Don Cherry: Ein Jazz-Revolutionär und Weltmusik-Pionier



Don Cherry (1936-1995) war weit mehr als nur ein Trompeter – er war ein visionärer Musiker, der die Grenzen zwischen Jazz, Weltmusik und experimenteller Kunst niederriss. Geboren in Oklahoma City und aufgewachsen in Los Angeles, entwickelte sich Cherry zu einer der einflussreichsten Gestalten des modernen Jazz und legte den Grundstein für das, was heute als "World Music" bekannt ist.

## Frühe Jahre und die Revolution mit Ornette Coleman

Cherrys musikalische Reise begann in der Junior High School mit der Trompete. Der entscheidende Wendepunkt kam 1956, als er eine Zusammenarbeit mit dem revolutionären Saxofonisten Ornette Coleman einging. Das Coleman Quartet, zu dem Cherry gehörte, zog 1959 nach New York City und sorgte dort für Kontroversen mit ihren bahnbrechenden Alben für Atlantic Records. Diese Periode bis zur Auflösung der Band 1961 markierte den Beginn des Free Jazz und etablierte Cherry als einen der wichtigsten Trompeter seiner Generation.

Was Cherry auszeichnete, war nicht nur sein ungewöhnlicher Ton und seine Fähigkeit, komplexe Passagen mühelos zu spielen, sondern auch sein legendäres "Elefantengedächtnis" – Ornette Coleman beschrieb es so. Musiker, die mit ihm arbeiteten, berichteten, dass Cherry eine Melodie nur einmal hören musste, um sie perfekt reproduzieren zu können.

## Weltmusik-Pionier und kultureller Brückenbauer

Nach der Coleman-Ära arbeitete Cherry mit einer beeindruckenden Palette von Musikern zusammen: John Coltrane, Sonny Rollins, Steve Lacy, George Russell, Albert Ayler, Gato Barbieri und sogar Lou Reed. Doch Cherrys wahrer Durchbruch als Innovator kam in den 1970er Jahren, als er begann, Einflüsse aus der nahöstlichen, afrikanischen und indischen Musik in sein Spiel zu integrieren.

Seine Reisen führten ihn nach Marokko (erstmals 1964), Indien, Osteuropa und Schweden, wo er verschiedene Musiktraditionen studierte. Diese "akustischen Expeditionen" prägten seinen Stil nachhaltig. Cherry studierte indische Musik bei Vasant Rai und ließ sich von Kurzwellenradio-Übertragungen aus aller Welt inspirieren. Zusammen mit seiner schwedischen Frau Moki entwickelte er das "Organic Music Theatre" – Aufführungen, die nicht nur musikalisch, sondern auch visuell waren.

## Lehrer und Weltbürger der Musik

Cherry war nicht nur Performer, sondern auch ein leidenschaftlicher Pädagoge. Seine Schüler umfassten, wie seine Pressbiografie vermerkt, "Dartmouth College-Studenten, nahöstliche Ziegenhirten, Teenager in einem schwedischen Musikcamp und Grundschulkinder an der Storefront School in Harlem, New York". Diese Vielfalt seiner Lehrtätigkeit spiegelt seine Überzeugung wider, dass Musik eine universelle Sprache ist, die alle Kulturen und Gesellschaftsschichten verbindet.

## Sein musikalisches Erbe und Einfluss

Cherry war ein wahrer Revolutionär, für den die Musik immer an erster Stelle stand. Alles andere – Technik, Politik, Ökonomie – diente der Musik. Seine Fähigkeit zur Selbstreinvention und sein Pioniergeist in der World Music beeinflussten Generationen von Musikern. Die Albums, die er von 1978 bis 1982 für ECM aufnahm, gelten heute als Meilensteine der Weltmusik.

## Die berühmte Cherry-Dynastie

Don Cherrys Vermächtnis lebt nicht nur in seiner Musik weiter, sondern auch durch seine außergewöhnlich talentierte Familie. Seine Kinder und Stiefkinder haben sich alle als erfolgreiche Musiker etabliert:

**Eagle-Eye Cherry** (geboren 1968 in Stockholm) ist sein biologischer Sohn mit der schwedischen Künstlerin Moki Cherry. Eagle-Eye wurde in den späten 1990er Jahren mit seinem Hit "Save Tonight" weltberühmt. Nach einer Zeit als Schauspieler in New York kehrte er nach dem Tod seines Vaters 1995 nach Schweden zurück und startete seine Musikkarriere. Sein Debütalbum "Desireless" (1997) machte ihn international bekannt.

**Neneh Cherry** ist Don Cherrys Stieftochter, die er großzog, nachdem er ihre Mutter Moki heiratete. Neneh wurde zu einer der einflussreichsten Künstlerinnen der späten 1980er und 1990er Jahre, bekannt für Hits wie "Buffalo Stance" und "7 Seconds". Sie revolutionierte die Popmusik mit ihrer Mischung aus Hip-Hop, R&B und Alternative Rock.

**David Ornette Cherry** war ein Jazz-Musiker, der leider 2022 im Alter von 64 Jahren verstarb. Er führte das musikalische Erbe seines Vaters im Jazz fort.

**Jan Cherry** ist eine talentierte Violinistin, und **Christian Cherry** ist ebenfalls als Musiker tätig.

Die nächste Generation setzt die Tradition fort: Nenehs Töchter **Mabel** (geboren 1996) und **Tyson** (auch bekannt als Lolita Moon, geboren 1989) sind beide erfolgreiche Sängerinnen. Mabel hat in den letzten Jahren internationale Erfolge mit Kollaborationen mit Clean Bandit, Tiësto und Joel Corry erzielt.

## Ein Vermächtnis der Offenheit

Don Cherry praktizierte Vajrayana-Buddhismus und lebte seine Philosophie der Offenheit und des kulturellen Austauschs. Seine Überzeugung, dass Musik alle Grenzen überwinden kann, spiegelt sich nicht nur in seinem eigenen Werk wider, sondern auch in der bemerkenswerten musikalischen Dynastie, die er hinterlassen hat.

Als er 1995 starb, hinterließ Cherry eine Welt, die durch seine Vision der "organischen Musik" und des kulturellen Dialogs bereichert war. Seine Kinder und Enkel tragen diesen Geist der musikalischen Innovation und Weltoffenheit weiter, jeder auf seine eigene Art und in seiner eigenen Generation.

Don Cherry bleibt ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Musik als Brücke zwischen Kulturen, Generationen und Welten dienen kann – ein Vermächtnis, das in der außergewöhnlichen Cherry-Familie weiterlebt und die Musikwelt bis heute prägt.

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