Aufstieg und Fall von Quelle und Neckermann: Vom Wirtschaftswunder bis zur Insolvenz

 

In der deutschen Wirtschaftsgeschichte stehen die Namen Quelle und Neckermann für ein Stück Nachkriegskultur, für den Wandel des Einzelhandels und letztlich auch für den schmerzhaften Strukturwandel im deutschen Versandhandel. Beide Unternehmen begleiteten Generationen von Deutschen durch das Wirtschaftswunder und prägten mit ihren Katalogen den Konsumstil einer ganzen Epoche. Doch wie konnten diese Giganten des Handels entstehen – und warum verschwanden sie schließlich von der Bildfläche?

## Die Gründerjahre: Visionen in schwierigen Zeiten

### Gustav Schickedanz und die Geburt von Quelle

Die Geschichte von Quelle begann im Jahr 1927, als Gustav Schickedanz in Fürth ein Versandgeschäft gründete. Schon in den frühen Jahren setzte er auf ein für damalige Verhältnisse revolutionäres Konzept: Waren per Katalog anzubieten und direkt an die Kunden zu versenden. Der Name "Quelle" sollte Programm sein – eine Quelle für alles, was der Haushalt benötigte.

Die wirkliche Erfolgsgeschichte begann jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Trümmern des zerstörten Deutschlands erkannte Schickedanz die Chance für einen Neuanfang. Der Slogan "Qualität zu kleinen Preisen" traf den Nerv der Zeit. In einer Epoche des Mangels bot Quelle plötzlich eine Fülle an Waren für den täglichen Bedarf.

### Josef Neckermann: Vom Kohlenhandel zum Versandhaus

Josef Neckermann, ein geschäftstüchtiger Unternehmer aus Frankfurt, gründete sein Versandhaus 1950. Anders als Schickedanz hatte Neckermann bereits vor dem Krieg Erfahrungen im Einzelhandel gesammelt. Nach dem Krieg nutzte er die Gelegenheit, einen ehemaligen Flugzeughangar zu erwerben und dort sein Versandgeschäft aufzubauen.

Von Anfang an positionierte sich Neckermann als preisgünstiger Anbieter – oft zum Ärger der etablierten Konkurrenz. Sein geschäftliches Credo "Neckermann macht's möglich" wurde zu einem der bekanntesten Werbeslogans der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

## Goldene Zeiten: Die Kataloge als Fenster zur Konsumwelt

In den 1950er und 1960er Jahren entwickelten sich die Versandhauskataloge zu kulturellen Ikonen. Der "Quelle-Katalog" und der "Neckermann" lagen in Millionen deutscher Haushalte und wurden regelrecht verschlungen. Mit bis zu 1.000 Seiten Umfang boten sie eine unglaubliche Produktvielfalt – von Unterwäsche über Möbel bis hin zu Fernsehgeräten und sogar vorgefertigten Häusern.

### Die Kataloge als Spiegel der Gesellschaft

Die Kataloge waren mehr als nur Verkaufsinstrumente – sie spiegelten den gesellschaftlichen Wandel wider. Von den sparsamen Nachkriegsjahren über die Konsumfreude der Wirtschaftswunderzeit bis hin zum technologischen Fortschritt der 1970er und 1980er Jahre: Wer die alten Kataloge durchblättert, erhält ein faszinierendes Zeitdokument deutscher Alltagskultur.

### Innovation als Erfolgsrezept

Beide Unternehmen lebten vom Innovationsgeist ihrer Gründer:

- Quelle führte als eines der ersten Unternehmen das Ratenzahlungssystem ein, das vielen Familien ermöglichte, sich bisher unerschwingliche Konsumgüter zu leisten.
- Neckermann revolutionierte den Markt mit seinem Konzept "Masse statt Klasse" und einem aggressiven Preiskampf.
- Beide Unternehmen diversifizierten ihr Angebot stetig und erschlossen neue Märkte wie Reisen, Versicherungen und Finanzdienstleistungen.

Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs beschäftigten beide Konzerne zusammen mehrere zehntausend Mitarbeiter und erwirtschafteten Milliardenumsätze.

## Beginnender Abstieg: Fehlentscheidungen und Marktveränderungen

### Übernahmen und Konzernstrukturen

Der Niedergang begann schleichend. Nach dem Tod von Gustav Schickedanz 1977 übernahm seine Frau Grete die Führung des Quelle-Imperiums, konnte jedoch nicht an die Erfolge des Gründers anknüpfen. Neckermann geriet bereits früher in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wurde 1977 vom Karstadt-Konzern übernommen.

Die einstigen Familienunternehmen wurden Teil größerer Konzernstrukturen:

- Quelle wurde 1999 Teil des Arcandor-Konzerns (ehemals KarstadtQuelle AG)
- Neckermann wurde nach der Übernahme durch Karstadt mehrmals weiterverkauft und verlor zunehmend an Eigenständigkeit

### Verlust der Innovationskraft

Was beide Unternehmen einst groß gemacht hatte – ihre Innovationskraft – ging in den bürokratischen Strukturen der Großkonzerne verloren. Statt flexibel auf Marktveränderungen zu reagieren, verharrten die Handelsgiganten in alten Geschäftsmodellen:

- Der Katalogversand wurde in einer zunehmend digitalisierten Welt nicht rechtzeitig modernisiert
- Die Kostenstrukturen blieben ineffizient im Vergleich zu neuen Wettbewerbern
- Das Image veraltete, während sich der Einzelhandel grundlegend wandelte

## Der endgültige Fall: Die Insolvenz

### Die Arcandor-Pleite

Die Weltwirtschaftskrise 2008/2009 gab beiden Unternehmen den Todesstoß. Im Juni 2009 meldete der Arcandor-Konzern, zu dem Quelle gehörte, Insolvenz an. Alle Bemühungen, das traditionsreiche Unternehmen zu retten, scheiterten. Ende 2009 wurde der Geschäftsbetrieb von Quelle eingestellt, was rund 7.000 Mitarbeiter den Arbeitsplatz kostete.

### Das Ende von Neckermann

Neckermann hielt sich etwas länger, musste aber 2012 ebenfalls Insolvenz anmelden. Nach mehreren gescheiterten Rettungsversuchen wurde auch diese einstige Handelsikone vom Markt getilgt.

## Lehren und Vermächtnis

Der Niedergang von Quelle und Neckermann steht exemplarisch für den fundamentalen Wandel im Einzelhandel. Die Unternehmen scheiterten letztlich an mehreren Faktoren:

- Sie verpassten den rechtzeitigen Einstieg ins Online-Geschäft
- Die Kostenstrukturen waren nicht mehr wettbewerbsfähig
- Die Konzernstrukturen verhinderten schnelle Anpassungen an veränderte Marktbedingungen
- Der Preiskampf mit Discountern und Online-Händlern wie Amazon erwies sich als aussichtslos

### Was bleibt

Trotz ihres Scheiterns haben Quelle und Neckermann ein bleibendes Vermächtnis hinterlassen:

1. Sie demokratisierten den Konsum und machten Waren für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich
2. Ihre Kataloge dokumentieren ein halbes Jahrhundert deutscher Konsumgeschichte
3. Ihre Innovationen im Versandhandel schufen die Grundlagen für den heutigen E-Commerce

Die Markenrechte beider Unternehmen existieren noch heute und wurden von verschiedenen Investoren übernommen. Der Name "Quelle" taucht gelegentlich im Online-Handel auf, während Neckermann.de als reiner Online-Shop weitergeführt wird – allerdings ohne die einstige Bedeutung und Größe.

## Fazit

Die Geschichte von Quelle und Neckermann ist eine klassische Wirtschaftssaga von Aufstieg, Erfolg und Fall. Sie zeigt eindrucksvoll, dass selbst die größten Marktführer nicht unverwundbar sind, wenn sie den Anschluss an veränderte Märkte verpassen. Gleichzeitig verdeutlicht ihr Schicksal den tiefgreifenden Wandel im Einzelhandel, der mit der Digitalisierung eine völlig neue Dimension erreicht hat.

Für viele Deutsche bleibt jedoch vor allem die Erinnerung an die bunten Kataloge, die saisonale Vorfreude auf neue Angebote und das Gefühl, die ganze Konsumwelt in einem Buch vereint zu haben – ein Stück Wirtschafts- und Kulturgeschichte, das mit dem Internet zwar funktional ersetzt, emotional aber kaum kompensiert wurde.

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