Hitze, Kabelschäden und die Frage, die niemand stellt


Seit Samstagnacht reißt es in Fürth die Stromversorgung in schöner Regelmäßigkeit weg – Hardhöhe, Poppenreuth, Ronhof, Südstadt. Fünf Kabelstrecken, zwei Trafostationen, am Ende 15 Mitarbeiter und zwei Tiefbaufirmen im Sondereinsatz. Die infra liefert dazu die erwartbare Erklärung: Hitze. Böden heizen sich auf, Trafostationen auch, an Engstellen mit Kabelhäufung wird die entstehende Wärme nicht mehr abgeführt, und wenn dann noch Umschaltmaßnahmen nötig werden, kippt das Material über seine Belastungsgrenze. Klingt plausibel, ist physikalisch auch nicht falsch – und genau deswegen so bequem.

Dann kommentiert Matthias Tafelmeyer, und mit einem einzigen Absatz wird klar, was in der Meldung fehlt. Haben sich die Stromflüsse in den letzten Jahren überhaupt erhöht? Liegt ein Teil des Problems an Rückspeisung durch PV-Anlagen, die in dieser Dichte beim Bau der Leitungen schlicht nicht eingeplant waren? Welches Baujahr haben die betroffenen Mittelspannungskabel, und gibt es Alterungseffekte, die mit 40 Grad Außentemperatur erst einmal gar nichts zu tun haben? Oder ist der gestiegene Verbrauch durch E-Mobilität und Klimatechnik der eigentliche Treiber, und die Hitze nur der Auslöser, der ein ohnehin eng kalkuliertes System über die Kante schiebt?

Das sind Fragen, die ein Netzbetreiber in einer Pressemitteilung naturgemäß nicht von sich aus stellt, und die ein Lokaljournalismus, der noch nachfragt, eigentlich stellen müsste. Genau diese Lücke beschreibt Tafelmeyer treffend: Es fehlt an Neugier der Nachrichtenmacher.
Aus meiner Warte – FTTH-Welt, nicht Mittelspannung, aber das Grundproblem ist identisch – kenne ich diese Gemengelage zu gut: gewachsene Infrastruktur, ausgelegt auf Lastprofile von vor zwanzig, dreißig Jahren, die plötzlich auf eine völlig andere Verbrauchs- und Einspeisesituation trifft. Wenn ein Verteilnetz, das für unidirektionalen Lastfluss konzipiert wurde, plötzlich mit nennenswerter Rückspeisung aus Dach-PV umgehen muss, ändert sich die thermische und elektrische Belastung an Knotenpunkten, die bei der ursprünglichen Dimensionierung schlicht nicht vorgesehen war. Das ist kein Skandal, das ist Physik plus Zeitverzug zwischen Energiewende und Netzausbau. Aber es ist eben nicht einfach "die Hitze".

Was mich an der infra-Meldung zusätzlich stutzig macht: der Ronhof-Dominoeffekt, drei "zunächst voneinander unabhängige" Kabelschäden, die sich über viereinhalb Stunden zu einem Großausfall summieren. Das riecht weniger nach einem einzelnen überhitzten Trafo als nach einem Netz, das an mehreren Stellen gleichzeitig nahe an seiner Belastungsgrenze fährt – und bei dem die Hitze nur der Tropfen ist, der irgendwo zuerst überläuft. Wer das prüfen wollte, müsste fragen, wie alt die Kabel im Bereich Laubenweg, Kronacher Straße und Erlanger Straße sind, wie sich die installierte PV-Leistung in den betroffenen Stadtteilen in den letzten fünf Jahren entwickelt hat, und ob die Instandhaltungsbudgets der infra mit dem Zubau Schritt gehalten haben. Drei Fragen, die in der Pressemitteilung nicht vorkommen, weil sie auch niemand gestellt hat.

Stattdessen bekommen wir Bodenbewegung durch Austrocknung als Zusatzerklärung nachgeschoben – vermutlich auch richtig, aber wieder eine Ursache, die ohne Datenlage erst einmal eine Behauptung ist und keine Erkenntnis. Die "genauen Ursachen würden derzeit im Detail untersucht", heißt es. Gut. Dann sollte am Ende dieser Untersuchung auch eine Antwort auf Tafelmeyers Fragen stehen, und nicht nur ein zweiter Pressetext mit demselben Hitze-Narrativ.
Bis dahin gilt: Wer in Ronhof, auf der Hardhöhe oder in der Südstadt wohnt, sollte sich nicht zu sehr auf den Sommer freuen.

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