Der DGB, die Betriebsrente und das Schweigen zur eigenen Agenda
Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Lage, die man nur als strukturell ernst bezeichnen kann. Industrieproduktion rückläufig, Staatsquote auf dem Weg nach oben, Unternehmen in einer Kostenzange, die enger wird. In diesem Moment schlägt Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, vor, Arbeitgebern eine neue Pflichtabgabe aufzuerlegen. Und sie tut das mit der Ankündigung, dass der Aufschrei groß sein werde. Dieser Satz verdient eine genauere Betrachtung.
Der Vorschlag
Rund 20 Millionen Beschäftigte in Deutschland haben keine betriebliche Altersvorsorge. Das ist ein reales Problem. Fahimi will es durch ein verpflichtendes Modell lösen, das kollektiv über Tarifvertragsparteien geregelt wird, also über Gewerkschaften. Für Betriebe ohne Tarifbindung soll eine Auffanglösung entstehen, die Beschäftigte niederschwellig in bestehende Modelle einbindet. Was das kostet, wer wie viel zahlt und welche Modelle genau gelten sollen: offen. Konkrete Eckpunkte kommen Ende des Monats.
Was bereits feststeht: Die Arbeitgeber sollen in die Pflicht. Und die Verwaltung soll, so die Logik des Vorschlags, über die Tarifvertragsparteien laufen. Sprich: über den DGB.
Was Fahimi nicht sagt
Die Tarifbindung in Deutschland sinkt seit Jahren. Weniger tarifgebundene Betriebe bedeuten weniger Verhandlungsmacht, weniger Relevanz und mittelfristig weniger Mitglieder für Gewerkschaften. Das ist kein Geheimnis, das ist Strukturlogik. Ein verpflichtendes Betriebsrentenmodell, das zwingend über Tarifvertragsparteien organisiert wird, kehrt diesen Trend institutionell um. Nicht durch bessere Argumente, nicht durch mehr Attraktivität, sondern durch gesetzlichen Zwang.
Wer die kollektive Verwaltung von Altersvorsorgegeldern von Millionen Beschäftigten kontrolliert, hat institutionelle Macht, Zugang zu erheblichen Finanzvolumen und ein handfestes Argument, warum Tarifbindung sich lohnt. Das ist kein Vorwurf, das ist eine Feststellung. Aber es ist eine Feststellung, die in der öffentlichen Debatte um diesen Vorschlag nicht fehlen darf.
Fahimis Warnung, man dürfe Beschäftigte nicht in die Arme der Versicherungswirtschaft treiben, ist in diesem Kontext aufschlussreich. Die implizite Alternative in ihrer Logik ist der DGB. Das ist keine neutrale Systemanalyse. Das ist Positionierung.
Was das für Unternehmen bedeutet
Zusätzliche Pflichtkosten auf Arbeitgeber in einer Phase, in der die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ernsthaft unter Druck steht, sind keine Kleinigkeit. Gerade kleinere und mittelständische Betriebe, die häufig keine Tarifbindung haben und damit im Fadenkreuz dieses Vorschlags stehen, arbeiten in Märkten, in denen jeder weitere Fixkostenblock die Marge schmälert oder Investitionsentscheidungen beeinflusst. Das ist keine abstrakte Sorge. Das sind betriebswirtschaftliche Konsequenzen.
Fahimi weiß das. Deshalb hat sie den Aufschrei bereits eingepreist. Das ist politisch kalkuliert. Was sie nicht eingepreist hat, oder zumindest nicht thematisiert, ist die Frage, ob ein weiterer Belastungsschub der richtige Impuls für eine Wirtschaft ist, die gerade keine besondere Robustheit zeigt.
Was das Ziel wert ist
Mehr betriebliche Altersvorsorge für mehr Menschen: das ist ein legitimes Ziel. Es gibt Länder, die das funktionierend umgesetzt haben, Niederlande, Schweden, Dänemark, mit unterschiedlichen Modellen, unterschiedlichen Trägern und unterschiedlichen Ergebnissen. Keines dieser Modelle ist perfekt, aber alle zeigen, dass eine höhere Abdeckung erreichbar ist.
Die Frage ist nicht, ob das Ziel richtig ist. Die Frage ist, ob ein Zwangsmodell unter Gewerkschaftsverwaltung das richtige Instrument ist, im richtigen Moment, mit der richtigen Transparenz über die eigene Interessenlage. Alle drei Punkte sind derzeit offen. Fahimi hat eine Richtung benannt. Ein Konzept hat sie noch nicht geliefert.
Fazit
Der DGB hat ein reales sozialpolitisches Problem identifiziert und einen Vorschlag gemacht, der zufällig auch die strukturellen Probleme des DGB selbst löst. Das mag Zufall sein. Es fühlt sich nicht danach an.
Ende des Monats kommen die Eckpunkte. Dann wird sich zeigen, wie ernst der Vorschlag gemeint ist und wessen Interessen dabei im Vordergrund stehen. Bis dahin gilt: Wer einen Vorschlag macht und gleichzeitig ankündigt, dass der Aufschrei groß sein wird, sollte erklären, warum er trotzdem richtig ist. Das hat Fahimi bislang nicht getan.
Quelle: Welt.de, 7. Juni 2026 | svensagt.de
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