Wenn das Schlagzeug Pause hat, aber die Welt entsteht: Eine Hommage an „Fool’s Overture“



Manchmal braucht es einen Meteorologen, um einem musikalisch die Augen zu öffnen. Oder in meinem Fall: Ein Plakat an der Wand von Christian Häckl im Video-Podcast mit Jörg Kachelmann. Da hing es, das Cover von „Even in the Quietest Moments…“ – der schneebedeckte Flügel in den Bergen.

Ich dachte mir so um die Weihnachtszeit: „Ja mei, dann hören wir halt mal rein.“

Als alter Genesis-Jünger (und Liebhaber von Queen, Pink Floyd und Yes) bin ich epische Strukturen gewohnt. Supertramp kannte ich natürlich – wer tut das nicht? Vor allem „Dreamer“ hat mich geprägt, allerdings in der orchestralen Wucht des Vienna Symphonie Orchestra Projects, das damals die Titelmusik der Spielshow meiner Kindheit, „Ein Tag wie kein anderer“, lieferte.

Aber dieses Album hier? Es ist exakt ein Jahr und drei Monate älter als ich. Und was soll ich sagen? Ich habe reingehört und es für absolut brillant befunden.

 Besonders ein Werk hat mich völlig aus den Socken gehauen: Fool’s Overture.
Das große Besteck der Tonkunst
Was Rick Davies, John Helliwell, der großartige Bob Siebenberg am Kit, Dougie Thomson und natürlich Roger Hodgson hier abliefern, ist schlichtweg das „große Besteck“.

Apropos Hodgson: Der Mann hat eine solche Ausnahme-Stimme, der könnte mir das Telefonbuch von Feuchtwangen vorsingen und ich würde es wahrscheinlich immer noch feiern. Aber bei „Fool’s Overture“ geht es um mehr als nur Gesang. Es geht um eine klangliche Architektur, die ihresgleichen sucht.


5 Minuten Geduld (Oder: Warum Schlager-Fans nervös werden)

Neulich hatte ich eine Bekannte im Auto – Baujahr ’95, musikalisch eher im modernen Schlager zu Hause. Wer Schlager hört, ist auf den „Drop“ nach spätestens 30 Sekunden konditioniert.
Bei „Fool’s Overture“ passiert aber folgendes:
 * Die Minuten verstreichen.
 * Klangwelten bauen sich auf.
 * Sphärische Synthesizer, Samples von Winston Churchill, Big-Ben-Glockenschläge.
 * Kein Gesang.

Nach Minute vier wurde sie sichtlich nervös. „Wann fangen die denn an zu singen?“ fragte ihr Blick. Ich hingegen saß völlig tiefenentspannt hinterm Steuer. Dank moderner Assistenzsysteme bin ich zum Glück nicht im Graben gelandet, denn die Gefahr, komplett in dieser Klangwelt zu versinken, ist real.

Die Brille des Drummers

Als ehemaliger Schlagzeuger achte ich natürlich auf Bob Siebenberg. Er spielt hier nicht einfach nur einen Beat; er inszeniert die Dynamik. Wenn das Stück nach dem langen Intro endlich Fahrt aufnimmt, ist jeder Akzent, jedes Fill-in genau dort, wo es sein muss, um der orchestralen Wucht von Davies und Hodgson den nötigen Boden zu geben.

Es ist progressiver Rock, aber mit einer Eleganz, die niemals anstrengend wirkt. Bei jedem Hören entdecke ich eine neue Nuance – ein Saxophon-Echo, eine Basslinie von Dougie, die sich herrlich durch die Harmonien schlängelt.

Fazit

„Fool’s Overture“ ist kein Song für zwischendurch. Es ist eine Reise. Es erinnert uns daran, dass Musik Zeit braucht, um zu atmen und sich zu entfalten. Wer die ersten fünf Minuten nicht aushält, verpasst das Beste.

Und während Rick Davies uns leider kürzlich verlassen hat, bleibt diese Musik als Denkmal für die Ewigkeit.




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