Das kurze Gedächtnis der Energiepolitik Eschenfelden, Happurg und die Frage, was wir wirklich aus der Energiekrise gelernt haben

Wer dieser Tage durch die Oberpfalz fährt und in der Nähe von Hirschbach die Kreisstraße AS 6 entlangrollt, sieht nicht mehr viel. Ein paar Rohre, ein Gelände im Rückbau, Renaturierungsankündigungen. Dass an dieser Stelle einmal ein Untergrundspeicher stand, der jahrzehntelang zur Gasversorgung Nordbayerns beigetragen hat, lässt sich allenfalls noch erahnen. Der Gasspeicher Eschenfelden ist Geschichte. Und das, obwohl wir eigentlich gerade in einem Moment leben, in dem jede verfügbare Speicherkapazität zählt.

Nicht weit entfernt, östlich von Nürnberg bei Happurg, wird seit einiger Zeit kräftig investiert. Das dortige Pumpspeicherkraftwerk, das seit 2011 stillgelegt war, bekommt ein neues Leben. Rund 250 Millionen Euro steckt Uniper in die Sanierung. 2028 soll es wieder ans Netz. Zwei Infrastrukturanlagen, zwei verschiedene Energieträger, zwei völlig unterschiedliche Schicksale. Und dazwischen: eine energiepolitische Debatte, die wir längst hätten führen müssen.

Eschenfelden: Ein Aquiferspeicher und sein Ende

Der Gasspeicher Eschenfelden war kein gewöhnlicher Speicher. Er war ein sogenannter Aquiferspeicher. Keine Kaverne, kein ehemaliges Erdgasfeld, sondern eine rund 600 Meter tief liegende poröse Gesteinsschicht, die im Ursprungszustand mit Wasser gefüllt war. Die Ruhrgas AG ließ ihn ab 1964 erschließen, 1967 ging er in Betrieb. Volumen: 168 Millionen Kubikmeter, davon 72 Millionen Kubikmeter Arbeitsgas. Das ist nicht riesig, aber auch nicht nichts.

Der Speicher ist auch aus einem anderen Grund im Gedächtnis geblieben. Am 19. September 1970 kam es an der Bohrung Esch 1 zu einem unkontrollierten Gasaustritt während Reparaturarbeiten. Das Gas entzündete sich. Eine 30 Meter hohe Gasfackel stand tagelang über dem Ort. Feuerwehren aus ganz Deutschland wurden mobilisiert. Am Ende musste der legendäre texanische Brandbekämpfer Paul "Red" Adair eingeflogen werden, der das Feuer schließlich mit einer Schwerspatlösung unter Kontrolle brachte. Sechs Tage dauerte der Brand. Er gilt bis heute als das größte Gasunglück in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Nach diesem Ereignis lief der Speicher noch fünf Jahrzehnte weiter. Bis die Betreiber Uniper und N-Ergie im Dezember 2020 beim Bergbauamt Nordbayern den Abschlussbetriebsplanantrag einreichten. Begründung: Die saisonalen Preisunterschiede im Gasmarkt seien seit Jahren zu gering für einen wirtschaftlichen Betrieb. Kein Vergütungsmechanismus, der die Kosten deckt. Am 1. April 2021 war Schluss. Bis spätestens 2027 soll der Speicher vollständig rückgebaut sein.

Das Timing war, gelinde gesagt, unglücklich. Im März 2022 überfiel Russland die Ukraine. Die deutschen Gasspeicher, jahrelang in bequemer Abhängigkeit von russischen Lieferungen, begannen zu leeren. Plötzlich war Versorgungssicherheit kein theoretisches Thema mehr. Der Speicher Eschenfelden hätte in dieser Situation nicht die Welt gerettet, aber er hätte geholfen. Hätte. Denn zu diesem Zeitpunkt war er bereits nicht mehr reaktivierbar.

Happurg: Pumpspeicher, Wasserverlust und der lange Weg zurück

Das Pumpspeicherkraftwerk Happurg hat eine andere Geschichte. Es liegt östlich von Nürnberg im Landkreis Nürnberger Land, funktioniert seit 1958, und ist das größte Pumpspeicherkraftwerk in Bayern. Das Prinzip ist seit Generationen bekannt: Bei Stromüberschuss wird Wasser aus dem Unterbecken ins Oberbecken gepumpt. Bei Bedarf fließt es wieder zurück und treibt Turbinen an. Der Happurger See ist das Unterbecken des Systems, das rund 1,8 Millionen Kubikmeter fassende Oberbecken liegt auf der Höhe darüber.

2011 musste das Kraftwerk nach fünf Jahrzehnten Betrieb abgeschaltet werden. Im Oberbecken entstanden massive Schäden an der Beckensohle. Ein ungeklärtes Leck ließ innerhalb kürzester Zeit rund eine Million Kubikmeter Wasser verschwinden. Das Becken wurde abgelassen. Seitdem stand Happurg still.

Das Ende der Geschichte von Happurg ist allerdings ein anderes als das von Eschenfelden. Im Juni 2024 gab Uniper bekannt, rund 250 Millionen Euro in die Sanierung zu investieren. Das Oberbecken wird neu abgedichtet, die Turbinen überholt, die gesamte Anlage ertüchtigt. Zieldatum: 2028. Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger, der sich für die Reaktivierung eingesetzt hatte, kommentierte das erwartungsgemäß: Die Speicher werden für die Energiewende gebraucht. Das stimmt. Aber es ist bemerkenswert, dass dieser Satz für Happurg zählt und für Eschenfelden nicht gezählt hat.

Zwei Speicher, zwei Logiken

Man sollte diese beiden Fälle nicht einfach gleichsetzen. Sie sind technisch unterschiedlich, die Schadenslagen sind unterschiedlich, die Speichermedien sind unterschiedlich. Ein Pumpspeicherkraftwerk speichert Strom, ein Aquiferspeicher speichert Erdgas. Und ja: Erdgas ist ein fossiler Brennstoff, der im Rahmen der Energiewende eigentlich keine Zukunft haben soll.

Aber genau das ist der Punkt. Die Entscheidung, Eschenfelden stillzulegen und abzureißen, wurde unter Marktbedingungen getroffen, die damals galten, und unter politischen Bedingungen, die niemand ernsthaft hinterfragt hat. Günstige Preisspreads? Kein wirtschaftlicher Betrieb mehr? Das Dogma des Marktes entschied. Niemand hat gefragt: Was ist, wenn sich die Lage ändert? Was ist der strategische Wert dieser Infrastruktur, abseits des Marktpreises des eingelagerten Gases?

Im Frühjahr 2026 sind die deutschen Gasspeicher auf einem historisch niedrigen Stand für diese Jahreszeit. Ende Mai lagen sie bei rund 30 Prozent. Der Winter 2025/26 hat sie stark beansprucht. Die Einspeichersaison vor dem Winter 2026/27 wird, wie die Fachleute inzwischen unverblümt sagen, eine gewaltige Kraftanstrengung erfordern. Die Bundesregierung hat die Gasspeicherumlage zum 1. Januar 2026 abgeschafft. Ob das ein Zeichen von Entspannung ist oder von Unaufmerksamkeit, sei dahingestellt.

Happurg bekommt sein zweites Leben, weil Pumpspeicher in der Energiewende-Logik eine Zukunft haben. Sie puffern Schwankungen aus, sie sind sauber, sie sind schnell. Das ist alles richtig. Aber die Konsequenz dieser Logik darf nicht sein, dass Gasspeicher planlos aufgegeben werden, solange wir strukturell noch auf Gas angewiesen sind. Und das sind wir. Nicht für die Zukunft, aber für die Übergangsphase, die realistischerweise noch Jahrzehnte dauern wird.

Was man nicht mehr zurückbauen kann

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Happurg und Eschenfelden, der über das Technische hinausgeht. Happurg konnte reaktiviert werden, weil die geologischen und baulichen Voraussetzungen noch vorhanden waren. Man musste sanieren, aber man konnte sanieren. Bei Eschenfelden ist das nicht mehr möglich. Nicht wegen der Geologie, sondern weil der Rückbau bereits läuft. Was abgebaut ist, ist weg.

Das ist kein akademischer Punkt. Wenn in zehn Jahren jemand fragt, warum man einen funktionierenden Aquiferspeicher im fränkisch-oberpfälzischen Grenzland abgebrochen hat, während gleichzeitig Milliarden in neue LNG-Terminals und Importpipelines geflossen sind, wird die Antwort lauten: weil der Markt es nicht mehr trug. Das wird keine befriedigende Antwort sein.

Infrastruktur hat eine andere Zeitlogik als Marktpreise. Das ist eine Binsenweisheit, die in Deutschland trotzdem regelmäßig ignoriert wird. Die Telekommunikation lehrt das seit Jahrzehnten. Die Bahn lehrt es. Jetzt offenbar auch die Energiespeicherung.

Daseinsvorsorge ist mehr als ein schönes Wort

Es gibt in Deutschland einen Begriff, der für Wasser, Abwasser, ÖPNV und Fernwärme selbstverständlich gilt und für Gasspeicher offenbar nicht: Daseinsvorsorge. Bei Wasserwerken käme niemand ernsthaft auf die Idee zu sagen, der Markt entscheide, ob sich der Betrieb noch lohnt. Der gesellschaftliche Wert der Infrastruktur steht außer Frage, unabhängig von der Quartalsbilanz.

Bei Gasspeichern hat man das jahrzehntelang anders bewertet. Gas war Ware, Gasspeicher waren privatwirtschaftliche Logistikinfrastruktur. Kein grundsätzlicher Unterschied zum Warenlager eines Großhändlers. Wenn das Lager nicht mehr rentiert, wird es geräumt.

Das Problem dieser Logik liegt im systematischen Ignorieren des Optionswerts. Ein Gasspeicher, der in der Erde liegt und gerade nicht aktiv befüllt wird, ist nicht wertlos. Er ist eine Versicherungspolice. Die Prämie ist der Erhaltungsaufwand. Solange diese Prämie kleiner ist als der potenzielle Schaden einer Versorgungslücke — und das ist sie praktisch immer, wenn man ehrlich rechnet — ist der Abriss betriebswirtschaftlich rationaler Irrsinn. Er sieht nur nicht so aus, weil der Schaden erst später entsteht und von jemand anderem getragen wird.

Eschenfelden war zum Zeitpunkt der Stilllegung längst abgeschrieben. Keine Baukosten mehr, fertige Geologie, vorhandene Anbindung an die Megal. Die Frage war nicht, ob man ihn neu bauen will. Die Frage war ausschließlich, ob man den laufenden Erhaltungsaufwand weiter trägt. Man hat nein gesagt. Und diese Entscheidung war, nach den damals gültigen Bewertungsmaßstäben, sogar konsequent. Das ist das eigentlich Beunruhigende.

Das Muster kennen wir. Von der Bahn.

Es wäre falsch zu behaupten, der Umgang mit dem Gasspeicher Eschenfelden sei ein Einzelfall oder eine Ausnahmeentscheidung. Es ist ein Muster. Und dieses Muster kennen wir in der Region aus einem anderen Kontext sehr gut.

Bahnstrecken. Jahrzehntelang auf Verschleiß gefahren, bis der Betrieb eingestellt werden musste. Dann die Gleise herausgerissen, die Trasse zum Radweg umgebaut oder einfach der Natur überlassen. Sehr schön, sehr beliebt, aber eben nicht mehr rückholbar. Die eigentliche Entscheidung war dabei nie die Stilllegung. Die eigentliche Entscheidung war der Rückbau. Die Stilllegung war nur die Vorbereitung.

Das verbindende Prinzip hat einen Namen, auch wenn er selten so klar ausgesprochen wird: Sunk Cost als Waffe. Die ursprünglichen Baukosten sind geflossen, die Anlage steht, der Erhalt ist vergleichsweise günstig. Genau in diesem Moment, wo die Infrastruktur eigentlich billig zu halten wäre, wird sie beseitigt. Und wer später fragt, warum, bekommt die Antwort: Das war damals nicht mehr wirtschaftlich. Als ob nicht wirtschaftlich im Moment der Entscheidung dasselbe wäre wie wertlos für alle Zeit.

Was diese Fälle verbindet, ist institutioneller Gedächtnisverlust. Die ursprünglichen Gründe, warum man die Infrastruktur gebaut hat, werden vergessen oder für überholt erklärt. Die Kosten dieser Entscheidung trägt nicht derjenige, der sie getroffen hat. Und wenn der Bedarf zurückkommt — und er kommt zurück, bei Bahnstrecken genauso wie bei Gasspeichern — steht man vor einer Rechnung, die ein Vielfaches des Erhaltungsaufwands beträgt. Falls eine Reaktivierung überhaupt noch möglich ist.

Und jetzt?

Eschenfelden ist kein Einzelfall. In ganz Deutschland wurden in den 2010er Jahren Gasspeicher stillgelegt, weil die Marktbedingungen nicht stimmten. Manche wurden seitdem reaktiviert, andere nicht. Die Frage, welche strategische Reserve an Speicherkapazität Deutschland benötigt, unabhängig vom aktuellen Preissignal, ist bis heute keine befriedigend beantwortete Frage.

Happurg zeigt, dass es funktioniert, wenn der politische Wille vorhanden ist. Aiwanger hatte ihn. Die Investitionssumme war enorm, aber die Entscheidung fiel. Bei Eschenfelden fehlte dieser Wille zum entscheidenden Zeitpunkt. Ob das an der Größe lag, an den Eigentumsverhältnissen, am föderalen Zuständigkeitswirrwarr oder schlicht daran, dass eine Oberpfälzer Gemeinde mit 300 Einwohnern nicht die politische Hebelkraft hat wie ein mittelfränkisches Pumpspeicherkraftwerk im Großraum Nürnberg, sei offengelassen.

Was bleibt: Wir haben in der Region zwei Beispiele dafür, wie Energieinfrastruktur und politische Entscheidungslogik zusammenhängen. Das eine wird saniert. Das andere wird abgerissen. Und irgendwo zwischen diesen beiden Entscheidungen liegt die eigentliche Frage, die wir uns stellen müssten: Was kostet es uns, wenn wir nicht investieren?

Dieser Beitrag erscheint auf svensagt. Sven Becker ist Projektmanager in der FTTx/FTTH-Infrastruktur, Blogger und Podcaster. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen der Energieversorgung, Infrastrukturpolitik und regionaler Entwicklung in Franken.






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