Vom Kuhdorf zur Vorstadt: Wintersdorf im Wandel seit 1985

 Ein persönlicher Rückblick auf vierzig Jahre Dorfgeschichte am Rand von Zirndorf

Ankunft in einem anderen Zeitalter

1985 zogen meine Eltern mit mir nach Wintersdorf – einem der äußeren Ortsteile von Zirndorf, direkt an der Bibert gelegen, umgeben von Acker- und Grünland. Wir kamen aus Gebersdorf, wo wir vorher gewohnt hatten (dazu gibt es an anderer Stelle schon einen eigenen Blogartikel). In Wintersdorf kauften meine Eltern ein Reihenhaus in der neuen Bibertsiedlung – zu dem Zeitpunkt bereits mit zwei Söhnen: mir, Jahrgang 1978, und meinem mittleren Bruder, Jahrgang 1983. Unser jüngster Bruder kam erst 1989 zur Welt, mitten in der Wintersdorfer Zeit, und war damit der einzige von uns dreien, der von Geburt an in der Siedlung aufwuchs, während ich als Siebenjähriger den Umzug selbst noch ganz bewusst miterlebt habe. Mein erster Eindruck war denkbar unkompliziert: Da rund um uns herum noch alles Baugebiet war, war die ganze Siedlung für mich als Siebenjährigen vor allem eines – ein riesiger Spielplatz.

Wer heute nach Wintersdorf kommt, sieht kaum noch, dass der Ort erst 1976 – also nur neun Jahre vor unserem Umzug und zwei Jahre vor meiner Geburt – überhaupt nach Zirndorf eingemeindet wurde. Damals war Wintersdorf noch ein eigenständiges Dorf mit dörflicher Struktur: wenige Straßenzüge, landwirtschaftlich geprägt, mit einem Ortskern, der sich seit Jahrhunderten kaum verändert hatte. Die erste urkundliche Erwähnung des Orts reicht bis ins Jahr 1295 zurück – und noch in den 1980er-Jahren war vom bäuerlichen Charakter dieser langen Geschichte vieles spürbar.

Ein Dorf mit Kuhgeruch

„Kuhdorf" ist keine Übertreibung. Wintersdorf war bis in die 1980er hinein von Landwirtschaft geprägt – Höfe, Ställe, Felder direkt hinter den letzten Häusern, der Blick von der Straße ging nahtlos ins Grüne über. Ganz so archaisch, wie man sich das vielleicht vorstellt, war es allerdings nicht: Die Wege waren bereits asphaltiert, keine Feldwege im eigentlichen Sinne. Trotzdem kam ich auf dem täglichen Schulweg regelmäßig an Hühnern und Kühen vorbei – Landwirtschaft war also kein historisches Relikt, sondern ganz gegenwärtiger Alltag direkt vor der eigenen Haustür.

Interessanterweise hatte der Wandel aber tatsächlich schon begonnen, kurz bevor ihr hinzogt: In den 1980er-Jahren entstand mit der sogenannten Bibertsiedlung ein neues Wohngebiet, durch das die Einwohnerzahl spürbar anstieg. 1980 wurde zudem ein neues Feuerwehrhaus eingeweiht – ein kleines, aber deutliches Zeichen dafür, dass der Ort langsam größer und die Infrastruktur mitwachsen musste. Ihr seid also nicht in ein stillstehendes Dorf gezogen, sondern mitten in den Beginn seiner Verwandlung.

Und mittendrin waren wir: Meine Familie zog direkt in die neue Bibertsiedlung, errichtet von einer eigens dafür gegründeten Baugesellschaft namens BSW. Die Alteingesessenen im Ort hatten für die Siedlung einen eigenen, wenig schmeichelhaften Spitznamen – „das Ghetto". Ein Wort, das viel darüber verrät, wie das gewachsene Dorf auf die neuen Nachbarn blickte: Wer in der Siedlung wohnte, gehörte erst einmal nicht so richtig dazu. Zwischen den alten Höfen und der neuen Siedlung verlief eine unsichtbare, aber spürbare Grenze – zwei Wintersdorfs nebeneinander, das alte bäuerliche und das neue, das gerade erst entstand.

Für mich war das mehr als nur ein Spitzname: Ich kam als Kind aus der Siedlung in die Schule, kannte dort niemanden und wurde von den anderen Kindern gemieden. Diese Erfahrung hat mich geprägt – bis heute mache ich mein eigenes Ding, notfalls auch allein.

Bemerkenswert dabei: Als Wintersdorf Mitte bis Ende der 1990er mit Umgehungsstraße und Einkaufszentrum seine nächste große Wandlungsphase durchlief, stand die Bibertsiedlung selbst schon ziemlich vollständig da – die eigentliche Bauphase war da längst abgeschlossen. Die BSW als ursprüngliche Baugesellschaft existierte zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr, sie war bereits pleitegegangen. Die Siedlung, die einst so neu und fremd wirkte, dass man sie „Ghetto" nannte, war zu diesem Zeitpunkt also längst ein gewachsener, gesetzter Teil des Ortsbilds – während anderswo im Dorf die nächste Umbauwelle erst richtig losging.

Läden, die es nicht mehr gibt

Wie dörflich der Alltag damals wirklich war, zeigt sich am besten an der kleinen, aber vollständigen Infrastruktur, die es direkt vor Ort gab. In Wintersdorf selbst gab es einen Tante-Emma-Spar-Laden, geführt von Frau Tiefel, während ihr Mann als Uhrmacher ein eigenes Geschäft gleich um die Ecke betrieb – die Familie Tiefel deckte mit den beiden Läden also praktisch im Alleingang zwei ganz unterschiedliche Grundbedürfnisse des Dorfes ab. Dazu kamen ein Schuster (der wohl etwa bis 1990 bestand), eine Postfiliale, eine Avia-Tankstelle, ein Friseur, eine Raiffeisenbank, eine Sparkassenfiliale und das Gasthaus Lämmermann mit einem Café, das damals weit über den Ort hinaus bekannt war. Heute ist dort, glaube ich, ein italienisches Restaurant zu finden – ein kleiner, aber typischer Wechsel: aus dem traditionsreichen fränkischen Wirtshaus wird die Pizzeria von nebenan. Selbst zwei eigene Bankfilialen für ein Dorf dieser Größe wirken aus heutiger Sicht fast überraschend großzügig – ein Zeichen dafür, wie ernst man die Nahversorgung noch nahm, bevor Online-Banking und Filialsterben den Alltag veränderten. Zum Vergleich: Auch das benachbarte Ammerndorf hatte einmal eine eigene Dorftankstelle, die aber – soweit ich mich erinnere – schon in den 1980er-Jahren wieder schloss. Nicht jedes Dorf hat seine kleine Infrastruktur also gleich lang gehalten.

Direkt auf der anderen Seite der Rothenburger Straße (heute St 2245), in Weinzierlein, gab es noch einmal ein eigenes kleines Zentrum: einen Tante-Emma-Edeka der Familie Ascherl, eine Telefonzelle – und sogar ein eigenes Rathaus, denn auch Weinzierlein war bis zur Gebietsreform 1976 eine selbstständige Gemeinde. Zwei Dörfer, durch eine Straße getrennt, jedes mit seiner eigenen kleinen Nahversorgung und seiner eigenen Verwaltung – heute kaum noch vorstellbar, wo Supermarktketten und Online-Handel den Alltag prägen. Das Verhältnis zwischen Wintersdorf und Weinzierlein war dabei beides zugleich, Rivalität und Verbundenheit – und ich glaube, genau das gehört bei zwei so eng benachbarten Dörfern auch einfach dazu. Man ist aufeinander angewiesen und grenzt sich trotzdem voneinander ab, oft gleichzeitig.

Zu Weinzierlein gehört auch eine kleine, kuriose Dorflegende, die mir bis heute im Kopf geblieben ist: die Geschichte von einer angeblichen „Kartlschule" – einer Schule, in der man das Kartenspielen erlernen konnte. Es stellt sich heraus, dass da tatsächlich etwas dran ist: Die „Kartlschule Weinzierlein" existiert wirklich und ist vor allem als Ort für Schafkopf-Kartllehrgänge sowie traditionelle Kartlturniere bekannt, von denen einige bereits seit über 50 Jahren ausgetragen werden. Der Ausspruch, den du kennst, dürfte sich also gar nicht auf eine mysteriöse Legende beziehen, sondern ganz konkret auf diese Schafkopf-Tradition: Wer beim Kartenspiel patzte – etwa beim Mischen die Karten fallen ließ oder eine falsche Karte spielte –, dem wurde scherzhaft nachgesagt, er müsse wohl noch mal „in die Kartlschule". Aus einer Kinder-Anekdote wird so am Ende eine ziemlich reale, sehr fränkische Institution rund ums Schafkopfen.

Von all dem – Tante-Emma-Läden, Postfiliale, Tankstelle, Uhrmacher, Kneipe – ist heute nur wenig übrig. Zum Einkaufen muss man mittlerweile nach Zirndorf, Ammerndorf oder Roßtal fahren, ebenso für alles, was mit Bank oder Sparkasse zu tun hat. Immerhin: Milch direkt vom Bauern gibt es bis heute, ein Baumarkt ist inzwischen dazugekommen, und es gibt auch wieder einen Friseur im Ort. Fast vergessen hätte ich außerdem den Schuster, den es in Wintersdorf ebenfalls einmal gab – er dürfte etwa bis 1990 bestanden haben. Ein Dorf, das seine eigene kleine Grundversorgung hatte, ist heute auf Autos, Supermärkte am Ortsrand und Onlinebestellungen angewiesen.

Schule im Wandel

Von 1985 bis 1992 besuchte ich die Grund- und Hauptschule in Wintersdorf, bevor es für mich auf die Realschule in Oberasbach weiterging. Der Wechsel dorthin war für mich kein Selbstläufer, sondern ein hart erkämpfter Sieg. Für das Gymnasium hat es damals nicht gereicht, mein Abitur habe ich erst viel später nachgeholt – aber ich habe mich bewiesen, und am Ende zählt genau das. Auch diese Schule hat übrigens eine kleine Wanderungsgeschichte: Weil sie sich das Schulgebäude mit dem dortigen Gymnasium teilte und beide Schulen zusammen zeitweise über 2000 Schüler zählten, zog die Realschule im Jahr 2000 um – sie befindet sich seitdem in Zirndorf. Auch das ein kleines, aber typisches Beispiel dafür, wie das Wachstum der gesamten Region – nicht nur Wintersdorfs – ständig neue Infrastruktur nötig machte. Die Wintersdorfer Schule selbst hat sich seither ebenfalls verändert: Aus der einstigen Grund- und Hauptschule wurde eine reine Grundschule, die Hauptschule ist mittlerweile ebenfalls nach Zirndorf verlagert. Damit ist auch dieses letzte Stück eigenständiger weiterführender Bildung aus dem Dorf verschwunden – ein weiteres kleines Beispiel für die zunehmende Zentralisierung öffentlicher Einrichtungen in der Kernstadt.

Sogar von der heutigen Bibertschule selbst ist nicht alles geblieben, wie ich es kannte: Das Klassenzimmer, in dem ich die erste und zweite Klasse verbracht habe, existiert heute nicht mehr. Die Schule wurde im Lauf der Jahre mehrfach modernisiert, und der Trakt mit meinem alten Klassenzimmer ist inzwischen einer Hausmeisterwohnung gewichen. Ein kleines, sehr konkretes Beispiel dafür, wie wenig von den eigenen Kindheitsorten manchmal übrigbleibt, selbst wenn die Institution dahinter – die Schule als solche – bis heute fortbesteht.

Die Kärwa und der Rhythmus des Dorfes

Was ein echtes Dorf ausmacht, zeigt sich oft an seinen Festen. In Wintersdorf ist das bis heute die Kärwa – die traditionelle fränkische Kirchweih, die immer am zweiten Juli-Wochenende gefeiert wird: mit Bierzelt, Baumaufstellen, Betzentanz und Kinderkarussell. Ursprünglich gab es dafür einen eigenen Festplatz, später wurde daraus zeitweise eine Wirtshauskärwa. Ob sie inzwischen wieder auf dem alten Festplatz stattfindet, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht mehr genau – nur, dass sie zuverlässig immer um meinen eigenen Geburtstag herum liegt, was die Kärwa für mich automatisch mit dem eigenen Älterwerden verknüpft hat. Ein großer Kärwagänger war ich selbst allerdings nie; die Kärwa war einfach da, jedes Jahr, aber persönlich hat sie mich nie besonders interessiert.

Der Termin im Juli ist übrigens gar nicht so alt, wie man vermuten könnte: Bis 1975 fand die Kärwa noch Ende August statt und wurde erst mit der Einweihung des evangelischen Gemeindehauses auf das zweite Juli-Wochenende verlegt – erst dadurch bekam Wintersdorf, wie es in der Ortschronik heißt, „eine echte Kirchweih". Das Jahr 1975 markiert überhaupt einen kleinen kirchlichen Aufbruch im Ort: Damals entstanden sowohl das evangelische Gemeindehaus in der Markgrafenstraße als auch, für die wachsende katholische Bevölkerung, die Bruder-Klaus-Kapelle. Beide Gebäude stehen bis heute – das Gemeindehaus feierte 2025 sogar sein 50-jähriges Bestehen. In eben diesem Gemeindehaus wurde ich 1992 konfirmiert – mein letzter nennenswerter Berührungspunkt mit der evangelisch-lutherischen Kirche, aus der ich längst ausgetreten bin. Spätestens der öffentliche Auftritt des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, der zusammen mit Karl Marx quasi ohne Kreuz durch Jerusalem stolzierte, hat mir den letzten Rest an Glauben endgültig ausgetrieben – aber das ist natürlich eine ganz eigene, sehr persönliche Geschichte.

Solche Traditionen sind interessant, weil sie oft das Letzte sind, was von einer dörflichen Identität übrigbleibt, wenn sich drumherum längst alles verändert hat.

Die neunziger Jahre: erste sichtbare Zäsur

Ein Wendepunkt, den man auch ohne eigene Erinnerung datieren kann, war das Jahr 1995: Da eröffnete in Wintersdorf ein kleines Einkaufszentrum rund um einen Plus-Supermarkt mit angeschlossenem Ärztehaus – zeitlich also nur wenige Jahre vor dem Bau der Umgehungsstraße, in etwa derselben Phase, in der sich der Ort insgesamt neu sortierte. Für ein Dorf, das bis dahin für jede Besorgung nach Zirndorf oder Fürth fahren musste, war das ein kleiner, aber realer Schritt in Richtung Vorstadt-Infrastruktur. Plötzlich gab es Nahversorgung und medizinische Betreuung direkt vor Ort – etwas, das man sich vorher schlicht nicht hätte vorstellen können.

Zirndorf wächst mit

Wintersdorfs Wandel lässt sich nicht getrennt von dem der Kernstadt Zirndorf betrachten. Zirndorf war damals selbst noch eine kleine Stadt mit aufstrebenden Firmen im Rücken – allen voran natürlich geobra Brandstätter mit seiner Marke Playmobil. Das Unternehmen, dessen Wurzeln bis 1876 zurückreichen, saß zu unserer Zeit noch nicht an seinem heutigen, weithin sichtbaren Firmensitz, sondern in der Nordstadt hinter dem Bahnhof – ungefähr Ecke Fürther Straße/Vestnerstraße, wenn du dich richtig erinnerst. Erst 1990 zog Playmobil an seinen heutigen Standort um, an dem inzwischen auch der Playmobil-Fun-Park liegt. Auch das war also ein Umzug, der fast genau in die Zeit fiel, in der wir nach Wintersdorf kamen – Zirndorf war in dieser Phase gewissermaßen selbst mitten im Wachstum. Playmobil war in meiner Kindheit auch ganz direkt präsent: Für gute Schulnoten gab es von den Eltern Playmobil-Sets, und so kannte ich auch den Fabrikverkauf am alten Nordstadt-Standort noch aus eigener Anschauung – ein kleiner Kreis, der sich schließt, wenn man bedenkt, dass ein Kind aus dem "Kuhdorf" Wintersdorf mit Spielzeug aus der eigenen Stadt belohnt wurde.

In den 1970er-Jahren wuchs Zirndorf im Zuge der bayerischen Gemeindegebietsreform um acht neue Stadtteile – darunter eben auch Wintersdorf, Weinzierlein, Leichendorf und weitere umliegende Dörfer.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf Wintersdorf lassen sich vor allem im Straßenverkehr ablesen: Der Ort hat heute deutlich mehr Verkehr, als man sich früher hätte vorstellen können. Die Rothenburger Straße ist inzwischen hoch belastet – nicht zuletzt durch den Playmobil-Fun-Park, der jährlich zahlreiche Besucher aus der ganzen Region anzieht. Und damit sind wir wieder bei der Bibertbahn: Ausgerechnet diese stark befahrene, vierspurig ausgebaute Straße hätte durch eine reaktivierte Schienenverbindung erheblich entlastet werden können. Stattdessen rollt der gesamte Ausflugs- und Pendlerverkehr bis heute über den Asphalt – ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte einer verpassten Chance.

Eine der einschneidendsten Veränderungen Zirndorfs in dieser Zeit hatte aber nichts mit Spielzeug zu tun, sondern mit dem Militär. Als wir hinzogen, war das Gelände des heutigen Pinderparks noch die Pinder Barracks – eine amerikanische Kaserne, 1938 ursprünglich von der Luftwaffe erbaut und nach dem Krieg von der US Army übernommen. Benannt war sie nach John J. Pinder Jr., einem GI, der bei der Landung in der Normandie gefallen und posthum mit der Medal of Honor ausgezeichnet worden war. Von 1971 bis 1991 – am längsten von allen dort stationierten Verbänden – lag hier die Divisions-Artillerie der 1. US-Panzerdivision, ausgerüstet unter anderem mit M109-Panzerhaubitzen. Für Zirndorf und die umliegenden Ortsteile bedeutete das über Jahrzehnte hinweg amerikanische Nachbarn im Alltag, GIs im Stadtbild und alljährliche Deutsch-Amerikanische Volksfeste. Die US Army war mir dabei ohnehin schon vertraut, noch aus der Zeit davor: In Gebersdorf, wo wir vorher wohnten, und rund um den Truppenübungsplatz Hainberg gehörten Amerikaner ganz selbstverständlich zum Alltag – die Pinder Barracks in Zirndorf waren für mich also keine fremde Erscheinung, sondern eher eine Fortsetzung von etwas, das ich schon kannte.

1991, zum Zweiten Golfkrieg, wurde die in Zirndorf stationierte Artillerie tatsächlich in den Einsatz geschickt – und kehrte danach nicht mehr in vollem Umfang zurück. Es gab zwar noch einen feierlichen Wiedereinzug, doch der Truppenabbau in Europa nach dem Ende des Kalten Krieges war da bereits eingeleitet. 1995 verließen die letzten amerikanischen Soldaten Zirndorf endgültig, die Kaserne wurde geschlossen. Die Stadt übernahm das rund 2,5 Quadratkilometer große Gelände, ließ die meisten Kasernengebäude abreißen – nur Turm und Wachhaus blieben als Erinnerung stehen – und entwickelte daraus einen komplett neuen Stadtteil: den Pinderpark, mit bezahlbaren Reihenhäusern für junge Familien, Kindergarten, Altenpflegeheim und Gewerbeflächen. Einen großen Teil des Areals nehmen heute zudem das Landratsamt Fürth und die Realschule des Landkreises ein – zwei zentrale öffentliche Einrichtungen, die dort entstanden, wo einst Kasernenhof und Panzerstellflächen der US-Artillerie lagen. Heute leben dort mehrere hundert Menschen, ohne dass viele von ihnen noch etwas von M109-Haubitzen oder Kettenfahrzeugen ahnen, die hier einmal standen. In die eigentliche Kaserne kam man als Kind natürlich nie hinein – das blieb hinter Zaun und Wachposten. Heute komme ich hin und wieder eher zufällig hin, wenn geschäftlich mal etwas im Landratsamt zu erledigen ist oder ich zwischendurch beim Lidl im Pinderpark einkaufe. Ein Ort, den ich als Kind nie betreten durfte, ist so ganz beiläufig zu einer der normalsten Alltagsstationen geworden.

Die Altstadt vor dem großen Einzelhandel

Werfen wir einen kurzen Blick in die Zirndorfer Innenstadt, denn auch dort lässt sich der Wandel gut ablesen. Bis zum Bau des damaligen Kaufmarkt – später Marktkauf, heute als ZIM-Fachmarktzentrum bekannt – war Zirndorf mit kleinen, inhabergeführten Läden regelrecht gesegnet. Das Gebäude, das den Wandel einläutete, entstand übrigens 1991 nicht auf der grünen Wiese, sondern auf einer echten Industriebrache: dem ehemaligen Werksgelände der Metallwarenfabrik Zimmermann. Aus der alten Fabrik wurde erst der Marktkauf, 2013 dann das heutige ZIM mit Rewe als Ankermieter.

Vor diesem Umbruch aber prägten kleine Geschäfte das Bild der Altstadt. Ich erinnere mich zum Beispiel an das Fischgeschäft in der Nürnberger Straße 46 – heute befindet sich dort die Pizzeria Maria. Oder an den Spielwarenladen in der Schulstraße, wo heute eine ganz normale Wohnung ist. Und natürlich an die Commerzbank-Filiale direkt am Marktplatz. Dazu kommen mir noch der Schlüsseldienst in Erinnerung, die Bäckerei in der Nürnberger Straße sowie die vielen Metzgereien, die es heute allesamt nicht mehr gibt. Die Nürnberger Straße selbst wurde irgendwann zu einer verkehrsberuhigten Straße umgebaut – noch ein Baustein in der langsamen Verwandlung der Altstadt vom autogerechten Durchgangsort zur Fußgängerzone mit Aufenthaltsqualität. Viele dieser kleinen Geschäfte gibt es bis heute nicht mehr, manche haben aber auch überlebt und behaupten sich weiterhin gegen die große Konkurrenz aus dem Fachmarktzentrum.

Ganz ähnlich lief die Entwicklung übrigens im benachbarten Oberasbach ab, nur etwas später. Auch dort entstand an der Rothenburger Straße auf einer Brachfläche ein Kaufland mit angeschlossenem McDonald's, und nur einige Hundert Meter weiter ein zweites großes Einkaufszentrum mit Edeka, Burger King, Norma und einigen weiteren Geschäften – errichtet auf dem ehemaligen Gelände der Zirndorfer Kunstdruckerei Leipold, bevor das Unternehmen an den Pinderpark umzog. Auch dieses Projekt war seinerzeit politisch umstritten, weil man um die Kaufkraft der jeweiligen Altstadt fürchtete. Wintersdorf, Zirndorf und Oberasbach durchliefen also fast zeitgleich denselben Strukturwandel: von kleinteiligem, inhabergeführtem Einzelhandel hin zu großflächigen Fachmarktzentren auf ehemaligen Industrie- und Gewerbeflächen. Ich selbst wohne heute übrigens ebenfalls im Landkreis Fürth und gehe, ganz pragmatisch, mal hier und mal dort einkaufen – eine feste Treue zu Zirndorf oder Oberasbach habe ich mir nie auferlegt, dafür ist inzwischen beides zu bequem in Reichweite.

Die Bibertbahn: eine verpasste Chance

Ein Kapitel, das bis heute nachwirkt, ist die Geschichte der Bibertbahn. Seit 1914 verband diese Nebenbahn die Region über Zirndorf mit Nürnberg-Stein – mit einem Haltepunkt an der Ortsgrenze zwischen Wintersdorf und Weinzierlein, der aber offiziell zu Weinzierlein gehörte: Wintersdorf selbst hatte keinen eigenen Bahnanschluss, man musste dafür ins Nachbardorf. Bis 1985, also genau in dem Jahr, in dem wir hinzogen, fuhren hier noch Züge. Am 26. September 1986 wurde der Personenverkehr endgültig eingestellt, im Dezember desselben Jahres ließ die Bundesbahn die Gleise abbauen – obwohl sich zuvor sogar ein privater Investor gefunden hatte, der die Strecke hätte übernehmen wollen. Weder die Bürgerinitiative „Rettet die Bibertbahn" noch der Investor waren am Ende bereit, die Kosten für den bereits bestellten Gleisbauzug zu tragen, und so war die Sache entschieden.

Ich wurde in diesem Jahr acht, und ich fand es damals schon schade, dass die Bahn verschwand – wohl auch gerade deshalb, weil ich selbst nie mit ihr gefahren bin. Es ist diese besondere Art von Bedauern, die man empfindet, wenn einem etwas genommen wird, das man noch gar nicht richtig kennengelernt hatte.

Aus heutiger Sicht wirkt die Entscheidung wie ein Symptom ihrer Zeit: Anfang der 1980er wurde die Bibertbahn im Rahmen des sogenannten „Dollinger-Gohlke-Plans" zur Ausdünnung unrentabler Nebenstrecken zum Abschuss freigegeben, trotz Bürgerprotesten und Sonderfahrten zum 70-jährigen Jubiläum. Die Ironie: Ausgerechnet in den Jahrzehnten danach wuchs Wintersdorf durch die Bibertsiedlung und weitere Neubaugebiete immer weiter – also genau in die Richtung, die eine Schienenanbindung eigentlich gebraucht hätte. Spätere Reaktivierungsbemühungen, etwa im Rahmen von Konzepten für eine Stadt-Umland-Bahn im Landkreis Fürth, scheiterten regelmäßig an Gutachten, die zu geringe Fahrgastzahlen prognostizierten, und am fehlenden politischen Willen der beteiligten Kommunen, sich an den Betriebskosten zu beteiligen. Bis heute ist der alte Streckenverlauf am östlichen Ortsrand von Wintersdorf noch gut zu erkennen – teilweise wurde er zu einem Radweg umgewidmet. Ein Weg, der einmal Schienen trug und heute Fahrräder.

Was blieb, war der Bus – ein Ersatz, der die Bahn nie ganz kompensieren konnte. Betrieben wurde er damals von der OVF, einer Bahntochter, mit einem kleinen Liniengeflecht: die 113 von Unternbibert über Wintersdorf und die Rothenburger Straße nach Nürnberg, zeitweise sogar bis zum Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB), dazu vereinzelte Fahrten nach Fürth; die 112 von Roßtal nach Fürth; und die 151, die Wintersdorf über Weinzierlein (Erlachstraße) mit dem Zirndorfer Bahnhof verband. Zuverlässig waren alle drei Linien im Großen und Ganzen – 113, 112 und 151 fielen selten komplett aus. Pünktlich waren sie allerdings, vor allem bei Eis und Schnee im Winter, eher selten – was angesichts der Straßenverhältnisse auf dem Land aber auch verständlich war.

Innerhalb Zirndorfs selbst entwickelte sich das Liniennetz ganz ähnlich zäh. Jahrzehntelang gab es im Grunde nur zwei Linien: die 70 nach Zirndorf und die 71 nach Oberasbach. Erst als der Ausbau des Pinderparks weit fortgeschritten war, kam die Linie 72 zur Realschule hinzu. Die 70 führt heute bis zur Kneippallee, dem Haltepunkt der Rangaubahn – lange Zeit fuhr sie allerdings, kurios genug, gar nicht zum Zirndorfer Bahnhof selbst, sondern nur an ihm vorbei. Auch die Linien 150 nach Bronnamberg, 151 nach Weinzierlein und 155 nach Oberasbach verkehrten ursprünglich nur unter der Woche; eine echte Wochenendbedienung wurde erst irgendwann in den 2000er-Jahren eingeführt. Nightliner-Nachtbuslinien kamen dafür vergleichsweise schnell nach deren Einführung im Landkreis. Wintersdorf ist inzwischen offenbar über den Umweg Zirndorf an dieses Nachtnetz angebunden – die direkte Anbindung scheint also weiterhin über die Kernstadt zu laufen, statt einer eigenen Nightliner-Linie ins Dorf selbst.

Für Wintersdorf bedeutete das über lange Jahre: unter der Woche endete die Busanbindung meist deutlich vor 19 Uhr, am Wochenende ging es samstags allenfalls bis zum Mittag – danach wurde es schwierig. Ich erinnere mich an mehrere Abende, an denen ich von Zirndorf über Bronnamberg nach Hause gelaufen bin, einfach weil schlicht nichts mehr gefahren ist – tatsächlich war das öfter der Fall, als ich je gezählt habe. Heute ist die Lage spürbar besser, unter der Woche ist aber auch jetzt nach 23 Uhr endgültig Schluss. Wintersdorf ist inzwischen zwar über den Nightliner erreichbar, allerdings offenbar nur mit Umweg über Zirndorf, nicht mit einer eigenen direkten Linie ins Dorf.

Auch der Autoverkehr prägte den Ort lange auf eine Art, die man sich heute kaum noch vorstellen kann: Zunächst lief der gesamte Durchgangsverkehr mitten durch Wintersdorf, über die Ansbacher Straße, die hinter Weinzierlein wieder zur Rothenburger Straße wurde. Laut und gefährlich war das, keine Frage. Erst in den späten 1990er-Jahren – die Umgehungsstraße wurde 1998 fertiggestellt – wurde der Verkehr aus dem Ortskern herausgenommen. Doch die Erleichterung hatte ihren Preis: Danach war das Dorf regelrecht tot. Der Durchgangsverkehr hatte den Ort zwar belastet, aber eben auch am Leben gehalten – mit ihm verschwand auch ein gutes Stück des öffentlichen Lebens, das an einer belebten Durchgangsstraße naturgemäß entsteht. Bemerkenswert dabei: Für den Bau der Umgehung wurde teilweise die alte Trasse der Bibertbahn einbezogen. Das bedeutet auch, dass selbst zu diesem späten Zeitpunkt eine Reaktivierung der Bahnstrecke noch möglich gewesen wäre – die Entscheidung fiel also nicht zwangsläufig mit dem Bau der Umgehungsstraße, sondern war eine eigene, bewusste Weichenstellung gegen die Schiene.

Vom Feldrand zum Neubaugebiet

Wer die letzten vierzig Jahre in Wintersdorf verfolgt hat, hat wahrscheinlich vor allem eines beobachtet: wie ehemalige Felder und Wiesen nach und nach zu Baugebieten wurden. Aus der Bibertsiedlung der 1980er ist längst ein etabliertes Wohnviertel geworden, und die Nähe zu Fürth und Nürnberg macht Wintersdorf heute attraktiv für Pendler, die auf dem Land wohnen, aber in der Stadt arbeiten wollen. Alles, was heute die Rankenstraße und der Krokusweg sind sowie Teile der Blumenstraße, war zu meiner Kinderzeit noch offenes Feld. Auf den Feldern selbst habe ich als Kind allerdings kaum gespielt – viel spannender war ohnehin das Baugebiet selbst, mit seinen Baustellen, halbfertigen Häusern und Materialhaufen. Passend dazu, dass mein allererster Eindruck von Wintersdorf genau dieser war: eine riesige Spielwiese aus Baustelle statt aus Wiese.

Wie stark dieses Wachstum tatsächlich war, lässt sich zumindest für Wintersdorf grob in Zahlen fassen: 1987 zählte der Ort rund 921 Einwohner, bis 2007 war die Zahl auf etwa 1489 gestiegen – ein Plus von über 60 Prozent innerhalb von rund zwanzig Jahren, größtenteils getragen von der Bibertsiedlung. Auch in Weinzierlein, Ammerndorf und Großhabersdorf kamen durch die jeweiligen neuen Siedlungen in dieser Zeit noch einmal einige hundert Anwohner dazu – exakte Zahlen für den Zeitraum 1983 bis 2000 lassen sich für diese Orte nicht mehr verlässlich rekonstruieren, aber das Muster war überall dasselbe: Wo vorher offenes Land oder ein paar Höfe standen, entstanden neue Wohngebiete, und mit ihnen kamen spürbar mehr Menschen in die Dörfer, als sie vorher je gekannt hatten.

Zwei kleine, aber sehr anschauliche Indizien für diesen Wandel liegen direkt an der Rothenburger Straße – die ihrem Namen übrigens alle Ehre macht: Sie führt tatsächlich bis nach Rothenburg ob der Tauber, weiter draußen heißt sie stellenweise auch Hochstraße. Zum einen wurde sie irgendwann bis zur Kreuzung im Zirndorfer Ortsteil Leichendorf – 1985 noch ein ebenso typisches Kuhdorf wie Weinzierlein und Wintersdorf, heute unter anderem Standort der Playmobil-Zentrale – vierspurig ausgebaut. Eine Straße, die einmal durch offenes Land führte, wurde so zu einer echten Verkehrsachse für eine ganze Region im Wachstum. Zum anderen, fast unscheinbarer, aber ebenso aussagekräftig: Früher endete die Straßenbeleuchtung an der Rothenburger Straße abrupt am Ortsende von Oberasbach – dahinter wurde es buchstäblich dunkel, freies Feld eben. Heute reicht die Beleuchtung, mit nur noch kurzer Unterbrechung, fast durchgängig bis zur Kreuzung bei Leichendorf. Eine Straßenlaterne ist selten Thema in Erzählungen über Ortsgeschichte – aber genau solche Details zeigen, wie lückenlos der Siedlungsraum inzwischen zusammengewachsen ist, wo früher noch echte Dunkelheit zwischen den Orten lag.

Ein weiteres, sehr konkretes Beispiel dafür, wie das Wachstum der Region der Infrastruktur oft davonlief: das Telefonnetz. In den 1980er-Jahren kam es abends durchaus vor, dass man entweder gar keine Verbindung bekam oder ständig ein Übersprechen in der Leitung hatte – fremde Gespräche, die sich in die eigene Leitung mischten. Der Grund war simpel: Die „graue Post", also die Fernmeldedirektion der damaligen Bundespost, hatte schlichtweg nicht damit gerechnet, dass ein neues Siedlungsgebiet wie die Bibertsiedlung in Wintersdorf – und kurz danach ähnliche Neubaugebiete in Weinzierlein, Ammerndorf und Großhabersdorf – auch einen Ausbau der Leitungskapazitäten benötigen würde. Auch dieser Ausbau hat seine Zeit gebraucht. Ein kleines, aber typisches Muster, das sich durch die ganze Geschichte Wintersdorfs zieht: Menschen und Häuser waren meistens schneller da als die Infrastruktur, die sie eigentlich gebraucht hätten – bei der Bibertbahn ebenso wie beim Telefonnetz.

Heute hat sich das Bild komplett gedreht: Dieselben Orte, die damals auf die Kupferleitungen der Bundespost warten mussten, sind inzwischen unter anderem durch die Deutsche Glasfaser mit modernen Glasfaseranschlüssen ausgebaut worden. Vom knappen analogen Draht zur Hochgeschwindigkeitsleitung – auch das ein Maßstab dafür, wie viel sich in vierzig Jahren verändert hat, selbst bei etwas so Unsichtbarem wie Kabeln unter der Straße.

Das ist vielleicht die größte Veränderung überhaupt: Früher kannte man in einem Dorf wie Wintersdorf noch jeden. Heute, mit gewachsener Einwohnerzahl und ständigem Zuzug, ist aus der dörflichen Vertrautheit vielerorts die anonymere Normalität einer Vorstadt geworden.

Was geblieben ist

Bei allem Wandel gibt es auch Kontinuitäten – wenn auch weniger, als man vielleicht erwarten würde. Da ich selbst aus der Bibertsiedlung kam, war ich im alten Dorf ohnehin immer eher der Außenseiter, entsprechend nüchtern fällt mein Blick auf das aus, was heute noch an das alte Wintersdorf erinnert. Auf dem Gelände der ehemaligen Postfiliale steht heute schlicht ein Wohnhaus. Richtig dörflich wirkt der Ort insgesamt nicht mehr. Was aber immerhin geblieben ist: Die Schule steht noch – nicht mehr mit denselben Klassenzimmern, aber als Institution und als Gebäude an ihrem angestammten Platz. Die Lage am Südufer der Bibert, umgeben von landwirtschaftlichen Flächen, ist ebenfalls bis heute erkennbar – Wintersdorf ist trotz aller Entwicklung nicht vollständig zugebaut. Die Kärwa findet nach wie vor statt. Und der fränkische Dialekt, im Ort liebevoll „Winderschdorf" genannt, ist – zumindest bei den Älteren – noch zu hören.

Vierzig Jahre später

Wenn ich heute durch Wintersdorf gehe, fällt mir vor allem auf, was fehlt – nicht im Sinne von Mangel, sondern im Sinne von Vermissen. Was mir am meisten nachhängt, ist der Flair der kleinen Läden: der Spar-Markt in Wintersdorf, der Edeka in Weinzierlein, ganz ähnlich dem Tante-Emma-Laden von Frau Rotter, den wir noch aus unserer Zeit in Gebersdorf kannten. Und die Avia-Dorftankstelle – übrigens hat der damalige Besitzer heute ein hochprofitables Geschäft mit Automaten und einer SB-Waschanlage aufgebaut, was zeigt, dass nicht jeder alte Betrieb einfach verschwunden ist, sondern manche sich mit der Zeit gewandelt und sogar behauptet haben. Diese Läden hatten etwas, das ein Supermarkt am Ortsrand oder ein Fachmarktzentrum nie ganz ersetzen kann: man kannte den Verkäufer, man wurde erkannt, ein Einkauf war auch immer ein kleines Stück Dorfleben. Das vermisse ich, auch wenn ich die Entwicklung zur Vorstadt insgesamt nicht schlechtreden will – beides kann gleichzeitig wahr sein: dass Wintersdorf heute praktischer, besser angebunden und moderner ist, und dass etwas Persönliches dabei verloren gegangen ist.

Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich aber weder den alten Ort selbst noch meine eigene Kindheit darin – was ich wirklich vermisse, ist mein verstorbener Vater, sind meine Großeltern. Wintersdorf hat sich einfach so entwickelt, wie es sich entwickelt hat, und das nehme ich weitgehend gelassen hin. Schade finde ich vor allem das Verschwinden der kleinen, familiengeführten Läden wie dem Edeka von Ascherl in Weinzierlein und den beiden Geschäften der Familie Tiefel in Wintersdorf – Frau Tiefels Tante-Emma-Spar-Laden und dem Uhrmacherladen ihres Mannes um die Ecke – aber ich setze durchaus Hoffnung darauf, dass moderne Automatenlösungen irgendwann einen echten Ersatz dafür bieten können (dazu haben wir übrigens an anderer Stelle bereits einen eigenen Blogbeitrag geschrieben).

Vierzig Jahre sind eine lange Zeit – lang genug, um aus einem Kuhdorf eine Vorstadt zu machen, aber auch lang genug, um zu merken, dass ein Ort seine Geschichte nie ganz verliert, auch wenn sie unter neuem Asphalt und neuen Häusern liegt.

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