Zwei Dachstühle, eine Vermutung: Was die PV-Brände in Polling und Fürth mit Fachkräftemangel zu tun haben könnten




Ein Brand, den ich aus der Nähe gesehen habe
Am 29. Mai 2026 brannte der Dachstuhl der Hauptrettungswache des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Fürth, Henri-Dunant-Straße. Meterhohe Flammen schlugen aus dem Dach. Ich war zufällig vor Ort und habe die Löscharbeiten mitbekommen.

Die Polizei geht von einem Schaden im niedrigen sechsstelligen Bereich aus. Verletzt wurde niemand, das BRK-Personal hatte das Gebäude rechtzeitig verlassen. Schon am Tag selbst war klar, wo der Brandherd lag: im Bereich der Photovoltaikanlage auf dem Dach. Das THW musste in den Tagen danach ein Gerüst an der Fassade errichten, um die beschädigten Module sicher demontieren zu lassen – Folgebrände und herabstürzende Teile sollten vermieden werden.

Knapp drei Wochen später, am 20. Juni 2026, brannte in Polling im Landkreis Mühldorf am Inn ebenfalls ein Dachstuhl komplett aus. Schaden bis zu 100.000 Euro, kein Verletzter, laut Polizei ein „mutmaSslicher technischer Defekt“.
Hier muss ich ehrlich sein, was Fakt und was Vermutung ist: In der Polling-Meldung taucht das Wort Photovoltaik an keiner Stelle auf. Ich vermute trotzdem, dass auch hier eine PV-Anlage im Spiel war – schlicht, weil das Schadensbild (Dachstuhl, sechsstellig, kein Personenschaden, „technischer Defekt“) exakt dem Fürther Fall entspricht. Das ist meine persönliche Einschätzung, kein belegter Fakt. Sollte sich das bewahrheiten, wäre das der eigentlich interessante Punkt dieses Beitrags.

Die Fakten im Vergleich

Merkmal
Fürth (BRK), 29.05.2026
Polling, 20.06.2026
Schaden
Niedriger sechsstelliger Bereich
Bis zu 100.000 Euro
Brandort
Dachstuhl Hauptrettungswache
Dachstuhl Einfamilienhaus
PV-Anlage betroffen
Ja – offiziell bestätigt
Nicht bestätigt (meine Vermutung)
Ursache laut Behörde
Noch unklar, Fokus auf PV
Mutmaßlicher technischer Defekt
Verletzte
Keine
Keine


Meine eigentliche These: Es ist die Verkabelung

Mein Verdacht geht einen Schritt weiter als „irgendwas an der PV-Anlage“. Ich vermute konkret ein Problem mit der Verkabelung dieser Anlagen – und zwar aus einem Grund, der mit meiner eigenen Arbeit zu tun hat.
DC-Leitungen in PV-Anlagen führen bis zu 1.000 Volt. Anders als im AC-Hausnetz löscht sich ein Lichtbogen bei Gleichstrom nicht selbst – er brennt weiter, bis die Leitung durchgeschmort ist oder die Isolierung Feuer fängt. Die typischen Auslöser sind unspektakulär:
Schlecht gecrimpte MC4-Steckverbinder – erhöhter Übergangswiderstand, Hitzestau am Kontakt
Mismatching: Steckverbinder unterschiedlicher Hersteller kombiniert, Kontaktflächen passen nicht
Plus- und Minusleitung nicht getrennt verlegt
Kabel ohne Schutzrohr durch Installationsschächte, mechanisch oder durch Tierbiss beschädigt
Das ist keine exotische Technik, sondern Handwerk. Und genau da wird es für mich persönlich interessant.

Der Punkt, der mich wirklich umtreibt:
 Fachkräftemangel


Ich baue seit 2013 Glasfaserinfrastruktur und kenne das Problem aus erster Hand: Wenn eine Branche in kurzer Zeit massiv wächst, wächst die Zahl der qualifizierten Fachkräfte nicht im gleichen Tempo mit. Im FTTH-Ausbau führt das zu Montagefehlern, die man erst Jahre später bemerkt – schlecht gespleisste Fasern, falsch dokumentierte Trassen, plötzlich Wasser im Gebäude, improvisierte Lösungen unter Zeitdruck.

Bei Photovoltaik sehe ich das gleiche Muster, nur mit höherem Risiko, weil hier nicht nur Daten, sondern Leistung unter hoher Spannung durch die Leitung fließt. Deutschland hat in den letzten Jahren PV-Anlagen in einem Tempo installiert, das die Ausbildungskapazität für Elektrofachkräfte kaum mithalten lassen konnte. Wenn unter diesem Druck am MC4-Stecker oder an der Kabelführung gespart wird, zeigt sich der Fehler nicht sofort – sondern erst Jahre später, wenn der Übergangswiderstand langsam steigt und irgendwann ein Lichtbogen entsteht.
Das wäre, wenn sich meine Vermutung zu Polling bestätigt, die eigentliche Geschichte hinter beiden Bränden: nicht „PV-Technik ist gefährlich“, sondern „schneller Ausbau ohne ausreichend Fachpersonal produziert Fehler, die Jahre später als Brand wieder auftauchen“. Das kenne ich aus der Telekommunikationsinfrastruktur – und es würde mich nicht überraschen, wenn es bei Photovoltaik genauso läuft.
Zur Statistik – und warum man sie mit Vorsicht lesen sollte
Wer zu PV-Bränden recherchiert, stößt überall auf dieselbe Zahl: 0,006 Prozent aller Anlagen verursachen einen Brand mit größerem Schaden. Die Zahl stammt vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) – aber aus einer Erhebung von 2011 bis 2013, basierend auf rund 85 bis 120 dokumentierten Fällen bei damals etwa 1,3 bis 1,5 Millionen installierten Anlagen.

Diese Zahl wird seit 2013 unverändert durch Dutzende SEO-Ratgeberseiten kopiert, ohne dass jemand sie aktualisiert hätte – obwohl der Anlagenbestand in Deutschland seitdem auf rund 5,8 Millionen Anlagen angestiegen ist, also mehr als verdreifacht. Eine zwölf Jahre alte Stichprobe als aktuelle Sicherheitsaussage zu verkaufen, ist genau die Art von unkritischer Zahlen-Weiterverwertung, die ich sonst in der Medienkritik seziere.

Auch die kursierende Aufschlüsselung „50 % elektrische Defekte, 30 % Installationsfehler, 15 % Materialfehler, 5 % Sonstiges“ lässt sich nicht auf die Originalquelle zurückführen. Was Fraunhofer ISE und TÜV Rheinland (nicht TÜV Süd, wie man häufig liest) in ihrem gemeinsamen Forschungsprojekt tatsächlich berichtet haben, ist eine deutlich gröbere Drittelung: etwa je ein Drittel PV-Komponenten, Planungsfehler und Installationsfehler. Die genaue Prozentaufteilung mit Nachkommastellen ist spätere SEO-Ausschmückung.

Was bleibt, ist trotzdem aussagekräftig: Installationsfehler und Planungsfehler zusammen machen laut der Originalquelle einen erheblichen Teil der Fälle aus – die Technik selbst ist seltener das Problem als ihre Montage.

Fazit

Zwei Dachstühle, drei Wochen Abstand, beide in Bayern, einer davon mit bestätigter PV-Beteiligung, beim anderen nur meine begründete Vermutung. Was mich an der Sache interessiert, ist nicht die Schlagzeile „PV brennt“, sondern die mögliche Ursache dahinter: ein Ausbautempo, das schneller war als die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte. Das Muster kenne ich aus dem Glasfaserausbau – und ich wäre nicht überrascht, wenn es sich bei Photovoltaik wiederholt.

Bleibt skeptisch – auch bei den eigenen Vermutungen.

— Sven

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