Der größte Börsengang der Geschichte – und was er wirklich bedeutet


Am 12. Juni 2026 ist SpaceX an die Nasdaq gegangen. Ticker SPCX, Ausgabepreis 135 US-Dollar je Aktie, Emissionsvolumen rund 75 Milliarden US-Dollar, Bewertung rund 1,75 Billionen US-Dollar. Damit hat SpaceX den bisherigen Rekordhalter Saudi Aramco (2019, rund 1,7 Billionen Dollar) übertroffen – und das ist gleichzeitig der einzige Satz in diesem Beitrag, bei dem alle Beteiligten einig sind.
Der Rest ist Interpretation. Und über die lohnt es sich nachzudenken.

Was SpaceX heute ist – und was es vorgibt zu sein

Wer das S-1-Prospekt liest, das SpaceX am 20. Mai 2026 bei der SEC eingereicht hat, stößt auf eine interessante Selbstbeschreibung. SpaceX ist dort kein Raketenunternehmen mehr. Es ist eine „globale Datenplattform“, ein „KI-Infrastrukturkonzern“ und der potenzielle erste Betreiber orbitaler Rechenzentren der Geschichte. Das klingt nach Vision. Es klingt aber auch nach einem klassischen Bewertungs-Upgrade kurz vor dem Börsengang.

Tatsächlich hat SpaceX mit Starlink etwas gebaut, das funktioniert und Geld verdient: ein globales Satelliten-Internetdienst mit Millionen Abonnenten, gefragt in Gegenden ohne terrestrische Infrastruktur, gefragt beim Militär, gefragt überall dort, wo Glasfaser noch nicht angekommen ist. Das ist das operative Fundament. Der Rest – KI, Rechenzentren im Orbit, xAI-Exposure – ist Zukunftsspekulation, die in der Bewertung bereits eingepreist ist.

Die Zahlen, die man kennen muss

Der Ausgabepreis von 135 Dollar ergibt bei rund 555,6 Millionen ausgegebenen Aktien ein Emissionsvolumen von 75 Milliarden Dollar. Die Gesamtbewertung liegt bei rund 1,75 bis 1,77 Billionen Dollar. Der Börsengang wurde von Goldman Sachs als Konsortialführer begleitet, zusammen mit rund 21 weiteren Banken.

Am ersten Handelstag eröffnete die Aktie bei 150 Dollar, stieg zwischenzeitlich auf 176,52 Dollar und schloss bei rund 161 Dollar – ein Plus von knapp 19 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis. Damit überstieg die Marktkapitalisierung noch am ersten Handelstag die 2-Billionen-Marke.

Das Kurs-Umsatz-Verhältnis lag zum Ausgabepreis beim rund 94-fachen. Nach dem Kurssprung am ersten Tag über dem 100-fachen. Zum Vergleich: Ein etabliertes Technologieunternehmen wird typischerweise mit dem Fünf- bis Fünfzehnfachen des Umsatzes bewertet.
Und noch eine Zahl, die man nicht übersehen sollte: SpaceX schreibt auf Konzernebene rote Zahlen. Im ersten Quartal 2026 lag der Nettoverlust bei rund 4,3 bis knapp 5 Milliarden US-Dollar.

Was Morningstar dazu sagt

Das Analysehaus Morningstar hat die Bewertung Anfang Juni unter die Lupe genommen und ist zu einem deutlich anderen Ergebnis gekommen als der Markt. Analyst Nicolas Owens sieht einen fairen Wert von rund 780 Milliarden Dollar – also weniger als die Hälfte der IPO-Bewertung, umgerechnet etwa 60 Dollar je Aktie. Owens bewertet das Raketen- und Starlink-Geschäft mit rund 611 Milliarden Dollar und rechnet für die KI-Sparte wahrscheinlichkeitsgewichtet weitere 170 Milliarden hinzu.

Interessant dabei sein sogenanntes „Moonshot“-Szenario: Selbst im günstigsten Fall, dem er nur sieben Prozent Wahrscheinlichkeit einräumt, käme SpaceX auf rund 1,97 Billionen Dollar – was immer noch unter dem Schlusskurs des ersten Handelstags liegt.
Morningstar ist nicht die einzige Stimme, und der Markt hat bekanntlich manchmal recht, selbst wenn er übertreibt. Aber die Diskrepanz ist bemerkenswert.

Musk wird offiziell zum ersten Trillionär
Durch den Börsengang hat Elon Musk erstmals die Billionen-Dollar-Marke beim persönlichen Vermögen überschritten und ist damit offiziell der erste Trillionär der Welt. Das hat erwartungsgemäß eine politische Reaktion ausgelöst: Abgeordnete der US-Demokraten fordern eine „Billionärssteuer“. Das ist eine andere Diskussion – aber sie zeigt, dass der SpaceX-IPO nicht nur ein Kapitalmarktereignis ist.

Was das für Anleger bedeutet

Wer beim IPO dabei sein wollte, brauchte Glück bei der Zuteilung. Institutionelle Großinvestoren haben erwartungsgemäß Priorität bekommen. Wer am ersten Handelstag eingestiegen ist, hat mindestens 150 Dollar bezahlt – also elf Prozent mehr als der Ausgabepreis.

Für deutsche Privatanleger ist SPCX seit dem 12. Juni über gängige Broker handelbar (WKN A42D4F, ISIN US84615Q1031). Die technischen Zugangshürden sind also weg. Die inhaltliche Frage bleibt: Was kauft man da eigentlich, und zu welchem Preis?

Ein Unternehmen mit echter technischer Substanz, funktionierendem Starlink-Geschäft und ambitionierten Zukunftsplänen – das stimmt. Ein Unternehmen, das nach IPO-Preis mit dem über 100-fachen Umsatz bewertet wird und auf Konzernebene Verluste schreibt – das stimmt auch.

Im Prinzip

Im Prinzip ja, SpaceX ist ein außergewöhnliches Unternehmen. Aber: Der Markt preist hier Wachstum ein, das noch nicht existiert. Das Raketen-Geschäft ist kapitalintensiv und regulatorisch anspruchsvoll. Starlink ist das einzige Geschäftsfeld mit nachgewiesener Ertragskraft. Die KI- und Orbital-Rechenzentrum-Fantasie ist genau das – Fantasie, zumindest noch.

Investor Michael Burry hat die aktuelle Welle großer Tech- und KI-Börsengänge bereits mit dem Dotcom-Boom um das Jahr 2000 verglichen. Das muss nicht stimmen. Aber der Vergleich ist auch nicht aus der Luft gegriffen.

Wer in SPCX investiert, sollte wissen, was er tut: Er wettet darauf, dass die Zukunft, die das S-1-Prospekt beschreibt, tatsächlich eintrifft – und dass SpaceX dabei der entscheidende Akteur bleibt. Das kann so kommen. Es muss aber nicht.


Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar.

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