Selbstdarstellung seit Erfindung der Visitenkarte.

LinkedIn hat sich von einer Jobplattform zu einer merkwürdigen Mischung aus Motivationskalender, Selbsthilfegruppe und Demütigung-durch-Erfolg-Schauplatz entwickelt. Jeden Morgen dasselbe Schauspiel:

**7:00 Uhr**: "Heute vor 5 Jahren habe ich meinen Job verloren. Heute leite ich drei Konzerne und habe nebenbei den Welthunger gelöst. Was ich gelernt habe: Niemals aufgeben! #Motivation #Leadership #Humble"

**8:30 Uhr**: Ein Recruiting-Experte erklärt, warum 47 Jahre Berufserfahrung ohne TikTok-Skills wertlos sind.

**10:00 Uhr**: Jemand postet ein Foto vom Laptop am Strand mit der Unterschrift: "Das ist kein Urlaub, das ist mein Lifestyle. #WorkLifeBalance bedeutet für mich, überall zu arbeiten."

**12:00 Uhr**: Eine herzerwärmende Geschichte: "Neulich sah ich einen obdachlosen Mann. Ich gab ihm nicht nur Geld, sondern auch meinen LinkedIn-Link. Heute ist er mein erfolgreichster Mitarbeiter. Was wir lernen können: Jeder verdient eine Chance! (PS: Wir stellen ein)"

**15:00 Uhr**: Die obligatorische "Ich bin so bescheiden"-Prahlerei: "Ich bin geehrt, demütig und überwältigt, dass ich zum 17. Mal zur Top-Influencerin gewählt wurde. Das bedeutet mir nichts – außer dass es zeigt, dass harte Arbeit sich auszahlt!"

Besonders beliebt: Posts, die mit "Unbequeme Wahrheit:" beginnen und dann die konventionellste Meinung der Welt präsentieren. "Unbequeme Wahrheit: Erfolg braucht harte Arbeit!" Revolutionär.

Das Schönste an LinkedIn ist die kollektive Amnesie. Niemand erinnert sich an gescheiterte Projekte. Jede Kündigung war "eine bewusste Entscheidung für neue Herausforderungen". Jeder Rückschlag eine "wertvolle Lernerfahrung, die mich stärker gemacht hat".

Und die Kommentare erst! "Great insights!" unter einem Post, der buchstäblich sagt: "Montage sind der erste Tag der Woche." "Thanks for sharing!" unter einer Stellenanzeige. "So inspiring!" unter einem Foto von jemandem, der Kaffee trinkt.

## Frage an Radio Eriwan: Sind HR-Professionals die strategischen Partner der Geschäftsführung?

Im Prinzip ja. So sehen sie sich jedenfalls selbst. Die Realität sieht oft etwas anders aus.

HR hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Evolution durchgemacht – zumindest in der Selbstwahrnehmung. Aus "Personalabteilung" wurde "Human Resources", dann "People & Culture", dann "Talent Management & Organizational Development Excellence". Der Titel wird länger, die Wirkung bleibt dieselbe.

Besonders interessant ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität:

**HR sagt**: "Wir sind strategische Business Partner."  
**HR macht**: Verschickt zum dritten Mal die E-Mail, dass die Zeiterfassung ausgefüllt werden muss.

**HR sagt**: "Wir gestalten die Unternehmenskultur."  
**HR macht**: Organisiert ein Teambuilding-Event mit Vertrauensfall-Übungen, die niemand machen will.

**HR sagt**: "Wir sind Talent-Scouts und erkennen Potenzial."  
**HR macht**: Lehnt Bewerber ab, weil sie eine sechsmonatige Lücke im Lebenslauf haben – die sich als Elternzeit herausstellt.

**HR sagt**: "Wir sind die Stimme der Mitarbeitenden."  
**HR macht**: Erklärt im Meeting, warum das Budget für Gehaltserhöhungen leider nicht reicht, während gleichzeitig ein neuer Chief Innovation Officer eingestellt wird.

Die größte Überlegenheit zeigt sich in der Sprache. HR hat eine eigene Lingua entwickelt, die hauptsächlich dazu dient, einfache Dinge kompliziert klingen zu lassen. "Wir müssen hier einen Mitarbeiter onboarden" heißt übersetzt: "Jemand fängt an." "Wir sollten das Skillset diversifizieren" bedeutet: "Wir brauchen jemanden, der sich mit Computern auskennt."

Und dann die heiligen Prozesse! Jede noch so simple Entscheidung braucht einen "strukturierten Prozess", "klare Guidelines" und mindestens drei Feedbackschleifen. Möchte ein Team selbstständig einen neuen Kollegen einstellen? Undenkbar! Erst muss das Anforderungsprofil erstellt werden. Dann muss es durch HR validiert werden. Dann durch die Diversity-Kommission. Dann muss geprüft werden, ob die Stelle überhaupt nötig ist. Sechs Monate später ist der Mitarbeiter, der die Arbeit machen sollte, an Überlastung ausgebrannt und die Stelle wird nicht besetzt – "aus strategischen Gründen".

Das Paradoxe: HR-Abteilungen predigen Agilität, Flexibilität und Innovation, sind aber oft die rigidesten, prozessverliebtesten und veränderungsresistentesten Bereiche im ganzen Unternehmen. Sie fordern von anderen das "Growth Mindset", das sie selbst nicht praktizieren.

Dabei wäre es so einfach: Weniger Prozesse, mehr Menschen. Weniger Titel, mehr Taten. Weniger strategische Konzepte, mehr praktische Hilfe. Aber das würde bedeuten, von dem hohen Ross herunterzusteigen – und der Blick von dort oben ist einfach zu berauschend.

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**Radio Eriwan schließt mit der Weisheit**: Im Prinzip sind wir alle manchmal zu ernst, zu selbstverliebt oder zu überzeugt von unserer eigenen Wichtigkeit. Der Unterschied ist: Manche machen daraus eine Karriere. Andere lachen darüber.

*In diesem Sinne: Nehmen Sie sich selbst nicht zu ernst. Sonst macht es niemand mehr für Sie.*

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