Vulkanische Zwillinge über den Pazifik hinweg: Bezymianny und Mount St. Helens



Wenn man von verheerenden Vulkanausbrüchen spricht, denken die meisten Menschen sofort an den berühmten Ausbruch des Mount St. Helens im Jahr 1980. Doch auf der anderen Seite des Pazifiks, auf der russischen Halbinsel Kamtschatka, steht ein weniger bekannter "Bruder" - der Bezymianny. Diese beiden Vulkane teilen eine erstaunlich ähnliche Geschichte der Zerstörung und Wiedergeburt, die sie zu wahren vulkanischen Zwillingen macht.

## Zwei Giganten erwachen

Der **Bezymianny** (russisch "Безымянный", was "namenlos" bedeutet) galt jahrhundertelang als erloschen. Niemand erwartete, dass dieser unscheinbare Berg auf Kamtschatka jemals wieder zum Leben erwachen würde. Doch 1955 begann eine dramatische Aktivitätsphase, die am 30. März 1956 in einer katastrophalen Eruption gipfelte.

Auf der anderen Seite des Pazifiks war der **Mount St. Helens** in Washington State als der "Fujisan Amerikas" bekannt - ein perfekt geformter Kegel, der die Landschaft der Cascade Range dominierte. Am 18. Mai 1980 zerbrach dieser majestätische Anblick für immer in einer der spektakulärsten Vulkaneruptionen der modernen Geschichte.

## Gespiegelte Katastrophen

Was diese beiden Vulkane zu wahren Brüdern macht, ist die verblüffende Ähnlichkeit ihrer Ausbrüche. Beide erlebten das, was Vulkanologen als "directed-blast" Eruption bezeichnen - eine seitlich gerichtete Explosion von unvorstellbarer Gewalt.

**Die gemeinsamen Merkmale:**

- **Sektorenkollaps**: Bei beiden Vulkanen brach eine ganze Flanke des Berges zusammen und schuf charakteristische hufeisenförmige Krater
- **Laterale Explosionen**: Anstatt vertikal nach oben zu explodieren, richteten sich die Eruptionen horizontal und vernichteten alles in ihrem Weg
- **Edifice Destruction**: Beide Vulkane verloren beträchtliche Teile ihrer ursprünglichen Struktur

## Zahlen der Zerstörung

Der Mount St. Helens verlor durch den Ausbruch seine oberen 400 Meter und reduzierte seine Höhe von 2.950 auf 2.550 Meter. Der entstehende Krater maß 2 mal 3,5 Kilometer. Die Eruption verwandelte 600 Quadratkilometer Wald in eine leblose Mondlandschaft.

Der Bezymianny durchlief eine ähnliche Transformation. Die Eruption von 1956 schuf einen großen hufeisenförmigen Krater durch den Kollaps des nördlichen Sektors - ein fast identisches Szenario zu seinem amerikanischen Pendant.

## Leben nach der Zerstörung

Beide Vulkane zeigten nach ihren katastrophalen Ausbrüchen ein faszinierendes Verhalten: den kontinuierlichen Aufbau von Lava-Domen. Diese pilzförmigen Strukturen wachsen langsam in den durch die Eruptionen geschaffenen Kratern und werden regelmäßig durch kleinere explosive Aktivitäten wieder zerstört und neu aufgebaut.

Der Mount St. Helens entwickelte nach 2004 sogar charakteristische "Whaleback"-Strukturen, die den "Nautilus"-Formationen des Bezymianny verblüffend ähnlich sind. Diese geologischen Zwillinge demonstrieren, wie ähnliche magmatische Prozesse zu nahezu identischen Landschaftsformen führen können.

## Wissenschaftliche Bedeutung

Die Ähnlichkeiten zwischen Bezymianny und Mount St. Helens haben der Vulkanologie wertvolle Einblicke verschafft. Beide Eruptionen gehören zum "directed-blast" Typ und haben Wissenschaftlern geholfen, die Mechanismen hinter diesen katastrophalen Ereignissen besser zu verstehen.

**Gemeinsame Charakteristika der Eruptionen:**
- Flache Magma-Intrusionen vor dem Ausbruch
- Gebäudekollaps als Auslöser
- Paroxysmatische (explosive) Hauptphase
- Nachfolgender Dombau mit intermittierender explosiver Aktivität

## Magmatische Unterschiede

Trotz ihrer strukturellen Ähnlichkeiten zeigen die beiden Vulkane interessante geochemische Unterschiede. Während der Mount St. Helens hauptsächlich dazitisches Material ausstößt, das über die Zeit konstant oder sogar noch siliziumhaltiger geworden ist, zeigt der Bezymianny eine andere Entwicklung seiner Magma-Zusammensetzung.

## Überwachung und Warnsysteme

Beide Vulkane werden heute intensiv überwacht. Der Mount St. Helens durch das Cascades Volcano Observatory und der Bezymianny durch russische vulkanologische Institute. Diese Überwachung ist entscheidend, da beide Vulkane aktiv bleiben und zukünftige Eruptionen wahrscheinlich sind.

## Fazit: Getrennt durch den Ozean, vereint durch die Geologie

Bezymianny und Mount St. Helens sind mehr als nur zwei Vulkane - sie sind geologische Geschwister, die durch ihre parallelen Geschichten der Zerstörung und Erneuerung verbunden sind. Ihre Ähnlichkeiten zeigen, dass vulkanische Prozesse universelle Muster folgen, unabhängig davon, ob sie in den abgelegenen Weiten Kamtschatkas oder in den dicht besiedelten Regionen des pazifischen Nordwestens der USA auftreten.

Diese vulkanischen Zwillinge erinnern uns daran, dass unser Planet auch heute noch eine dynamische, sich ständig verändernde Welt ist. Sie lehren uns Demut vor den Kräften der Natur und zeigen gleichzeitig die bemerkenswerte Fähigkeit der Erde zur Selbsterneuerung - selbst nach den verheerendsten Katastrophen.

Die Geschichte von Bezymianny und Mount St. Helens ist noch nicht zu Ende geschrieben. Beide Vulkane bleiben aktiv, und ihre zukünftigen Kapitel werden zweifellos neue Erkenntnisse über die Geheimnisse unseres feurigen Planeten liefern.

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