Haben wir ein Bildungsproblem?


Über den schleichenden Verlust des kritischen Denkens – und was passiert, wenn eine Gesellschaft aufhört, Fragen zu stellen.

Ich stelle mir diese Frage schon länger. Nicht aus intellektuellem Hochmut – sondern weil ich Dinge beobachte, die mich ernsthaft beunruhigen. Und ich glaube, es wäre feige, darüber zu schweigen, nur weil man damit aneckt.

Also: Ja. Ich glaube, wir haben ein Bildungsproblem. Aber nicht das, über das in Wahlkampfreden gesprochen wird. Nicht zu wenig Digitalunterricht, nicht zu wenig Tablets, nicht zu wenig Förderprogramme. Das Problem sitzt tiefer. Es ist das stille Verschwinden einer Fähigkeit, die alles andere erst möglich macht: selbst zu denken.

Physik ist keine Meinung

Ich nenne nur ein Beispiel: Physik. Nicht Quantenmechanik, nicht Stringtheorie – ganz normale, schulmäßige Physik. Carnot-Prozesse. Wirkungsgrade. Energieübertragung. Das Zeug, das in der neunten Klasse drankommt.
Als die Debatte um das Heizungsgesetz losging, hätte man meinen können, das sei eine gute Gelegenheit für eine öffentliche Diskussion über Energieeffizienz, über Jahresarbeitszahlen, über die physikalischen Grundlagen der Wärmepumpe. Stattdessen wurde aus einem technischen Sachverhalt innerhalb weniger Tage ein Kulturkampf. Wer versuchte, die Physik dahinter zu erklären, wurde entweder als naiver Grüner oder als rechter Verweigerer eingeordnet – je nachdem, welche Seite man gerade nervös gemacht hatte.

Mitdenken heißt vergleichen. Das hat damit nichts mehr zu tun. Was dort stattfand, war Nachplappern. Auf beiden Seiten. Politiker gaben Parolen vor, Medien verstärkten sie, und eine erschreckend große Zahl von Menschen sortierte sich in Lager ein – ohne auch nur einmal nachzufragen: Stimmt das eigentlich? Was steht dahinter? Was sagen die Daten?
Das ist kein Links-Rechts-Problem. Das ist ein Denkproblem.

Corona und die Welle

Besonders deutlich wurde mir das während der Corona-Jahre. Ich möchte hier keine alte Debatte neu aufmachen – weder für noch gegen Maßnahmen. Was mich beschäftigt, ist etwas anderes: die soziale Dynamik, die ich beobachtet habe.
Es gab Menschen, die Statistiken lasen. Die sich fragten: Wie wurden diese Zahlen erhoben? Was bedeutet „Kovariate“? Was ist der Unterschied zwischen „an“ und „mit“ Corona gestorben? Das sind keine Verschwörungstheorien – das sind legitime, wissenschaftliche Fragen. Fragen, die in einer freien Gesellschaft selbstverständlich erlaubt sein müssen.
Stattdessen erlebte ich etwas, das mich an ein Buch erinnerte, das ich in der Schule gelesen hatte: „Die Welle“ von Todd Strasser. Das Experiment im Buch funktioniert deshalb so gut, weil es zeigt, wie schnell Menschen bereit sind, individuelles Urteil gegen Gruppenidentität einzutauschen. Wie aus „Community“ „Konformität“ wird. Wie diejenigen, die Fragen stellen, plötzlich als Bedrohung gelten.

Ich hatte irgendwann das Gefühl: Jetzt verstehe ich, was Strasser meinte. Nicht als Metapher. 

Als Beobachtung.

Der dünne Firnis der Zivilisation
Ich möchte an dieser Stelle präzise sein, weil ich weiß, dass der folgende Vergleich gerne missverstanden wird – oder missverstanden werden will.

Was ich 2020 und 2021 beobachtet habe, hatte strukturelle Ähnlichkeiten mit dem, was Historiker für die frühe Phase des Nationalsozialismus beschreiben. Nicht inhaltlich. Nicht moralisch äquivalent. Aber mechanisch: die Auflösung des individuellen Urteils zugunsten einer Gruppenidentität. Die Verwandlung von Zweifel in Verrat. Die soziale Bestrafung von Menschen, die nur Fragen stellten. Das Funktionieren von Ausgrenzung ohne äußeren Zwang – weil die Gruppe sich selbst reguliert.

Ich hatte immer gedacht, der Firnis der Zivilisation sei dicker. Dass wir aus der Geschichte gelernt hätten. Dass aufgeklärte, gut ausgebildete Menschen in einem reichen, demokratischen Land nicht so schnell in diese Muster fallen würden.
Ich habe meine Meinung revidiert.
Drei Ursachen – und keine davon ist einfach zu beheben

Woher kommt das? Ich sehe drei Schichten, die ineinandergreifen.
Das Schulsystem belohnt Reproduktion, nicht Reflexion. Wer richtig abschreibt, bekommt eine gute Note. Wer nachfragt, fällt auf. Kritisches Denken ist kein Lernziel – es ist ein glücklicher Nebeneffekt für diejenigen, die von zuhause aus schon damit sozialisiert wurden. Der Rest lernt: Pass dich an, dann läuft es. Das ist eine Katastrophe auf Raten.

Die Medienstruktur verstärkt das Problem. Früher musste man aktiv suchen, um in einer Echokammer zu landen. Heute sortieren Algorithmen unsichtbar und unablässig alles aus, was die eigene Weltsicht irritieren könnte. Wir halten das für Komfort. Es ist Verarmung. Eine Gesellschaft, in der jeder nur noch das liest, was er schon glaubt, ist nicht mehr in der Lage, gemeinsam Probleme zu lösen. Sie kann nicht mal mehr gemeinsam über Probleme sprechen.

Und schließlich: die fehlende Frustrationstoleranz für Unsicherheit. Komplexe Sachverhalte haben keine einfachen Antworten. Das aushalten zu können – mit offenen Fragen zu leben, ohne sofort Gewissheit zu suchen – ist eine kognitive Fähigkeit. Und sie muss geübt werden. Sie wird es nicht. Stattdessen bieten Politiker, Influencer und Bewegungen jeder Couleur das an, was der Markt verlangt: einfache Erklärungen, klare Feinde, beruhigende Gewissheit. Das Geschäft läuft.

Und was jetzt?

Ich habe keine große Lösung. Ich bin skeptisch gegenüber großen Lösungen – auch das ist Teil des Problems. Wer Komplexität ernst nimmt, wird keine einfachen Rezepte anbieten.
Aber ich glaube, dass es Haltungen gibt, die helfen. Primärquellen lesen statt Zusammenfassungen. Statistiken selbst anschauen, bevor man Schlagzeilen glaubt. Den eigenen Irrtum als Lernmöglichkeit begreifen, nicht als Versagen. Und – vielleicht am schwierigsten – Menschen, die Fragen stellen, nicht sofort in eine Schublade zu stecken.

Fragen stellen ist kein Zeichen von Boshaftigkeit. Es ist das Gegenteil von dem, wofür es gerne gehalten wird: nämlich ein Zeichen von Ernstnehmen. Wer fragt, nimmt die Sache ernst genug, um nicht einfach zu nicken.
Ich weiß, dass dieser Text Menschen gegen mich aufbringen wird. Mir wird jemand erklären, dass ich ein Ketzer bin. Oder Schlimmeres. Das ist in Ordnung. Ich bin Franke – ich halte das aus.

Aber ich finde, man muss diese Beobachtungen aussprechen dürfen. Nicht weil es bequem ist. Sondern weil eine Gesellschaft, die aufhört, unbequeme Fragen zu stellen, aufgehört hat, sich selbst ernst zu nehmen.
Sven Becker schreibt über Infrastruktur, Technologie und gelegentlich über das, was ihn beunruhigt.

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