Das Narrenschiff und seine Passagiere — Deutschlands Verhältnis zur Technologie


Gabor Steingart schreibt in seinem Morning Briefing bei The Pioneer über Deutschland und seine Medien mit einer Schärfe, die selten ist und deshalb zitiert werden muss:

> "In diesen Tagen könnte man denken, Deutschland sei ein großes Narrenschiff – und die Medien sitzen oben im Krähennest. Dort halten die meisten Chefredakteure – das unterscheidet sie von Christoph Kolumbus und Marco Polo – nicht nach unbekannten Ufern Ausschau, sondern rufen in ekstatischer Verzweiflung: Kein Land in Sicht."

Das Bild sitzt. Und es trifft nicht nur die Medien.

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KI als Feind — die Zeitungsverlage als Frontlinie

Was Steingart in seinem Text dokumentiert, ist bemerkenswert in seiner Konsequenz. Die FAZ zensiert einen Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt, weil er ihn mit Hilfe von ChatGPT verfasst hat. Nicht weil der Inhalt falsch war. Nicht weil er schlecht geschrieben war. Sondern weil das Werkzeug falsch war. Der Artikel wandert ins Archiv — Strafe genug.

Der Tagesspiegel trennt sich von einem langjährigen Herausgeber, weil ein österreichischer Plagiatsjäger — dem bei Politikern offenbar die Arbeit ausgegangen ist, wie Steingart trocken anmerkt — herausgefunden hat, dass Kommentare mit KI-Unterstützung entstanden sind. Man zerstört lieber eine journalistische Biografie, als das eigene Feindbild zu überdenken.

Die Zeit schließlich wirft Digitalminister Karsten Wildberger vor, er habe es "mit der KI-Nutzung übertrieben". Der Digitalminister. Man muss das sacken lassen.

Steingart bringt es auf den Punkt: Es wirkt, als seien einige leitende Redakteure zu den Amish People konvertiert, wo man die Regeln technologischer Enthaltsamkeit predigt.

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Das Muster ist nicht neu

Ich fühle mich erinnert an einen Vorgang, der Jahrzehnte zurückliegt — aber strukturell derselbe ist.

Helmut Schmidt wollte Ende der 1970er Jahre den Aufbau eines flächendeckenden Glasfasernetzes in Deutschland vorantreiben. Die Bundespost hatte die Pläne, die Technologie war vorhanden, das Fenster war offen. Dann kam Helmut Kohl. Das Projekt versandete. Man entschied sich für Koaxialkabel, für das Bewährte, für das Bekannte. Deutschland hat diese Entscheidung bis heute nicht vollständig aufgeholt — der mühsame FTTH-Ausbau der Gegenwart ist ein direktes Erbe dieser Weichenstellung.

Heute wäre der Moment für die Glasfaser sowieso längst verpasst. Aber das Muster — eine Technologiegelegenheit erkennen, zögern, verwalten, verpassen — ist geblieben.

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Die Sozialdemokraten und die Grünen: alte Bekannte

Die heutige SPD ist in dieser Frage das, was ich vorsichtig als "technologieuninteressiert" bezeichnen würde. Das trifft es besser als "feindlich" — es ist keine aktive Ablehnung, sondern eine strukturelle Gleichgültigkeit gegenüber dem, was Technologie wirtschaftlich und gesellschaftlich verändern kann. Digitalminister kommen und gehen, Strategiepapiere werden geschrieben, und am Ende zählt die Rentenformel mehr als der Rechtsrahmen für KI.

Das erinnert — und das sage ich ohne Häme, sondern als historische Beobachtung — an die Technologiefeindlichkeit der Grünen in den 1980er Jahren. Damals war es die Atomkraft, die Gentechnik, die Computertechnik, der Fortschritt als solcher, der als Bedrohung galt. Diese Haltung hatte eine gewisse innere Logik — sie entstand aus einer Gegenbewegung zu industriellem Raubbau und Kaltem-Kriegs-Technikgläubigkeit.

Aber sie hat sich in das kulturelle Gedächtnis eines Teils des deutschen Establishments eingebrannt. Und dieser Teil sitzt heute in Chefredakteursstühlen.

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Was das kostet

Steingart weist darauf hin, dass Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, bei der Kanzlerrunde 20 Charts mitbrachte — von Wirtschaftsweiser Veronika Grimm erstellt —, die den Aufwuchs des Staates und den Technologierückstand Europas dokumentierten. Durchgedrungen ist damit niemand.

Das ist kein Zufallsergebnis. Es ist die Summe einer Kultur, die Technologieskepsis als intellektuelle Tugend verwaltet. Die Medien bilden dabei nicht nur das Spiegelbild dieser Kultur — sie verstärken sie aktiv.

Ein Land, das seinen Digitalminister dafür kritisiert, dass er digitale Werkzeuge benutzt, hat ein Problem. Kein technisches. Ein mentales.

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*Quellen: Gabor Steingart, The Pioneer Morning Briefing (Juni 2026)*

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