Schorsch, mei Tropf’n: Warum wir jede Straße nur einmal aufreißen sollten
Ich mache das jetzt seit 2013, und in dieser Zeit habe ich eines gelernt: Der teure Teil an einer Leitungsverlegung ist nicht das Kabel. Es ist das Loch. Bagger, Verkehrssicherung, Wiederherstellung der Fahrbahndecke, Anwohnerärger, Genehmigungsverfahren – all das kostet ein Vielfaches dessen, was am Ende tatsächlich im Boden liegt. Ein Meter Leerrohr kostet im Einkauf ein paar Euro. Ein Meter Straße aufreißen und wieder herrichten kostet, je nach Bauklasse, dreistellig bis vierstellig. Wer diese Relation kennt und trotzdem ein leeres Rohr ungenutzt lässt, wenn der Graben ohnehin offen ist, handelt betriebswirtschaftlich fahrlässig.
Das Grundproblem: Der Graben ist die knappe Ressource
Bei Straßenbaumaßnahmen wird in aller Regel für einen einzigen Zweck aufgegraben: eine neue Wasserleitung, ein Kanalschaden, die Erneuerung der Fahrbahndecke selbst. Der Boden darunter bleibt danach für zwanzig, dreißig, manchmal vierzig Jahre unangetastet. Genau das ist der Punkt, den viele Baulastträger bei der Planung übersehen. Nicht das Rohr ist die eigentliche Investition – der freie Zugang zum Untergrund ist es. Und dieser Zugang wird, sobald die Decke wieder drauf ist, zu einem knappen und teuren Gut.
Wer heute ein Leerrohr für zehn Euro den Meter mit in den Graben legt, kauft sich damit eine Option auf morgen. Eine Option, für die in zehn oder zwanzig Jahren kein Bagger mehr anrücken muss.
Wofür man das Rohr braucht, auch wenn man es heute noch nicht weiß
Der Charme eines leeren Rohres liegt gerade darin, dass man bei der Verlegung noch gar nicht wissen muss, was später hindurchgezogen wird. Ich sehe in meiner täglichen Arbeit im Glasfaserausbau, wie oft genau dieses Rohr fehlt und wie teuer diese Lücke im Nachhinein wird. Aber Glasfaser ist nur ein Anwendungsfall unter vielen:
Signalkabel für Lichtsignalanlagen und Verkehrsleittechnik, die heute noch als Freileitung oder in unterdimensionierten Kabelkanälen liegen
Steuerleitungen für Bahnübergänge und ÖPNV-Vorrangschaltungen
Sensorik für Smart-City-Anwendungen, Umweltmessungen, Verkehrsflusssteuerung – vieles davon existiert heute nur als Konzept, wird aber kommen
Stromkabel für Ladeinfrastruktur, deren Bedarf in den kommenden Jahren an Stellen entstehen wird, die heute noch niemand auf dem Zettel hat
schlicht Reservekapazität für den nächsten Netzbetreiber, der in fünf Jahren an genau dieser Straße vorbeikommt und ansonsten selbst wieder aufreißen müsste
Keiner dieser Bedarfe muss heute schon konkret vorliegen. Das ist gerade die Stärke des Leerrohrs gegenüber der fertig verlegten Leitung: Es ist die günstigste Form von Zukunftsoffenheit, die der Tiefbau kennt.
Ein Blick zurück, der zeigt, dass wir das eigentlich schon können
Wer durch ältere Ortskerne läuft, findet häufig Gas- und Wasserleitungen, die in einem gemeinsamen Grabenzug aus der Nachkriegszeit stammen. Damals war Mitverlegung keine Digitalisierungsdebatte, sondern schlichte Vernunft, weil man wusste, dass ein zweites Mal Aufgraben Geld kostet, das niemand hatte. Diese Denkweise ist uns irgendwann abhandengekommen, ausgerechnet in einer Zeit, in der Kommunen chronisch unterfinanziert sind und sich jede vermeidbare Ausgabe eigentlich verbieten müsste.
Warum es trotzdem nicht passiert
Der Gesetzgeber hat das Problem erkannt. Das DigiNetzG verpflichtet unter bestimmten Voraussetzungen bereits heute zur Mitverlegung von Glasfaserinfrastruktur bei öffentlich geförderten Baumaßnahmen. Im Prinzip also gelöst. Im Prinzip.
In der Praxis scheitert es an etwas sehr Deutschem: unterschiedliche Baulastträger, unterschiedliche Zeitpläne, unterschiedliche Fördertöpfe, unterschiedliche Ämter, die alle zuständig sind und keines davon zuerst. Die Straßenbauverwaltung plant ihren Fahrbahnbelag, der Netzbetreiber erfährt von der Maßnahme, wenn der Bagger schon bestellt ist, und am Ende wird getrennt gebaut, weil eine gemeinsame Abstimmung drei zusätzliche Sitzungstermine gekostet hätte. Die Überschlagungen ereignen sich, wie ich in anderem Zusammenhang gerne sage, aber diesmal nicht aus Sorglosigkeit, sondern aus reiner Organisationsträgheit.
Was ich mir wünsche
Eine verbindliche, frühzeitige Ausschreibungspflicht für jede Straßenbaumaßnahme ab einer gewissen Grabenlänge, verbunden mit einer öffentlich einsehbaren Vorankündigungsfrist, in der sich jeder Leitungsinteressent melden kann. Kein Bittstellerprinzip, sondern eine echte Bringschuld der Baulastträger. Die Kosten für das zusätzliche Rohr sind, gemessen an dem, was eine zweite Grabenöffnung kostet, geradezu lächerlich gering. Wer das nicht mitdenkt, verschiebt die Kosten nur in die Zukunft und macht sie dort größer.
Der Graben ist offen. Ein Rohr mehr kostet fast nichts. Man muss es nur wollen.
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