Frankenschnellweg: Der Tunnel kommt – Treppenwitz der Geschichte gerade noch abgewendet


Es gibt Themen, die in Nürnberg länger laufen als jede Endlosschleife im Lokalradio. Der Frankenschnellweg ist so ein Thema. Seit mehr als drei Jahrzehnten wird über ihn gestritten, geplant, geklagt, neu geplant und wieder geklagt. Am Sonntag, dem 28. Juni 2026, durften die rund 380.000 Wahlberechtigten der Stadt diesem Ritual ein vorläufiges Ende setzen. Sie haben es getan. Die Mehrheit hat sich für den Ausbau ausgesprochen, für den 1,8 Kilometer langen Tunnel, für die dritte Spur im Westabschnitt, für zusätzliche Lärmschutzwände. Kurz vor 20 Uhr war der Trend laut Wahlamt nicht mehr umkehrbar.

Man muss an dieser Stelle nicht so tun, als sei das ein historischer Moment von welthistorischem Rang. Es ist eine Stadt, die nach 30 Jahren endlich eine Entscheidung über eine eigene Stadtautobahn getroffen hat, die seit Jahrzehnten verstopft ist. Aber genau deshalb ist das Ergebnis bemerkenswert. Wäre der Bürgerentscheid gescheitert, hätte sich Nürnberg selbst zum Treppenwitz gemacht: eine Stadt, die in praktisch jeder Sonntagsrede über Fachkräftemangel, Wirtschaftsstandort und Mobilitätswende klagt, hätte ihre zentrale Verkehrsachse auf unbestimmte Zeit im Stau versanden lassen. Das wäre keine Heldengeschichte des Widerstands geworden, sondern eine weitere Episode in der langen deutschen Serie „Wir reden, bis das Problem von selbst verschwindet“. Tut es bekanntlich nie.

Oberbürgermeister Marcus König hat es zurückhaltend formuliert: Das Votum befriede einen Streit, der die Stadt seit über 30 Jahren beschäftige. Das ist diplomatisch ausgedrückt. Realistischer beschrieben: Mehrere Gerichtsinstanzen haben sich mit der Sache befasst, die Gegner sind dort regelmäßig gescheitert, der Bürgerentscheid war ihr letztes verfügbares Instrument. Auch das haben sie nun verloren. Michael Hauck von der Bürgerinitiative hat das Ergebnis fair akzeptiert, was man in dieser Form nicht überall im Land erlebt. Dafür gebührt ihm Respekt, unabhängig vom Ausgang.
Was praktisch passiert, ist überschaubar erklärt, aber langwierig umgesetzt. Die Stadtverwaltung hatte die Ausschreibungen zurückgehalten, solange der Bürgerentscheid offen war. Diese werden nun freigegeben. Der Westabschnitt mit dritter Fahrspur und Lärmschutz soll im Frühjahr 2027 beginnen, das ist überschaubare Zeit. Der Mittelabschnitt mit dem eigentlichen Tunnel folgt voraussichtlich erst 2030, mit einer veranschlagten Bauzeit von rund zehn Jahren. Wer das zusammenrechnet, landet bei einer Fertigstellung irgendwann gegen Ende der 2030er-Jahre, vorausgesetzt, es kommt zu keinen weiteren Verzögerungen. Bei einem Projekt dieser Größenordnung in Deutschland ist diese Voraussetzung nicht trivial.

Die Kostenfrage, die die Gegner zu Recht aufgeworfen haben, verschwindet mit dem Bürgerentscheid nicht. Über eine Milliarde Euro für 1,8 Kilometer Tunnel ist kein Pappenstiel, und wer beruflich seit über einem Jahrzehnt mit Infrastrukturprojekten in diesem Land zu tun hat, weiß: Die genannte Summe ist der Startpreis, nicht der Endpreis. Auch das Argument, der Ausbau ziehe zusätzlichen, vor allem schweren Lkw-Verkehr an, ist nicht aus der Luft gegriffen. Induzierter Verkehr ist ein bekanntes Phänomen, das sich nicht wegdiskutieren lässt, nur weil man die Trasse jetzt verbreitert. Beide Einwände bleiben berechtigt. Sie waren nur am Ende nicht stark genug, um eine Mehrheit der Nürnberger Bürger zu überzeugen, die seit Jahren morgens und abends im Stau stehen und für abstrakte Verkehrsplanungsprinzipien wenig Geduld mitbringen.

Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass ein guter Teil der heute beklagten Kostenexplosion hausgemacht ist. Wer ein Bauprojekt drei Jahrzehnte lang durch Klagen, Widersprüche und Verfahren blockiert, sollte sich nicht ernsthaft darüber wundern, wenn am Ende eine andere Zahl auf dem Papier steht als zu Beginn der Planung. Baupreise, Material, Löhne, Zinsen – all das ist in 30 Jahren nicht stehen geblieben, nur weil der Tunnel es auch nicht getan hat. Wer heute mit den Kosten gegen den Ausbau argumentiert, blendet gerne aus, dass die eigene Verzögerungstaktik einen erheblichen Teil dieser Kosten erst produziert hat. Das entwertet das ursprüngliche Anliegen nicht automatisch, aber es relativiert die moralische Empörung über die Endsumme erheblich.

Was bleibt, ist die schlichte Feststellung, dass eine Stadt nach 30 Jahren Stillstand eine bindende Entscheidung getroffen hat, mit der nun tatsächlich geplant werden kann. Das bayerische Kommunalrecht gibt der Initiative noch ein Jahr Zeit, einen neuen Bürgerentscheid anzustoßen, theoretisch. Praktisch dürfte dieses Kapitel damit geschlossen sein. Die Bagger werden trotzdem nicht morgen anrollen, dafür ist dieses Land zu gründlich in der Verwaltung seiner eigenen Gründlichkeit. Aber dass überhaupt wieder geplant statt nur gestritten wird, ist für Nürnberger Verhältnisse schon ein kleiner Fortschritt. Alles andere wäre, nach drei Dekaden Hin und Her, tatsächlich der größere Treppenwitz gewesen.

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