Wer Visionen hat, soll zum Mars fliegen


Golem.de hat dieser Tage an das Ende der Space-Shuttle-Ära erinnert und daran, wer in die entstandene Lücke gestoßen ist. Die Antwort ist seit Jahren dieselbe: SpaceX. Anlass genug für ein paar Gedanken, die länger fällig sind als ein Booster-Static-Fire.

Der Satz, der nicht sterben will

Gerhard Schröder hat 2003 den Satz geprägt, der seitdem jedem entgegenfliegt, der in Deutschland öffentlich über große Pläne spricht: Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Gemeint war damit eigentlich etwas anderes als das, wofür der Satz heute herhalten muss, nämlich Schröders eigene Abgrenzung von blumigen Ankündigungen zugunsten harter Reformarbeit. Trotzdem ist er zum geflügelten Wort für genau jene Haltung geworden, die jede langfristige Idee zuerst auf ihre Förderfähigkeit, Konsensfähigkeit und Restlaufzeit bis zur nächsten Wahl prüft, bevor überhaupt über Inhalte gesprochen wird. Das Ergebnis kennt man aus der Infrastruktur genauso wie aus der Raumfahrt: viele Ausschüsse, viele Pressemitteilungen, wenig, das tatsächlich abhebt.

Visionen als Wettbewerbsvorteil

Was Musk und Bezos beiden gemeinsam haben, ist nicht in erster Linie technisches Genie, sondern die schlichte Tatsache, dass sie sich Fehlschläge leisten können und einen Zeithorizont mitbringen, der über eine Legislaturperiode weit hinausreicht. Mars-Kolonisierung und Millionen Menschen in O’Neill-Zylindern sind keine Konzepte, die ein Haushaltsausschuss in vier Jahreszyklen genehmigt bekommt. Staatliche Programme sind dagegen strukturell auf Rechtfertigungsdruck gebaut: NASA muss sich gegenüber dem Kongress, ESA gegenüber siebzehn nationalen Interessen und dem heiligen Prinzip des Geo-Return rechtfertigen, bei dem jedes Mitgliedsland ungefähr so viel Auftragsvolumen zurückbekommen soll, wie es eingezahlt hat. Das ist Industriepolitik, kein Raumfahrtprogramm, und es erzeugt exakt die Art von Flickenteppich, die man aus deutschen Glasfaser-Förderprogrammen ebenfalls bestens kennt: viel Koordination, wenig Tempo.

Vision ist nicht gleich Lieferung

Trotzdem wäre es zu einfach, daraus zu folgern, dass private Vision automatisch private Lieferfähigkeit bedeutet. SpaceX hat mit der Falcon 9 und ihrer Wiederverwendbarkeit einen handfesten technologischen und ökonomischen Sprung hingelegt, der die Startkosten pro Kilogramm über ein Jahrzehnt kontinuierlich gedrückt hat. Blue Origin dagegen predigt seine Vision schon deutlich länger, als New Glenn tatsächlich zuverlässig fliegt, und beim Mondlander-Programm hängt man dem eigenen Zeitplan ebenfalls hinterher. Der Unterschied liegt also nicht allein in der Vision, sondern in der Iterationsgeschwindigkeit dahinter: wie schnell ein Unternehmen aus einem gescheiterten Test lernt, statt den nächsten Fehlschlag in einer Pressemitteilung wegzumoderieren. Genau diese Geschwindigkeit fehlt staatlichen Programmen zusätzlich zur fehlenden Vision, und das macht den Rückstand am Ende größer als nötig.

Fazit, falls jemand eines braucht

Man kann von Musk und Bezos halten, was man will, ihre öffentlichen Auftritte liefern dafür reichlich Steilvorlagen. Aber dass beide bereit sind, öffentlich ein Ziel zu nennen, das deutlich über die nächste Quartalszahl hinausreicht, und dafür auch wiederholt öffentlich zu scheitern, ist etwas, was den einst großen Raumfahrtnationen mittlerweile fast vollständig fehlt. Schröder hätte vermutlich auch dazu einen Satz gehabt. Zum Glück fliegt der nicht ins All.

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