Günzburg gegen Zirndorf: Eine Frage der Fläche
Persönliches – Freizeitparks – Franken vs. Schwaben
Ich wohne, wie an dieser Stelle bekannt sein dürfte, fast in Sichtweite dessen, was Zirndorf stolz seinen Playmobil-FunPark nennt. Ein Umstand, der mich seit Jahren in eine Art familieninterne Loyalitätspflicht zwingt – wer in der Nähe von Brandstätters Werk aufwächst, besucht dort nicht den Park, man geht dort quasi vorbei. Über das vergangene Wochenende habe ich mir trotzdem einen Ausflug ins Konkurrenzlager erlaubt und war von Samstag bis Dienstag in einem Campingfass im Legoland-Feriendorf in Günzburg untergebracht. Ein Vergleich drängt sich auf, und ich dränge nicht gerne etwas ab, das sich von selbst anbietet.
Die Sache mit der Fläche
Um den großen Held der Steine zu zitieren – gemeint sind hier ausdrücklich die notleidenden Milliardäre aus Dänemark, deren Familie regelmäßig als reichste des Landes gehandelt wird, was der Notlage einen gewissen ironischen Anstrich verleiht – gefühlt war das Areal in Günzburg mindestens doppelt so groß wie das, was Brandstätter in Zirndorf auf die Beine gestellt hat. Beim Nachrechnen wird die Sache interessanter, als es das Gefühl vermuten ließ.
Der Playmobil-FunPark ist, das muss man ihm lassen, in dieser Hinsicht ein Musterbeispiel an Ehrlichkeit: 90.000 Quadratmeter, neun Hektar, seit der Eröffnung praktisch unverändert und in jeder Quelle identisch angegeben. Man weiß, woran man ist, was man von einer Firma, die auf einer ehemaligen Mülldeponie baut und das Sickerwasser bis heute beproben lässt, ohnehin erwarten darf – Kontrolle ist dort Betriebsprinzip, nicht Zufall.
Beim Legoland wird es unbestimmter, und zwar so unbestimmt, dass ich es fast charmant finde. Je nach Quelle liest man 14, 17,2, 32, 43 oder 125 Hektar, und keine dieser Zahlen wirkt aus der Luft gegriffen, sie beschreiben nur offenbar verschiedene Dinge: die reine Erlebnisfläche der Themenbereiche, die Parkfläche bei Eröffnung 2002, oder das gesamte Resort inklusive Feriendorf, Parkplätzen und Peppa-Pig-Nachbarschaft. Legt man die vom Verlag des offiziellen Legoland-Buchs gestützte Gesamtresort-Zahl von 125 Hektar zugrunde, kommt man auf gut das Vierzehnfache des FunParks – mein Gefühl hat also, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, eher untertrieben. Selbst die kleinste seriös belegte Zahl, die 43,5 Hektar der Eröffnungsfläche, ergibt noch fast das Fünffache.
Park versus Resort
Im Prinzip ja, aber der Vergleich hinkt an einer entscheidenden Stelle, und diese Stelle heißt Übernachtung. Der FunPark ist, seinem gesamten Konzept nach, ein Tagesausflugsziel ohne klassische Fahrgeschäfte – man kommt, klettert, spielt, fährt wieder heim. Das Legoland-Feriendorf dagegen ist auf Mehrtagesaufenthalte hin gebaut: eigene Hotels, Ritterzelte, ein Campingplatz mit eigenem Seezugang und Sandstrand, und eben jene Campingfässer, in denen ich vier Nächte verbracht habe. Das ist kein Freizeitpark mit angeschlossenem Parkplatz, das ist ein kleines Ferienressort mit angeschlossenem Freizeitpark, und dieser strukturelle Unterschied erklärt einen guten Teil der Flächendifferenz, die keine Zahl allein sichtbar macht.
Das ist nicht als Herabsetzung des FunParks gemeint. Wer mit kleineren Kindern ohne Ausdauer für einen ganzen Resort-Tag unterwegs ist, wird die überschaubare, in zehn Minuten zu Fuß durchmessbare Anlage in Zirndorf eher zu schätzen wissen als die Gehstrecken eines 125-Hektar-Geländes. Kompaktheit ist dort Feature, nicht Mangel, und der Verzicht auf klassische Fahrgeschäfte zugunsten von Mitmachstationen ist eine bewusste Konzeptentscheidung Horst Brandstätters gewesen, keine Sparmaßnahme.
Der Zug fährt ab
Was mich zur Korrektur einer eigenen Pointe zwingt – und zu einer Erweiterung des Bahnbilds von eben. Die notleidenden Milliardäre aus Dänemark waren, wie eingangs erwähnt, ironisch gemeint – die Familie hinter Lego führt seit Jahren die Liste der reichsten Dänen an, und der Konzern meldet reihenweise Rekordjahre. Die tatsächliche Notlage liegt ein paar Kilometer von meiner Haustür entfernt, bei genau der Firma, deren FunPark ich sonst so treu verteidige. Und dort fährt inzwischen ein ganz anderer Zug ab.
Die Horst Brandstätter Group, Mutterkonzern von Playmobil, hat im Geschäftsjahr 2024/25 einen Fehlbetrag von über 115 Millionen Euro ausgewiesen – nur unwesentlich weniger als der Rekordverlust von knapp 119 Millionen Euro im Jahr zuvor. Der Umsatz brach um rund neun Prozent auf etwa 409 Millionen Euro ein, und über drei Jahre gerechnet hat der Konzern ein Drittel seines Geschäfts verloren. Im Februar 2026 kam die Konsequenz: Das Werk in Dietenhofen, seit den frühen 1970er-Jahren Produktionsstätte der Figuren, wurde zum Ende Juni geschlossen, 350 Arbeitsplätze fielen weg, die Fertigung wandert nach Malta und Tschechien ab. Geblieben ist die Verwaltung in Zirndorf – direkt neben dem FunPark, gewissermaßen in Sichtweite der Ritterburg, an der die Kinder klettern, während im Büro daneben über die Zukunft der Marke verhandelt wird.
Die Wurzeln reichen bis zum Tod des Firmengründers Horst Brandstätter 2015 zurück, seither häufige Vorstandswechsel, 2023 der Abbau von rund 700 Stellen weltweit, mehr als die Hälfte davon in Deutschland, dazu ein zerstrittener Betriebsrat, der Anfang 2025 geschlossen zurücktrat. Conny Brandstätter, Sohn des Gründers, warnte 2025 öffentlich, ohne grundlegende Kurskorrektur sei das Unternehmen in vier Jahren nicht mehr lebensfähig – die vom Vater hinterlassenen Reserven seien endlich und würden Jahr für Jahr aufgezehrt. Wer sich öffentlich über notleidende Milliardäre lustig macht, sollte also eher nach Zirndorf schauen als nach Billund. Bei der Bibertbahn hat man den Zug im wortwörtlichen Sinn verpasst – bei Playmobil fährt gerade der wirtschaftliche ab, und ob noch jemand rechtzeitig aufspringt, ist offen. Die eigentliche Pointe hat sich die Realität selbst geschrieben.
Fazit
Vier Nächte im Campingfass reichen aus, um zu verstehen, warum das dänische Familienunternehmen seinen deutschen Standort als Resort und nicht als Tagespark plant. Und sie reichen aus, um festzustellen, dass meine gefühlte Verdopplung eher eine diplomatische Untertreibung war als eine Übertreibung – was für jemanden, der sonst eher zur Übertreibung neigt, eine bemerkenswerte Ausnahme darstellt. Dem FunPark um die Ecke bleibe ich trotzdem treu – gerade jetzt, wo die Treue dort mehr bedeutet als eine reine Geschmacksfrage. Man muss nicht das größte Gelände mögen, nur weil man es einmal betreten hat.
Wobei sich der Vergleich noch etwas bösartiger zuspitzen lässt, wenn man an die Bibertbahn denkt, deren Geschichte ich an dieser Stelle bereits ausgebreitet habe. Leichendorf, direkt neben Zirndorf, war von 1914 bis zur Stilllegung 1986 selbst Bahnstation an dieser Strecke – Endpunkt sogar, Bahnhof Leichendorf, Kilometer 6,9. Und selbst die letzten Meter der Reaktivierungspläne bis dorthin wurden inzwischen durch den Bau der Zirndorfer Westumfahrung dauerhaft verbaut. Während man in Günzburg also Hektar um Hektar zulegt, hat man im Landkreis Fürth nicht nur den Anschluss an die eigene Gleisinfrastruktur verloren, sondern zuletzt auch noch die letzte theoretische Möglichkeit, ihn zurückzugewinnen, unter einer Umgehungsstraße begraben. Den Zug verpasst, im Wörtlichen wie im Übertragenen.
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