40 Jahre Invisible Touch
Das Album, an dem sich alles entschied — und das alles richtig gemacht hat
Am 6. Juni 1986 erschien in den Vereinigten Staaten das dreizehnte Studioalbum von Genesis. Vier Jahrzehnte später steht fest: Invisible Touch war nicht einfach ein weiteres Album. Es war der Moment, in dem eine Band, die schon mehrmals neu erfunden worden war, ihren eigenen Hochpunkt definierte — kommerziell, handwerklich und als kulturelles Artefakt der Achtziger.
Für mich persönlich ist das kein kontroverser Satz. Invisible Touch ist das Genesis-Album. Es ist der Punkt, auf den alles davor hinauslief, und nach dem alles folgerichtig war. Wer das anders sieht, ist herzlich eingeladen, seinen Fall zu machen. Aber er sollte wissen, dass er schlechte Karten hat.
Keine Notizen. Keine Vorproduktion. Nur die drei.
Das Interessante an Invisible Touch beginnt bereits vor der ersten Note. Die Band kam im Oktober 1985 in ihr eigenes Studio — The Farm in Chiddingfold, Surrey — und brachte buchstäblich nichts mit. Keine ausgearbeiteten Songs, keine Demos, kein Konzept. Nur Phil Collins, Tony Banks und Mike Rutherford, ein Schlagzeug-Sequencer und die Bereitschaft, tagelang zu improvisieren.
Hugh Padgham, der seit Abacab mit der Band gearbeitet hatte, saß als Produzent dabei. Typische Session: Beginn gegen 11 Uhr vormittags, Ende irgendwann nach Mitternacht. Collins legte ein Drum-Pattern auf der Maschine an, Banks und Rutherford jammten darüber, Collins summte Melodielinien dazu — und irgendwann zwischen den Aufnahmen und dem Zurückhören entstand ein Song.
Collins beschrieb den Prozess als "close to jazz". Das klingt vage, trifft es aber. Was dabei entstand, war kein Album, das nach Plan gebaut wurde — sondern eines, das herausgespielt wurde.
Fünf Singles. Fünf Top-5-Platzierungen. Einmal Nummer eins.
Genesis hatte bis dahin keinen Nummer-eins-Single in den USA. Das änderte sich am 19. Mai 1986, als Invisible Touch als erste Auskopplung erschien und drei Wochen lang die Billboard Hot 100 anführte. Es war ihr einziger US-Spitzenreiter — und er kam nach über fünfzehn Jahren Bandgeschichte.
Was danach folgte, ist Chartgeschichte: In Too Deep, Land of Confusion, Tonight Tonight Tonight, Throwing It All Away. Fünf Singles aus einem Album, alle in den US-Top-5. Genesis waren damit die erste Band überhaupt, der das gelang. Das Album selbst erreichte Platz drei in den USA, Platz eins in Großbritannien, in Kanada und Neuseeland.
Die Verkaufszahlen: über sechs Millionen Exemplare allein in den Vereinigten Staaten. In Großbritannien Mehrfach-Platin. Es ist bis heute das meistverkaufte Album der Bandgeschichte.
Die Songs, einzeln betrachtet
Invisible Touch — der Opener, der alles erklärt. Drei Minuten und siebenundzwanzig Sekunden, kein überflüssiger Takt. Phil Collins singt über eine Frau, die ihn nicht loslässt, obwohl er weiß, dass etwas an ihr nicht stimmt. Die Musik macht dasselbe: Sie lässt nicht los. Mike Rutherfords Gitarrenriff ist einer der prägnantesten Einstiege der Achtziger-Popgeschichte.
Tonight Tonight Tonight — das Gegenstück. Neun Minuten. Eine Reise. Collins hat offen gesagt, dass der Text von der Abhängigkeit handelt — dem Warten auf den Dealer, dem Verlangen nach der nächsten Dosis, dem Kreisen der Gedanken in der Nacht. Das ist kein Popsong. Das ist Dokumentarismus in Sonatenform. Tony Banks' Keyboards bauen eine Atmosphäre, die sich über mehrere Phasen verändert, ohne je die Spannung zu verlieren.
Land of Confusion — politisch, bissig, mit einem Video, das Ronald Reagan nicht gefallen haben dürfte. Die Textzeile "There's too many men, too many people, making too many problems" war 1986 aktuell. Sie ist es heute nicht weniger.
Domino — das Stück, das zeigt, dass Genesis auch auf Invisible Touch noch Genesis sein konnten. Über elf Minuten, zwei Teile, ein epischer Bogen. Das ist nicht Pop. Das ist das Album, das sich selbst einen Freiraum lässt.
In Too Deep — ruhig, elegant, eines der schönsten Stücke, die die Band je aufgenommen hat. Throwing It All Away — handwerklich makellos, emotional direkt. Beide brauchen keine Erklärung.
Die Kritiker, die das nicht mochten — und warum das nachvollziehbar, aber falsch ist
Invisible Touch wurde nicht überall bejubelt. Ein Teil der Kritik lautete, das Album klinge zu sehr nach Phil Collins' Solowerk, zu sehr nach den Achtzigern, zu sehr nach Radio. Die progressive-rock-affine Fraktion trauerte Peter Gabriel nach, wie sie es seit A Trick of the Tail getan hatte.
Diese Kritik ist nachvollziehbar. Sie ist aber auch eine Frage des Maßstabs. Wenn der Vorwurf lautet, Genesis hätten 1986 kein zweites Nursery Cryme aufgenommen — dann ist das richtig. Es war auch nicht die Absicht. Die Band hatte sich entwickelt, das Publikum hatte sich entwickelt, und das Ergebnis war eine Platte, die beides ehrlich widerspiegelte.
Tony Banks hat in Interviews gesagt, dass Domino das Stück ist, das er für das bedeutendste auf dem Album hält. Phil Collins hat Tonight Tonight Tonight stets als das komplexeste Werk der Platte beschrieben. Das sind keine Zufälle. Das Album ist nicht flach — es ist effizient. Das ist ein Unterschied.
Was es nicht aufs Album schaffte — und trotzdem gut war
Invisible Touch hat neun Songs. Was es nicht zeigt: wie viel Material in The Farm noch übrig blieb. Drei Stücke aus denselben Sessions wurden als B-Seiten ausgekoppelt — und alle drei sind gut genug, um eine eigene Erwähnung zu verdienen.
Feeding the Fire erschien als B-Seite zur Land-of-Confusion-Single. Geschrieben von Tony Banks. Gut fünf Minuten, mehr Gewicht als der Albumtrack, dem es beigelegt wurde. Banks' harmonische Handschrift ist deutlich erkennbar — dichter, strukturierter als das, was Collins auf demselben Single-Release sang. Dass ausgerechnet dieser Song auf die Rückseite musste, sagt viel über den Überfluss dieser Sessions.
I'd Rather Be You — B-Seite zu Throwing It All Away, UK-Ausgabe. Phil Collins schrieb den Text. Der Tonfall ist zynisch, die Melodie geht sofort. Collins singt aus der Perspektive von jemandem, der genau weiß, was er nicht sein will — und das mit einer Direktheit, die auf dem Album selbst eher selten ist. Vier Minuten, kein überflüssiger Takt.
Do the Neurotic — instrumental, sieben Minuten, B-Seite zu In Too Deep. Banks wieder. Das Stück wurde in verschiedenen Versionen auf unterschiedlichen Singles ausgekoppelt, eine gekürzte Fassung als US-B-Seite zu Throwing It All Away. Wer The Brazilian kennt — den Instrumentaltrack auf Invisible Touch — wird Do the Neurotic als dessen größeren Bruder wiedererkennen. Mehr Raum, mehr Entwicklung, weniger Kompromisse in Richtung Albumformat.
Alle drei Stücke wurden 2007 auf dem Raritäten-Disc der SACD-Boxset-Reihe Genesis 1983–1998 offiziell veröffentlicht. Wer Invisible Touch verstehen will, sollte sie kennen. Sie zeigen, was in diesen Monaten in Chiddingfold noch alles möglich gewesen wäre.
Was dieses Album bedeutet — vierzig Jahre später
1986 war Genesis eine der größten Bands der Welt. Invisible Touch war der Beleg dafür. Nicht weil es das zugänglichste Album war, das sie gemacht hatten — das stimmte —, sondern weil es zeigte, dass handwerkliche Präzision und kommerzielle Reichweite kein Widerspruch sind.
Das Studio in Chiddingfold, die improvisierten Jams, Hugh Padghams Produktionsgefühl, die Entscheidung, keine Vorlagen mitzubringen: Das ist kein Zufall, sondern Methode. Drei Musiker, die sich nach einer Solo-Pause wieder trafen und herausfanden, dass sie zusammen noch immer mehr konnten als jeder für sich.
Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. Aber Invisible Touch klingt nicht wie ein Museumsstück. Es klingt wie eine Band, die genau wusste, was sie tat.
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