Zwei Infotafeln als Grabsteine
Der nächste Bauabschnitt bei Leichendorf ist kein Baufortschritt. Es ist die endgültige Beerdigung der Bibertbahn – mit Ansage.
Der Landkreis Fürth hat diese Woche vermeldet, dass es weitergeht. Nach der Verkehrsfreigabe des ersten Abschnitts in Zirndorf im Dezember 2025 richtet sich der Blick nun auf den Ausbau Richtung Zirndorf-Leichendorf. Baustart: 2027. Und damit man sich schon mal ein Bild machen kann, wurden Anfang der Woche zwei Infotafeln aufgestellt – am geplanten Beginn und Ende des sogenannten Westabschnitts.
Verwaltungssprech für: Der letzte noch unverbaute Rest der Bibertbahn-Trasse zwischen Zirndorf und Leichendorf wird jetzt endgültig plattgemacht. Darüber habe ich im April schon geschrieben, damals noch mit einem Fragezeichen. Das Fragezeichen kann weg. Ab 2027 ist es amtlich.
Die Trasse, die man angeblich nicht zu früh entwidmet hat
Der Landrat hat sich bei der Vorstellung dieses Radschnellwegs selbst auf die Schulter geklopft: Es sei gut gewesen, die alte Bibertbahn-Trasse nicht zu früh zu entwidmen. Man möchte applaudieren – bis man merkt, was da eigentlich gesagt wurde. Eine funktionsfähige Bahntrasse wurde jahrzehntelang stillgelegt, jede Reaktivierung im Stadtrat und im Kreistag kassiert, jede Bürgerinitiative dazu abgewatscht. Und die einzige Leistung, auf die man sich jetzt etwas einbildet, ist, dass man die Leiche wenigstens nicht vorzeitig verscharrt hat. Man hat sie so lange liegen lassen, bis genug Zeit vergangen war, dass niemand mehr fragt, warum sie überhaupt tot ist.
Und jetzt wird sie asphaltiert. Nicht daneben, nicht in der Nähe – drauf. Auf dem Bahnkörper. Das war beim ersten Abschnitt in Zirndorf schon so, das ist beim Westabschnitt Zirndorf–Leichendorf nicht anders. Zwei Infotafeln stehen jetzt an Anfang und Ende der Strecke, auf der einmal Züge fuhren. Man könnte sie auch Grabsteine nennen, dann wäre wenigstens die Beschriftung ehrlich.
Der Modalsplit, den man mit dem falschen Werkzeug reparieren will
Die Meldung selbst liefert die schönste Formulierung gleich mit: Der Radschnellweg könnte dem sich leicht verschlechternden Modalsplit hin zum Kraftverkehr entgegenwirken. Könnte. Etwas entgegenwirken. Das ist keine Verkehrspolitik, das ist eine Absichtserklärung im Konjunktiv. Für genau dieses Problem – täglicher Pendlerverkehr Fürth-Land Richtung Nürnberg – gab es ein Instrument, das strukturell wirkt: eine Regionalbahn, wetterunabhängig, ohne Steigung, mit Anschluss ans übrige Netz. Das hat man kassiert. Was bleibt, ist ein Radweg für Schönwetterpendler, die ohnehin schon aufs Rad steigen würden. Wer heute im Regen mit dem Auto fährt, weil 14 Kilometer auf dem Rad keine ernsthafte Option sind, fährt 2028 immer noch mit dem Auto. Nur jetzt entlang eines sehr hochwertig ausgebauten Radwegs, auf dem er beim Vorbeifahren die Infotafeln lesen kann.
Man hat sich selbst das Werkzeug weggenommen, das dieses Problem tatsächlich hätte lösen können, und feiert jetzt den Ersatz dafür als Fortschritt. Das ist keine Ironie mehr. Das ist Chuzpe.
2027 ist kein Zufallsdatum
Der Baustart fällt exakt in das Zeitfenster, in dem Nürnberg die U-Bahn-Verlängerung nach Gebersdorf eröffnen will – die stadtseitige Erschließung, an die der Radschnellweg andocken soll. Für die Landkreisseite, Richtung Zirndorf und Leichendorf, gibt es kein vergleichbares Schienenprojekt, keinen vergleichbaren politischen Willen dafür – und ab 2027 keine Trasse mehr, auf der man das überhaupt noch hätte nachholen können. Nürnberg bekommt eine U-Bahn. Der Landkreis Fürth bekommt einen Radweg auf dem Grab seiner eigenen Bahnstrecke. Wer hier von „Verkehrswende“ spricht, meint offenbar: Die einen fahren Schiene, die anderen treten in die Pedale.
Was auf den Tafeln nicht stehen wird
Die neuen Infotafeln sollen laut Ankündigung technische Details liefern und den gesamten Verlauf des Radschnellwegs von Nürnberg nach Stein, Oberasbach und Zirndorf zeigen. Was garantiert fehlen wird: der Hinweis, dass an exakt dieser Stelle bis vor Kurzem noch eine Option existierte, die mit diesem Bauabschnitt unwiderruflich beerdigt wird. Man stellt Schilder auf, um Baufortschritt zu feiern. Ehrlicher wäre eine einzige zusätzliche Zeile: Hier lag einmal eine Bahnstrecke. Wir haben uns entschieden, dass hier nie wieder eine liegen wird. Aber dafür braucht man keine Infotafel. Dafür braucht man Ehrlichkeit – und die war in diesem Projekt von Anfang an nicht vorgesehen.
Weitere Infos unter www.radschnellverbindung.info
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