Fenster auf, Klima an: Eine Charakterstudie an der eigenen Dummheit


Es gibt Artikel, die brauchen keine große Pointe, weil die Pointe schon in der Existenz des Artikels liegt. „Klimaanlage und Spritverbrauch: Klima an oder Fenster auf?“ von auto motor und sport ist so ein Fall. Der Text selbst ist saubere Handwerksarbeit, mit ADAC-Zahlen unterlegt und im Ergebnis ziemlich unspektakulär: Im Stadtverkehr ist das offene Fenster meist sparsamer, weil der Klimakompressor bei Stop-and-Go mehr arbeitet, als der Motor durch ein bisschen Luftwiderstand verliert. Auf der Autobahn dreht sich das Verhältnis um, weil der Luftwiderstand bei 100 km/h und mehr eine ganz andere Hausnummer ist als die paar Prozent Mehrverbrauch des Kompressors. Macht zusammen die alte Volksweisheit „Stadt: Fenster, Land: Klima“, jetzt halt mit Messwerten unterlegt, weil man diesem Land offenbar nichts mehr ohne Tabelle glaubt.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist, dass es diesen Artikel überhaupt braucht. Dass eine ganze Nation seit Jahrzehnten im Auto sitzt und sich allen Ernstes fragt, ob das kleine Kästchen mit dem Schneeflockensymbol nun Feind oder Freund ist, obwohl die Antwort im Grunde immer lautet: kommt drauf an, aber meistens einfach benutzen. Andere Länder führen diese Debatte nicht, weil dort niemand auf die Idee käme, sich für den Gebrauch einer Maschine zu rechtfertigen, die genau für diesen Zweck erfunden wurde. Andere Länder haben Klimaanlagen. Wir haben Diskurse.
Dazu passt, mit schöner Bosheit, die aktuelle Mode innerhalb jener Kreise, die sich selbst gerne als Speerspitze des Klimaschutzes verstehen: die Klimaanlage als kleines Symbol der Verschwendung, der Bequemlichkeit, die man sich eigentlich nicht erlauben dürfe. Wer mit offenem Fenster über die Autobahn fährt und schwitzend grinst, hat moralisch die Nase vorn, ganz gleich, was der Bordcomputer dazu sagt. Die Wärmepumpe im Haus darf sein, weil sie unter neuem Namen läuft, aber das nahezu identische Bauteil im Auto, das im Sommer kühlt statt im Winter zu heizen, bleibt verdächtig. Es ist dieselbe Technik, nur mit umgedrehter Vorzeichenrichtung, doch für Symbolpolitik braucht man keine Thermodynamik, man braucht nur ein reines Gewissen und einen sehr begrenzten Verstand.

Während diese Debatte mit gewohnter Verve geführt wird, hat ein paar hundert Kilometer weiter ein anderer Vertreter der Wetterzunft die Geduld verloren, und zwar zu Recht. Jörg Kachelmann hat sich in den vergangenen Tagen, mitten in der aktuellen Hitzewelle, mehrfach öffentlich über die offiziellen Hitzeschutz-Tipps deutscher Behörden geäußert, konkret über den Ratschlag, die Fenster tagsüber geschlossen zu halten. Seine Wortwahl war, wie man es von ihm kennt, nicht zurückhaltend: Er bezeichnete diese Empfehlung für alte Menschen in kleinen, aufgeheizten Wohnungen als lebensgefährlich und sprach von einer Art behördlicher Folter. Sein Punkt jenseits der Zuspitzung: Wer in einer kleinen Wohnung bei geschlossenem Fenster, stehender Luft und steigender Luftfeuchtigkeit sitzt, ist nicht automatisch kühler, nur weil die Hitze draußen bleibt, sondern schwitzt sich in aller Ruhe einem Kreislaufkollaps entgegen.

Interessanter als der Streit um Lüftungsregeln ist aber, welche größere Diagnose Kachelmann daraus ableitet. Er beschreibt Deutschland in diesem Zusammenhang als ein Land mit einer tief sitzenden Technikfeindlichkeit, das lieber über Verzicht und Verordnungen diskutiert, als die naheliegende technische Lösung einfach zu nutzen. Pflegeheime und Krankenhäuser, in denen seit Jahrzehnten Zeit gewesen wäre, flächendeckend zu klimatisieren, kühlen stattdessen mit heruntergelassenen Rollos und der Hoffnung auf Nachtauskühlung. Das ist, nüchtern betrachtet, dieselbe Geisteshaltung wie bei der Autoklimaanlage, nur mit höherem Einsatz: Technik gilt als unnötiger Luxus, Unbehagen gilt als irgendwie redlicher, und am Ende zahlen alte Leute in zu warmen Zimmern die Rechnung für eine Haltung, die sich selbst für besonders verantwortungsvoll hält.

Genau hier schließt sich der Bogen, und genau hier wird es Zeit, das Kind beim Namen zu nennen. Der Autofahrer, der sich auf der A3 mit hochgekurbeltem Fenster und Windgeräusch durch den Tag quält, weil eine Klimaanlage angeblich Charakterschwäche verrate, und die Behörde, die einer alten Frau in einer Dreizimmerwohnung empfiehlt, tagsüber bei Windstille und steigender Luftfeuchtigkeit auszuharren, sind beide Symptome desselben Befunds: einer Mischung aus Ignoranz, Borniertheit und einer Fähigkeit zur Selbsttäuschung, die man getrost als beachtlich bezeichnen darf. Wer das Offensichtliche verweigert, weil es ihm ideologisch nicht passt oder weil ihm das Denken schlicht zu anstrengend ist, hat sich diese Hitze redlich verdient. Es ging hier nie um Tugend. Es ging immer nur um Physik, ADAC-Messwerte und die Frage, ob man leidet, weil es nötig ist, oder weil man zu stur ist, einen Knopf zu drücken.

Diesen Verzicht teile ich, by the way, nicht, und ich habe auch nicht die Absicht, mich dafur zu entschuldigen. Ich bewohne eine Dachwohnung, betreibe dort zwei Klimaanlagen und überstehe damit Sommer wie Winter, ohne mich von dem aufgeregten Heer der Klima-Soeren und Klima-Shakiras beirren zu lassen, das wahlweise mahnt oder wimmert. Was mich an der ganzen Debatte tatsächlich auf den Sack geht, ist ohnehin nicht die müde Symbolpolitik der einen Seite, sondern jene Dachwohnungsbewohner, die sich eine Klimaanlage locker leisten könnten und es aus Ignoranz oder schlichter Dummheit trotzdem nicht tun, um sich anschließend bei jeder Hitzewelle öffentlich zu beklagen. Das ist kein Verzicht aus Prinzip, das ist selbstverschuldetes Leiden mit Ansage, vorgetragen von Leuten, die man ohne jede Bosheit als Intelligenzdiskos beschreiben kann, die zu allem Überfluss auch noch Pech beim Denken hatten. Wer es sich leisten kann und trotzdem schmort, hat kein Prinzip, sondern einen Denkfehler, und zwar einen selbstgewählten.

Das soll trotzdem kein Plädoyer für bedingungslose Kühlung um jeden Preis sein, auch wenn diese Sorte Differenzierung in diesem Land gerne mit Schwäche verwechselt wird. Wer, wie Kachelmann es selbst tut, auf den Zusammenhang von Luftfeuchtigkeit, CO2 und Windstille verweist, hat einen validen Punkt, und die ADAC-Zahlen aus dem eingangs erwähnten Artikel zeigen ja gerade, dass die richtige Lösung situationsabhängig ist und nicht schlicht „Klima immer an“ lautet. Auch reicht eine Split-Klimaanlage allein nicht, wenn Verschattung, Gebäuedämmung und Stadtplanung weiterhin so tun, als gäbe es das Wort Hitzeschutz nicht. Aber genau das ist der Punkt: Die Antwort liegt in der Differenzierung, nicht in der Ideologie und schon gar nicht in der Faulheit, sich überhaupt Gedanken zu machen. Im Stadtverkehr das Fenster, auf der Autobahn die Klimaanlage, im Pflegeheim beides, je nach Lage. Diese Erkenntnis war früher als gesunder Menschenverstand bekannt, heute braucht es dafur einen ADAC-Messbericht und einen wütenden Schweizer Meteorologen, weil der gesunde Menschenverstand hierzulande längst unter Artenschutz steht.

Vielleicht ist das am Ende die ehrlichste deutsche Eigenschaft von allen: Wir messen lieber nach, bevor wir uns trauen, das Fenster zuzumachen oder das Klima anzustellen, und wir leiden lieber sichtbar, als unauffällig vernünftig zu sein. Andere Länder hätten einfach beides gemacht und wären längst beim nächsten Thema. Wir diskutieren noch, ob das Leiden nicht irgendwie charakterbildend war.

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