Warum eine Fachkräftemangel-Welle auf den Kreis Pfaffenhofen zurollt Ein Kommentar
Überrascht bin ich nicht. Die Meldung, dass auf den Kreis Pfaffenhofen eine Fachkräftemangel-Welle zurollt, ist keine Nachricht – sie ist eine Bestandsaufnahme. Die IHK für München und Oberbayern rechnet vor, dass in Bayern bis 2035 mehr als 1,5 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Allein 2024 gehen rund 285.000 Erwerbstätige in Rente, dem stehen nur etwa 120.000 Schulabgänger gegenüber. In der Region 10, zu der Pfaffenhofen zählt, fehlen bis 2030 rund 12.000 Fachkräfte, jede zwölfte Stelle bleibt unbesetzt. Das sind keine Prognosen, das ist Demografie, und Demografie lässt sich nicht wegdiskutieren.
Was mich an solchen Artikeln regelmäßig stört, ist der Tonfall des Überraschtseins. Als wäre der Fachkräftemangel ein Wetterphänomen, das unangekündigt über uns hereinbricht. Ich bin seit 2013 in der Glasfaser-Infrastruktur unterwegs, als Projekt- und Bauleiter, und ich kann aus erster Hand berichten: Wer heute einen Tiefbauer, einen Spleißer oder einen Elektroniker sucht, sucht länger als jeden Bewerber mit Masterabschluss. Das war schon vor zehn Jahren absehbar. Man musste nur hinschauen wollen.
Der Denkfehler: Jeder muss studieren
Ein wesentlicher Teil des Problems liegt in einer bildungspolitischen Grundannahme, die seit gut zwei Jahrzehnten unwidersprochen durch die Republik geistert: dass der akademische Weg der eigentliche Erfolgsweg sei und alles andere die zweite Wahl. Die Abiturientenquote ist seit den 1990er-Jahren kontinuierlich gestiegen, die Studienanfängerquote liegt inzwischen bei über 50 Prozent eines Jahrgangs. Gleichzeitig ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Handwerk und in technischen Berufen seit Jahren rückläufig. Im Landkreis Pfaffenhofen waren erst kürzlich noch 250 Ausbildungsplätze unbesetzt – und das mitten in einer Region, die wirtschaftlich zu den stärksten in Bayern zählt.
Man kann das drehen, wie man will: Ein Land, das jedem Sechzehnjährigen suggeriert, ohne Studium sei man nicht wirklich etwas geworden, braucht sich nicht zu wundern, wenn am Ende zu viele Betriebswirte und zu wenige Netzwerktechniker auf dem Markt sind. Die Glasfaserbranche, in der ich arbeite, ist dafür ein Lehrbuchbeispiel: Der Breitbandausbau in Deutschland scheitert nicht an fehlendem Geld oder fehlender Nachfrage, sondern regelmäßig an fehlenden Baukolonnen, fehlenden Bauleitern, fehlenden Fachkräften im Tiefbau. Das ist kein Nischenproblem einzelner Unternehmen, das ist strukturell.
Die politischen Rahmenbedingungen
Der zweite Teil des Problems ist hausgemacht, und zwar auf der politischen Ebene. Die Rahmenbedingungen für berufliche Bildung wurden über Jahre so gesetzt, dass die duale Ausbildung strukturell benachteiligt blieb: bei der gesellschaftlichen Wertschätzung, bei der finanziellen Förderung, bei der Durchlässigkeit zwischen den Systemen. Meistertitel und Bachelor wurden erst spät und halbherzig gleichgestellt, die Bologna-Reform hat den akademischen Weg internationalisiert und aufgewertet, während die berufliche Bildung national verwaltet und rhetorisch gewürdigt, aber selten priorisiert wurde. Wer politisch jahrzehntelang das Signal sendet, akademische Bildung sei die eigentliche Bildung, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Betriebe heute keine Bewerber mehr finden.
Und diese Fehlsteuerung setzt sich fort. Zuwanderung von Fachkräften wird politisch diskutiert, aber bürokratisch ausgebremst – Anerkennungsverfahren für ausländische Berufsabschlüsse dauern in Deutschland teils über ein Jahr. Regionale Wohnungsmärkte wie in Pfaffenhofen oder Ingolstadt verteuern sich schneller, als Löhne steigen können, was zusätzlich abschreckt, gerade für Berufe ohne akademisches Gehaltsniveau. Das sind keine neuen Erkenntnisse, das steht seit Jahren in den Berichten der IHK, der Handwerkskammern, der Wirtschaftsverbände. Nur folgt auf die Berichte selten Handeln, sondern das nächste Forum, der nächste Fachkräftegipfel, die nächste Pressemitteilung.
Was das für eine Region wie Pfaffenhofen bedeutet
Der Landkreis Pfaffenhofen ist wirtschaftlich gut aufgestellt, mit einem gesunden Mix aus Großunternehmen, Familienbetrieben und einer aktiven Gründerszene. Genau das macht die Lage paradox: Ein Standort, der eigentlich als Erfolgsmodell gilt, stößt an eine Grenze, die nichts mit Wirtschaftskraft zu tun hat, sondern mit Demografie und mit jahrzehntelang falsch gesetzten Anreizen. Die Betriebe vor Ort können daran kurzfristig wenig ändern – sie können Ausbildung attraktiver gestalten, ältere Belegschaften länger halten, internationale Fachkräfte gezielter ansprechen. Das lindert Symptome, löst aber nicht die Ursache.
Die Ursache liegt dort, wo sie schon immer lag: in einer Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik, die über zwei Jahrzehnte die falschen Signale gesendet hat, und die sie, allen Sonntagsreden zum Fachkräftemangel zum Trotz, immer noch sendet. Bis sich das ändert, wird man in Pfaffenhofen und andernorts weiter Fachkräftegipfel abhalten – und weiter Stellen nicht besetzen können.
Quelle: Donaukurier, „Warum eine Fachkräftemangel-Welle auf den Kreis Pfaffenhofen zurollt“, https://www.donaukurier.de/lokales/landkreis-pfaffenhofen/warum-eine-fachkraeftemangel-welle-auf-den-kreis-pfaffenhofen-zurollt-21806438
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