Die Umsteigestation Offingen: Mein April-Beitrag, zwei Monate später eingelöst
Manchmal schreibt man etwas, glaubt selbst nicht ganz daran, dass es jemand umsetzt, und dann liest man zwei Monate später eine Pressemitteilung aus dem Landkreis Günzburg. Im April habe ich hier über das Verschwinden der Bahnhofskultur geschrieben – darüber, dass mit jedem geschlossenen Bahnhof nicht nur ein Verkehrsknotenpunkt verschwindet, sondern ein Stück öffentlicher Raum, ein neutraler Treffpunkt, an dem sich eine Gemeinde noch begegnen konnte. Und ich habe damals vier Dinge vorgeschlagen, die man stattdessen tun könnte: multifunktionale Nutzung der Gebäude, ehrenamtliche Betreuung, regionale Partnerschaften zur Kostenteilung, moderne Technik wie WLAN und zeitgemäße Wartebereiche.
In Offingen, Landkreis Günzburg, ist genau das entstanden. Aus dem alten Bahnhofsgebäude direkt am Gleis wurde die „Umsteigestation" – ein Name, der mehr kann als nur Bahnsteig-Funktion zu beschreiben. Coworking-Plätze mit WLAN und Bildschirmarbeitsplätzen für Leute, die kein eigenes Büro brauchen, aber gelegentlich eines wollen. Ein Repair-Café, in dem Nachhaltigkeit keine Worthülse ist, sondern bedeutet, dass jemand den alten Toaster wieder zum Laufen bringt. Foodsharing, das nach eigener Aussage der Beteiligten bereits jetzt funktioniert – Lebensmittel, die sonst im Müll gelandet wären, finden hier eine zweite Chance.
Finanziert wurde das Ganze zu 80 Prozent der förderfähigen Kosten über das Bundesprogramm „Landstation". Mit Staatssekretär Markus Schick, Landrat Hans Reichhart, der Landtagsabgeordneten Jenny Schack und CoWorkLand-Berater Hans-Peter Sander gab es prominenten Besuch, der sich das Projekt vor Ort ansehen wollte.
Bürgermeister Thomas Wörz brachte den Kerngedanken auf den Punkt: Unter einem Dach bündele man Angebote, die einzeln nicht finanzierbar gewesen wären – zusammen funktioniere es.
Genau das war mein Punkt im April. Ein einzelner Coworking-Space rechnet sich in einer Marktgemeinde dieser Größe nicht. Ein Repair-Café für sich genommen auch nicht. Foodsharing-Räume schon gar nicht. Aber drei, vier Nutzungen unter einem Dach, in einem Gebäude, das ohnehin am Gleis steht und sonst verwaist und zugewachsen wäre – das ist genau die multifunktionale Logik, die ich für die einzig sinnvolle Antwort auf das Bahnhofssterben halte.
Was mich an der Sache zusätzlich freut: Es brauchte kein neues Gebäude, keine versiegelte Fläche, keinen Architekturwettbewerb. Es brauchte einen Bürgermeister, der bestehende Substanz ernst genommen hat, einen Berater von CoWorkLand, der das Konzept kannte, und ein Förderprogramm, das bereit war, 80 Prozent zu tragen. Das ist im Kern genau die Kombination aus kommunalem Willen und regionaler Partnerschaft, die ich als Voraussetzung beschrieben hatte.
Eine Anmerkung sei mir trotzdem erlaubt, ganz in fränkischer Direktheit: Dass man für sowas ein eigenes Bundesprogramm mit englischem Anstrich braucht – Coworking, Repair-Café, Umsteigestation als halb übersetzter Marketingbegriff – sagt auch etwas über den Zustand unserer Verwaltungssprache. Die Sache selbst ist gut. Die Verpackung hätte es nicht gebraucht, um zu funktionieren.
Was bleibt, ist die eigentliche Frage: Offingen ist ein Bahnhof unter zigtausenden in Deutschland, von denen ein erschreckend großer Teil seit Jahrzehnten verwaist vor sich hin rostet.
Eine Umsteigestation macht noch keinen Trend. Aber sie zeigt, dass die Idee nicht nur auf einem Blog funktioniert, sondern auch im Förderbescheid und am Gleis. Mehr von diesen Projekten, weniger Symbolpolitik – dann ließe sich aus einem schönen Einzelfall tatsächlich eine Bewegung machen.
Quellen Wie die Umsteigestation Offingen den alten Bahnhof in einen modernen Treffpunkt verwandelt https://share.google/vE45cULHSIDzY1Mi9
Und mein Blogbeitrag dazu
https://svensagt.blogspot.com/2026/04/das-verschwinden-der-bahnhofskultur.html?m=1
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