Haben wir ein Bildungsproblem? Teil 2


Wer nicht mehr selbst denkt, handelt auch nicht mehr selbst. Über Staatsgäubigkeit, Eigenverantwortung und eine Degeneration, die sich schleichend vollzieht.

Im ersten Teil habe ich über das Verschwinden des kritischen Denkens geschrieben. Über Menschen, die nicht mehr selbst urteilen – die Physik nicht verstehen wollen, Statistiken nicht hinterfragen, Fragen stellen als Provokation empfinden. Das hat mir, wie erwartet, ein paar unfreundliche Rückmeldungen eingebracht. Macht nichts. Ich möchte heute weitermachen.
Denn es gibt eine Mechanik, die ich für eng verwandt halte – und die mich mindestens genauso beunruhigt: den Ruf nach dem Staat. Nicht als gelegentliche Reaktion auf echte Notlagen. Sondern als Reflex. Als erste und einzige Antwort auf jedes Problem, das auftaucht.

Dieselbe Auslagerung, anderes Ziel
Wer nicht mehr selbst denken will, lagert das Urteil aus – an die Gruppe, an den Experten, an die Bewegung. Das haben wir in Teil 1 besprochen. Wer nicht mehr selbst handeln will, lagert die Verantwortung aus – an den Staat. Beide Bewegungen folgen derselben inneren Logik: Ich will nicht mehr mit der Unsicherheit sitzen müssen, die entsteht, wenn ich selbst verantwortlich bin.
Das ist menschlich. Ich verstehe das. Verantwortung ist anstrengend. Eigene Entscheidungen können falsch sein. Wer selbst handelt, kann scheitern – und muss das dann auch tragen. Wer den Staat handeln lässt, hat immer jemanden, dem er die Schuld geben kann, wenn es schiefgeht.

Das Problem ist nicht, dass Menschen sich manchmal Unterstützung wünschen. Das Problem ist, wenn daraus eine Grundhaltung wird. Wenn die Frage nicht mehr lautet „Was kann ich tun?“, sondern sofort „Wer muss das für mich lösen?“.
Die verschwundenen Zwischenschritte
Was mich konkret beobachten lässt: Es sind die Zwischenschritte, die fehlen. Früher – und ich meine damit nicht ein verklärtes Gestern, sondern eine nicht so weit entfernte Vergangenheit – gab es zwischen „Problem“ und „Staatslösung“ noch andere Stationen. Was kann ich selbst tun? Was kann mein näheres Umfeld leisten? Was kann die Gemeinschaft – Nachbarschaft, Verein, Kommune – regeln? Und erst wenn das alles nicht reicht: Was muss übergeordnet organisiert werden?

Diese Zwischenschritte sind in der öffentlichen Debatte fast vollständig verschwunden. Das Subsidiaritätsprinzip – das in Deutschland sogar verfassungsrechtlich verankert ist – kennt kaum noch jemand. Nicht weil es aufgehoben wurde. Sondern weil es niemand mehr denkt.

Wer heute darauf hinweist, dass manche Probleme auch ohne staatliche Intervention gelöst werden könnten – oder sogar besser –, bekommt schnell das Etikett „sozialer Kälte“ umgehängt. Das ist dieselbe Mechanik wie in Teil 1: Wer eine unbequeme Frage stellt, wird nicht inhaltlich beantwortet. Er wird diskreditiert.

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Staatsgäubigkeit ist keine neue Erfindung. Aber sie hat Konjunkturzyklen – und es lohnt sich, die zu kennen.

Das 19. Jahrhundert war in Deutschland geprägt von einer bürgerlichen Gesellschaft, die enorme Eigeninitiative entwickelte: Genossenschaften, Sparkassen, Bildungsvereine, soziale Einrichtungen – vieles davon nicht vom Staat initiiert, sondern von Menschen, die ein Problem sahen und es anpackten. Bismarck führte die Sozialversicherung nicht ein, weil der Staat so fürsorglich war – sondern weil er die organisierte Arbeiterbewegung fürchtete und ihr den Wind aus den Segeln nehmen wollte. Das ist ein anderes Motiv.

Im 20. Jahrhundert haben dann zwei Diktaturen auf deutschem Boden – beide mit dem Versprechen angetreten, der Staat werde es schon richten – ganze Generationen darin trainiert, auf Anweisung zu warten statt selbst zu entscheiden. Die DDR hat daraus ein System gemacht. Aber auch im Westen hat der Wohlfahrtsstaat, so segensreich er in vielem war, eine Parallelentwicklung befördert: die schleichende Entwöhnung vom Selbermachen.

Ich sage nicht, dass der Sozialstaat falsch ist. Ich sage, dass jedes System Nebenwirkungen hat – und dass eine davon ist, dass Menschen verlernen, was sie nie mehr üben müssen.

Degeneration – ein hartes Wort, aber ein ehrliches

Ich verwende das Wort bewusst, obwohl ich weiß, dass es Reaktionen auslöst. Degeneration bedeutet nicht moralisches Versagen einzelner Menschen. Es bedeutet den Verlust einer Fähigkeit auf gesellschaftlicher Ebene – durch Nicht-Gebrauch, nicht durch bösen Willen.
Ein Muskel, der nie benutzt wird, verkümmert. Das ist keine Metapher – das ist Physiologie. Dasselbe gilt für kognitive und soziale Fähigkeiten. Wer nie selbst entscheiden muss, verliert die Fähigkeit dazu. Wer nie selbst handeln muss, verliert das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Und dann ist der Ruf nach dem Staat keine bewusste politische Entscheidung mehr – er ist eine Überlebensstrategie.

Das macht es so schwer zu bekämpfen. Man kann einen Irrtum korrigieren. Man kann eine fehlgeleitete politische Überzeugung durch Argumente herausfordern. Aber wie korrigiert man eine verlorene Fähigkeit? Die kommt nicht zurück, weil jemand einen guten Artikel darüber geschrieben hat.

Was trotzdem Hoffnung macht

Ich möchte nicht mit reiner Düsternis enden – nicht weil ich die Lage schönreden will, sondern weil ein vollständiges Bild auch das einschließt, was funktioniert.
Es gibt sie noch: die Menschen, die einfach machen. Die ein Problem in ihrer Gemeinde sehen und es anpacken, ohne auf eine Förderrichtlinie zu warten. Die ehrenamtlich arbeiten, nicht weil der Staat sie dazu animiert, sondern weil sie es für richtig halten. Die lokale Initiativen gründen, Nachbarschaftshilfe organisieren, Dinge selbst in die Hand nehmen.
Das Problem ist: Diese Menschen sind leise. Sie posten nicht. Sie gründen keine Bewegungen. Sie fordern nichts. Sie machen einfach. Das macht sie in der medialen Wahrnehmung unsichtbar – und lässt das Gesamtbild düsterer erscheinen, als es vielleicht ist.
Ich halte diese stillen Macher für das Fundament, auf dem eine Gesellschaft noch stehen kann. Nicht die lautesten Stimmen. Nicht diejenigen, die am meisten vom Staat verlangen. Sondern die, die einfach liefern.

Zwei Teile, ein Gedanke

Kritisches Denken und Eigenverantwortung sind zwei Seiten derselben Münze. Wer nicht mehr selbst urteilt, handelt auch nicht mehr selbst. Wer die Verantwortung für sein Denken auslagert, lagert früh oder spät auch die Verantwortung für sein Leben aus.
Das ist kein konservatives oder progressives Problem. Es ist ein menschliches. Und es ist keines, das sich durch das nächste Bildungsprogramm oder die nächste staatliche Initiative lösen lässt – das wäre ja fast komisch.
Es löst sich, wenn einzelne Menschen anfangen, es anders zu machen. Selbst zu denken. Selbst zu handeln. Und anderen den Raum zu lassen, dasselbe zu tun.
Das klingt banal. Es ist das Schwierigste, was es gibt.
Dies ist der zweite Teil einer losen Reihe.

 Teil 1: „Haben wir ein Bildungsproblem?“ 

Sven Becker schreibt über Infrastruktur, Technologie und gelegentlich über das, was ihn beunruhigt. 

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