Unruhige Nachbarn: Was die Juan-de-Fuca-Platte und das Egerbecken gerade treiben
Es gibt Menschen, die pflegen ihre Freundschaften mit Geburtstagskarten und gelegentlichen Anrufen. Ich pflege meine mit einem Blick auf Erdbebenkataloge. Zwei Bekanntschaften habe ich mir dabei über die Jahre besonders ans Herz gelegt, obwohl beide notorisch schlechte Gesprächspartner sind, weil sie grundsätzlich nur in Magnituden antworten: die Juan-de-Fuca-Platte vor der US-Nordwestküste und, deutlich näher an meiner Haustür, das Egerbecken samt Vogtland. Zeit für ein kleines Update, was die beiden gerade so treiben.
Die Juan-de-Fuca-Platte: zerbröselt statt zerbrochen
Wer glaubt, eine tektonische Platte verschwinde ordentlich und am Stück im Erdmantel, so wie man es sich beim Blick auf ein Schulbuch-Schaubild vorstellt, der irrt offenbar gewaltig. Neue seismische Bildgebung zeigt, dass die Juan-de-Fuca-Platte beim Abtauchen unter Nordamerika nicht sauber hinabgleitet, sondern in Teile zerreißt. Ein Forscherteam beschreibt das mit einem Bild, das ich mir gut auf ein Sitzungsprotokoll der Deutschen Bahn vorstellen könnte: Die Platte entgleist langsam, Stück für Stück, statt geschlossen an ihr Ziel zu gelangen. An mindestens einem großen Bruch ist sie bereits um rund fünf Kilometer abgesackt.
Interessant ist dabei vor allem der Norden des Systems, wo die kleine Explorer-Platte ihren Zug nach unten allmählich verliert. Was sie an Antrieb einbüßt, übernimmt offenbar zunehmend die Juan-de-Fuca-Platte selbst, was die Spannung entlang der verriegelten Cascadia-Subduktionszone eher erhöht als mindert. Das ist die Art von Umverteilung, die man sich auch in anderen Zusammenhängen nicht wünscht: Fällt ein Lastesel aus, tragen die verbliebenen einfach mehr.
Flacher als gedacht, und das ist keine gute Nachricht
Parallel dazu haben Forscherinnen der USGS die Geometrie der Platte vor Nord-Oregon neu vermessen und festgestellt, dass sie dort etwa fünf Kilometer flacher liegt als bislang angenommen, nur rund zwanzig Kilometer unter der Küste. Wer jetzt denkt, ein paar Kilometer Unterschied seien geologische Erbsenzählerei, dem sei gesagt: Die Forscherinnen rechnen deshalb mit neun bis siebzehn Prozent stärkerer Bodenbeschleunigung bei einem künftigen Cascadia-Megabeben entlang der Küste Nord-Oregons. Dazu kommt ein neu entdecktes Sedimentbecken bei Tillamook, das sich bei starker Erschütterung wie eine Schüssel Wackelpudding verhalten dürfte und Erdbebenwellen an seinen Rändern gefangen hält, statt sie zügig abklingen zu lassen. Man könnte auch sagen: Die Region hat gerade einen Werkstatttermin hinter sich, bei dem der Kostenvoranschlag deutlich nach oben korrigiert wurde.
Ob und wie stark ein solches Ereignis mit dem knapp sechshundert Kilometer entfernten San-Andreas-Graben in Kalifornien zusammenhängen könnte, bleibt Gegenstand laufender Forschung an Sedimentkernen. Die kurze Zusammenfassung lautet: Ruhig ist an diesem Plattenrand derzeit gar nichts, es wird nur, wie es sich für eine gute Subduktionszone gehört, in geologischen statt journalistischen Zeiträumen verhandelt.
Das Egerbecken: verlässlich unruhig wie eh und je
Näher an der Haustür, im deutsch-tschechischen Grenzgebiet zwischen Vogtland und Westböhmen, hat sich das Egerbecken auch dieses Jahr wieder treu geblieben. Zur Erinnerung, falls jemand neu zu dieser Freundschaft dazugestoßen ist: Hier, weitab jeder Plattengrenze und jedes aktiven Vulkans, brodelt seit Jahrhunderten ein System aus Schwarmbeben, dessen Ursache lange als eine der hartnäckigeren Fragen der mitteleuropäischen Geologie galt.
Das Jahr begann standesgemäß pünktlich zum Jahreswechsel: Am Neujahrstag ereignete sich bei Luby ein Beben der Magnitude 3,3 in rund sieben bis acht Kilometern Tiefe, spürbar für einen Großteil der Region und von mehreren hunderttausend Menschen wahrgenommen. Ein Silvesterfeuerwerk der besonderen Art, nur dass hier nicht ich, sondern der Erdmantel den Zünder betätigt hat.
Im Februar folgte ein weiterer, kompakter Schwarm bei Milhostov mit hunderten Mikrobeben, deren Hypozentren sich stellenweise bis knapp unter zehn Kilometer Tiefe hochschoben. Und Anfang Juni legte die Region an der Grenze zwischen Luby und Kraslice noch einmal nach: ein neuer Schwarm mit einem spürbaren Beben der Magnitude 2,1 sowie weit über hundert kleineren Erschütterungen binnen weniger Stunden.
Die Erklärung: kein Vulkan, aber ganz in seiner Nähe
Das eigentlich Bemerkenswerte kam allerdings nicht aus dem Untergrund, sondern aus Potsdam. Forschende des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung haben eine detaillierte Analyse des großen Klingenthal-Kraslice-Schwarms von 2024, dem stärksten seit 1897, mit über achttausend ausgewerteten Einzelbeben vorgelegt. Ihr Ergebnis stützt genau die These, die ich hier ohnehin seit Jahren für die naheliegendste halte: Aufsteigende magmatische Fluide aus rund zehn Kilometern Tiefe treiben die Schwärme an, in zwei nacheinander folgenden Phasen, einer schnellen, in beide Richtungen laufenden und einer langsameren, radial ausufernden Ausbreitung.
Damit das nicht bei einer einzelnen Studie bleibt, ist inzwischen ein internationales Großprojekt namens ELISE im Feld, das mit rund dreihundert temporären Seismometern auf hundert mal hundert Kilometern den Untergrund von Vogtland und Nordwestböhmen durchleuchtet. Ziel ist die Antwort auf die Frage, ob unter dem Vogtland bis heute magmatische Schmelzen bis in die Erdkruste aufsteigen. Meine persönliche Wette liegt, wie an dieser Stelle schon öfter angemerkt, auf ja, nur eben in einem Zeithorizont, der jede Bundestagslegislaturperiode alt aussehen lässt.
Fazit
Beide Bekannte, die Juan-de-Fuca-Platte wie das Egerbecken, folgen derselben Logik: Nichts geschieht plötzlich, aber auch nichts steht wirklich still. Die eine zerbricht in aller Ruhe unter einem Ozean, das andere blubbert seit Jahrhunderten unter einem beschaulichen Grenzgebiet, in dem man ansonsten höchstens über die richtige Currywurst-Rezeptur streitet. Wer also das nächste Mal denkt, Geologie sei etwas für Leute mit viel Geduld und wenig Sensationslust, dem sei gesagt: Es passiert ständig etwas, nur eben selten in einem Tempo, das sich in eine Nachrichtensendung pressen lässt. Ich bleibe jedenfalls dran.
Quellen: Seismological Society of America, ScienceDaily, USGS, GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung, Erdbebennews.de, vulkane.net.
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