Deutscher Radiopreis 2026: Ein Verein feiert seine Mitglieder


Die Nominierungskommission des Grimme-Instituts hat verkündet, was ohnehin feststand: Die deutsche Radiobranche hat sich wieder selbst nominiert. 139 Radioprogramme reichten 430 Beiträge ein, verteilt auf neun Kategorien mit je drei Finalisten, dazu fünfzehn Nachwuchskräfte in der Kategorie Newcomer. Am 10. September wird das im Theater an der Elbe in Hamburg mit der gebotenen Feierlichkeit verkündet. Ich habe mir die Meldung durchgelesen, und selten hat ein Text so zuverlässig belegt, wovon ich seit Jahren rede.

Was auf den ersten Blick wie Berichterstattung aussieht, ist bei genauerem Hinsehen vor allem eine Aneinanderreihung von Selbstauskünften. Ein Sender wird nominiert, der Sender gibt eine Stellungnahme heraus, in der er sich selbst zur Nominierung beglückwünscht, und diese Stellungnahme wird anschließend von der Fachpresse eins zu eins weitergereicht. Ein geschlossenes System: Wer den Preis stiftet, kommt aus derselben Branche, die nominiert wird, wer nominiert wird, feiert sich öffentlich für die eigene Nominierung, und wer darüber berichtet, finanziert sich über Anzeigen genau dieser Sender. Am Ende bestätigt die Branche sich selbst, gute Arbeit zu leisten, und nennt das Preisverleihung.
Besonders schön ist die Verlautbarung eines Privatsenders zu seiner nominierten Morgensendung: Man betone ausdrücklich, ausschließlich mit echten Menschen und echten Persönlichkeiten zu arbeiten, keine KI-Stimmen. Im Jahr 2026 ist das offenbar bereits ein Alleinstellungsmerkmal, für das man sich feiern lassen darf. Vor zehn Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, stolz zu verkünden, keine Dampfmaschine im Sendestudio zu betreiben.

Sogar die Kommunalpolitik spielt mit. Für ein Radio-Duell vor einer Oberbürgermeister-Stichwahl bedankt sich einer der beiden Kandidaten höchstpersönlich beim Sender für die Nominierung, mit dem Argument, höhere Wahlbeteiligung entstehe eben durch genau solche Interviews. Der Sender wird also für ein Format nominiert, in dem der Kandidat selbst vorkommt, und der Kandidat lobt den Sender im Gegenzug öffentlich für die Nominierung. Der Kreis schließt sich vollständig: Beteiligte loben Beteiligte für die gegenseitige Beteiligung.
Am ehrlichsten ist ausgerechnet der Funkhauschef eines mehrfach nominierten Regionalsenders, der zur eigenen Doppelnominierung sinngemäß anmerkt, bei zwei Nominierungen in einem Jahr müsse in seinem Laden wohl einiges richtig laufen, und er solle vielleicht öfter Urlaub machen. Ein Satz mit Selbstironie zwischen etlichen Sätzen ohne. Das ist ungefähr die Trefferquote, die man bei so etwas erwarten darf.

Ich vergleiche das gerne mit dem Zunftwesen des späten Mittelalters: Die Meister eines Gewerks prüften und zertifizierten sich gegenseitig, verliehen sich Meisterbriefe, und wer nicht Mitglied der Zunft war, durfte gar nicht erst mitreden. Der Unterschied zum Deutschen Radiopreis: Die Zünfte kontrollierten wenigstens die Qualität der Handwerksarbeit, bevor sie sich gegenseitig belobigten. Beim Radiopreis genügt die Einreichung.

Man kann jetzt einwenden, ich nehme das zu ernst, es handle sich schließlich nur um einen Branchenpreis unter vielen, und niemand werde dadurch getäuscht. Das mag sogar stimmen. Dann sollte man aber auch aufhören, das Ergebnis als journalistische Auszeichnung zu verkaufen, und es nennen, was es ist: eine interne Bestenliste eines Vereins, der überwiegend aus seinen eigenen Mitgliedern besteht, kommentiert vom eigenen Nachwuchs, gefeiert von der eigenen Fachpresse. Am 10. September wird das mit Bühne, Applaus und Dankesreden nachgestellt. Ich werde nicht hinfahren.

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