Das Ende einer Ära: Vier Technologiegiganten am Scheideweg
Im September 1996 begann für mich ein neues Kapitel - der Start meiner Ausbildung. Was ich damals nicht ahnte: Ich wurde Zeuge des Endes einer ganzen Technologie-Epoche. Vier revolutionäre Systeme, die Jahrzehnte lang Büros, Behörden und Unternehmen geprägt hatten, standen kurz vor ihrem endgültigen Abschied. BTX, Mikrofiches, Fernschreiber und IBM Terminals - Namen, die heute wie Relikte aus einer anderen Zeit klingen, waren damals noch Teil des Arbeitsalltags vieler Menschen.
## BTX - Deutschlands digitaler Pionier
Das Bildschirmtext-System (BTX) war Deutschlands erster Versuch, die Haushalte zu vernetzen. 1983 gestartet, versprach BTX eine Revolution: Nachrichten lesen, einkaufen, Bankgeschäfte erledigen - alles über den Fernseher oder ein spezielles Terminal. Die charakteristischen bunten Seiten mit ihrer groben Grafik und den simplen Menüstrukturen wirkten futuristisch, auch wenn sie aus heutiger Sicht primitiv erscheinen.
Doch BTX kam zu früh. Die Technik war teuer, die Übertragungsraten lahm, und die Inhalte begrenzt. Während das Internet bereits an den Universitäten Fahrt aufnahm, kämpfte BTX mit sinkenden Nutzerzahlen. 1996 war klar: Das System hatte seine beste Zeit hinter sich. Nur zwei Jahre später wurde BTX endgültig eingestellt - ein digitaler Pionier, der seiner Zeit voraus war, aber von der Realität eingeholt wurde.
## Mikrofiches - Die Bibliothek im Miniaturformat
In einer Zeit, als Festplatten wenige Megabyte speicherten und unbezahlbar waren, boten Mikrofiches eine geniale Lösung für die Archivierung riesiger Datenmengen. Diese kleinen Filmstreifen konnten hunderte von Dokumentenseiten auf kleinstem Raum speichern. Bibliotheken, Archive und Zeitungsredaktionen schworen auf diese Technologie.
Das Ritual war immer dasselbe: Der Mikrofiche wurde vorsichtig in das schwere Lesegerät eingelegt, das Dokument über das Fadenkreuz positioniert und mühsam die richtige Stelle gesucht. Die körnige Qualität der projizierten Bilder und das monotone Summen der Geräte gehörten zum Arbeitsalltag in Forschungseinrichtungen und Behörden.
Doch auch hier machte sich Mitte der 90er Jahre der Wandel bemerkbar. CD-ROMs boten ähnliche Speicherkapazitäten bei besserer Handhabung, und die ersten Scanner ermöglichten die digitale Archivierung. Die Ära der Mikrofiches neigte sich dem Ende zu.
## Fernschreiber - Die Könige der Kommunikation
Bevor E-Mails und Faxgeräte die Bürowelt eroberten, herrschten die Fernschreiber über die geschäftliche Kommunikation. Diese mechanischen Schreibmaschinen übertrugen Nachrichten über Telefonleitungen und prägten mit ihrem charakteristischen Geklapper den Sound vieler Büros.
Der Fernschreiber war mehr als nur ein Kommunikationsmittel - er war ein Symbol für Professionalität und internationale Geschäftstätigkeit. Jede Firma, die etwas auf sich hielt, besaß eine eigene Fernschreibernummer. Die Bedienung erforderte Können: Jeder Buchstabe musste korrekt getippt werden, denn Korrekturen waren teuer oder unmöglich.
Besonders in Nachrichtenagenturen und Börsen waren Fernschreiber unverzichtbar. Das endlose gelbe Papier mit den schwarz aufgedruckten Eilmeldungen bestimmte den Nachrichtentakt der Welt. Doch auch diese Ära ging zu Ende, als Faxgeräte billiger und E-Mails praktischer wurden.
## IBM Terminals - Die Giganten der Datenverarbeitung
In den großen Rechenzentren und Büros der 80er und frühen 90er Jahre standen sie wie Monolithen: die IBM Terminals. Diese meist grün leuchtenden Bildschirme waren die Fenster zu den mächtigen Großrechnern, die das Rückgrat der Geschäftswelt bildeten.
Die Arbeit am IBM Terminal war eine Kunst für sich. Komplexe Befehlssequenzen, kryptische Menüstrukturen und eine spartanische Benutzeroberfläche prägten den Alltag der Datenverarbeitung. Wer ein IBM Terminal beherrschte, gehörte zur technischen Elite der Unternehmen.
Doch auch hier kündigte sich der Wandel an. Personal Computer wurden leistungsfähiger und benutzerfreundlicher. Die grafischen Oberflächen von Windows und Mac OS machten die Computernutzung intuitiver. Die Zeit der charaktergrünen Bildschirme und der Kommandozeilen-Herrschaft neigte sich dem Ende zu.
## Der große Wandel
Was diese vier Technologien verband, war mehr als nur ihr zeitgleiches Ende. Sie repräsentierten eine Ära, in der Technik komplex, spezialisiert und teuer war. Jedes System erforderte Expertenwissen, umfangreiche Schulungen und oft eigene Abteilungen für Betrieb und Wartung.
Der Umbruch, der 1996 bereits spürbar war, sollte die Arbeitswelt fundamental verändern. An die Stelle der spezialisierten Großsysteme traten universelle, benutzerfreundliche Lösungen. Das Internet löste BTX ab, Digitalkameras und Scanner machten Mikrofiches überflüssig, E-Mail ersetzte den Fernschreiber, und PCs verdrängten die IBM Terminals.
## Ein persönlicher Rückblick
Als Lehrling im September 1996 erlebte ich diese Zeitenwende hautnah mit. Ich sah die letzten BTX-Terminals in den Ämtern verstauben, half dabei, Mikrofiches zu digitalisieren, hörte das finale Geklapper der Fernschreiber und lernte noch die Grundlagen der IBM-Terminal-Bedienung - Wissen, das bereits beim Erlernen veraltet war.
Diese Erfahrung lehrte mich eine wichtige Lektion über den technologischen Wandel: Auch die revolutionärsten Technologien sind vergänglich. Was heute unverzichtbar erscheint, kann morgen bereits Museumsreife haben. Die vier Giganten der Vergangenheit erinnern uns daran, dass Innovation nicht nur bedeutet, Neues zu schaffen, sondern auch bereit zu sein, Bewährtes loszulassen.
Heute, fast drei Jahrzehnte später, stehen wir wieder an der Schwelle großer Veränderungen. Künstliche Intelligenz, Cloud Computing und mobile Technologien verändern unsere Arbeitswelt so grundlegend wie damals der Übergang von den Großsystemen zu den PCs. Die Geschichte lehrt uns: Der einzige Weg, mit dem Wandel Schritt zu halten, ist, ihn zu umarmen.
BTX, Mikrofiches, Fernschreiber und IBM Terminals - sie mögen verschwunden sein, aber ihr Vermächtnis lebt weiter. Sie erinnern uns daran, dass jede Technologie ihre Zeit hat und dass der Fortschritt unaufhaltsam ist. Als ich 1996 meine Lehre begann, wurde ich nicht nur Zeuge des Endes einer Ära, sondern auch des Beginns einer neuen - einer Ära, die bis heute andauert und deren Ende wir vielleicht gerade wieder erleben.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen