Strom, Gas, Glasfaser – warum die Stadtwerke München früher schon alles richtig gemacht haben
Ich wundere mich seit Jahren über etwas, das mir in meiner Branche kaum jemand schlüssig erklären kann, und ich arbeite seit 2013 in diesem Geschäft. Es geht um ein Prinzip, das die Stadtwerke München über lange Zeit konsequent verfolgt haben: Wann immer bei einem Gebäude ein Strom- oder Gasanschluss neu gelegt, erneuert oder umgebaut wurde, wanderte gleich eine Glasfaserleitung mit in den Graben. Kein Extraprojekt, keine gesonderte Marketingkampagne, kein eigener Förderantrag. Einfach die pragmatische Logik: Wenn der Bagger schon da ist, kann er auch gleich das Rohr für die Zukunft mitverlegen.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. In München gibt es dadurch Gebäude, die bereits Glasfaser bis in den Keller oder die Wohnung hatten, als anderswo in der Republik noch über ISDN-Anschlüsse diskutiert wurde. Nicht weil die SWM ein ambitioniertes Ausbauprogramm verkündet hätten, sondern weil sie eine ohnehin fällige Tiefbaumaßnahme klug mitgenutzt haben. Das ist im Kern nichts anderes als das, was Straßenbauer seit Jahrzehnten predigen und was trotzdem viel zu selten passiert: Synergien heben, statt dieselbe Straße drei Mal aufzureißen.
Und genau darin liegt der eigentliche Witz der Sache, wirtschaftlich betrachtet. Wer sich mit Glasfaserausbau beschäftigt, weiß, dass der Tiefbau typischerweise 70 bis 80 Prozent der Gesamtkosten eines FTTH-Projekts ausmacht. Die Faser selbst, die Spleißarbeiten, die aktive Technik – das ist im Vergleich fast schon die Nebensache. Der teure Teil ist der Graben. Wenn also ohnehin ein Graben für den Gas- oder Stromanschluss aufgemacht wird, kostet das zusätzliche Leerrohr für die Glasfaser nur noch einen Bruchteil dessen, was ein eigenständiges Ausbauprojekt später kosten würde. Das ist keine hochkomplexe Netzplanung, das ist Grundschulmathematik mit Spaten.
Ich habe in den letzten Jahren einige Länder und Regionen kennengelernt, in denen genau dieses Prinzip zum Standard erklärt wurde – Leerrohrpflicht bei jeder Straßenbaumaßnahme, gekoppelt mit dem stillen Verständnis, dass sich die Investition irgendwann amortisiert, auch wenn sie heute noch niemand bezahlen will. München hat das im Kleinen vorgemacht, ohne dass es je groß draufstand. Diskret, effizient, München damals eben.
Was mich an der Geschichte aber tatsächlich wurmt: Die Stadtwerke München machen das heute so nicht mehr. Die Sparten sind längst entflochten, der Glasfaserausbau läuft über eigene Gesellschaften und eigene Förderlogiken, die mit dem Strom- oder Gasnetzbetrieb regulatorisch kaum noch etwas zu tun haben dürfen. Unbundling heißt das Stichwort, aus gutem wettbewerbsrechtlichem Grund entstanden, aber mit dem Nebeneffekt, dass die naheliegendste und günstigste Synergie im deutschen Tiefbau seit einiger Zeit systematisch verhindert wird. Jede Sparte gräbt heute lieber für sich allein, manchmal buchstäblich denselben Gehweg drei Mal in drei Jahren.
Das ist die Ironie, über die ich immer wieder stolpere: Ausgerechnet die Regulierung, die eigentlich fairen Wettbewerb und diskriminierungsfreien Netzausbau sichern soll, hat ein Modell beerdigt, das München über Jahrzehnte einen stillen, aber enormen Vorsprung beim Glasfaserausbau verschafft hat. Man hätte das Prinzip skalieren können, bundesweit, mit klaren Regeln zur Mitverlegung bei jeder Tiefbaumaßnahme der öffentlichen Hand oder der Versorger. Stattdessen diskutieren wir seit Jahren über Fördertöpfe, Overbuild-Problematiken und die Frage, wer in welchem Gebiet als Erster graben darf, während der eigentlich billigste Glasfaseranschluss der ist, den ohnehin schon ein anderes Gewerk mitverlegt.
Vielleicht ist das am Ende typisch deutsch: Wir finden die pragmatische Lösung, lassen sie ein paar Jahrzehnte lang unbeachtet funktionieren, und sobald jemand sie regulatorisch sauber einordnen will, verschwindet sie leise wieder. Die alten Münchner Gebäude mit ihrer frühen Glasfaserversorgung sind damit weniger ein Vorbild als vielmehr ein Denkmal für eine Idee, die eigentlich nichts weiter brauchte als gesunden Menschenverstand und einen Bagger, der ohnehin schon vor Ort war.
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