Der vergessene Flugpionier? Gustav Weißkopf und der Streit um den ersten Motorflug
Es ist eine Geschichte, die Luftfahrthistoriker seit über einem Jahrhundert entzweit: Wer hob als Erster mit einem motorgetriebenen Flugzeug vom Boden ab? Während die Geschichtsbücher weltweit die Gebrüder Wright aus Ohio als Erfinder des Motorflugs feiern, gibt es eine kleine, aber hartnäckige Gruppe von Forschern, die überzeugt ist: Der wahre Pionier war ein Franke aus Leutershausen – Gustav Weißkopf.
## Der Auswanderer aus Leutershausen
Gustav Albin Weißkopf, geboren am 1. Januar 1874 im mittelfränkischen Leutershausen, war schon früh vom Fliegen besessen. Als Waisenkind wanderte er nach verschiedenen Stationen in Europa 1894 in die USA aus, wo er seinen Namen zu Gustave Whitehead anglisierte. In Bridgeport, Connecticut, arbeitete er als Mechaniker und bastelte unermüdlich an Flugmaschinen.
## Der mysteriöse Flug vom 14. August 1901
Hier beginnt der Krimi: Am 14. August 1901 – mehr als zwei Jahre vor dem berühmten Flug der Wright-Brüder am 17. Dezember 1903 in Kitty Hawk – soll Weißkopf mit seiner Konstruktion "Number 21" geflogen sein. Die Bridgeport Herald berichtete am nächsten Tag ausführlich über den angeblichen Erfolg: Weißkopf sei in einer Höhe von etwa 15 Metern rund 800 Meter weit geflogen.
Der Artikel war detailliert, mit Augenzeugenberichten gespickt und enthielt sogar technische Beschreibungen des Fluggeräts. Doch es gab ein Problem: Es existierte kein fotografischer Beweis. Das berühmte "Foto" von Weißkopfs Flugzeug, das später auftauchte, wurde nachweislich am Boden aufgenommen.
## Die Beweislage – ein Puzzle mit fehlenden Teilen
Die Verfechter Weißkopfs stützen sich auf mehrere Indizien:
- Zeitungsberichte aus dem Jahr 1901, insbesondere der ausführliche Artikel in der Bridgeport Herald
- Eidesstattliche Erklärungen von angeblichen Augenzeugen, die allerdings erst Jahrzehnte später abgegeben wurden
- Die technische Machbarkeit: Weißkopf war ein begabter Mechaniker und Motorenbauer
- Ein Brief an das American Inventor Magazine von 1902, in dem Weißkopf selbst von seinen Flugversuchen berichtete
Die Skeptiker – und das ist die überwältigende Mehrheit der Luftfahrthistoriker – führen dagegen ins Feld:
- Keine zeitgenössischen Fotografien des Flugs
- Widersprüchliche Augenzeugenaussagen
- Keine technischen Aufzeichnungen oder Baupläne, die die Flugfähigkeit belegen würden
- Die Wright-Brüder dokumentierten ihre Flüge akribisch mit Fotos, Zeugen und detaillierten Aufzeichnungen
## Die Rolle des Smithsonian Institute
Die Geschichte wird noch komplizierter durch die Verwicklung des Smithsonian Institute in Washington. Jahrzehntelang weigerte sich das Museum, den Wright-Flyer auszustellen, weil die Wrights einen Vertrag verlangten, der ihr Flugzeug als "erstes motorgetriebenes Flugzeug der Welt, das einen Menschen trug" bezeichnete.
Diese Haltung nährte Verschwörungstheorien: Wurde Weißkopf bewusst aus den Geschichtsbüchern getilgt? Tatsächlich ging es dem Smithsonian eher darum, seinen eigenen gescheiterten Flugpionier Samuel Langley zu rehabilitieren.
## Ein fränkischer Held?
Für viele Franken, besonders in Leutershausen, ist Gustav Weißkopf ein verkanntes Genie und ein Stück Heimatstolz. 2013 sorgte ein Artikel in der Fachzeitschrift "Jane's All The World's Aircraft" für Aufsehen, der Weißkopf als ersten Motorflieger der Geschichte anerkannte – eine Entscheidung, die international heftig kritisiert wurde.
In Leutershausen erinnert heute ein Museum an den Flugpionier, und 2016 wurde dort eine Nachbildung seiner "Number 21" feierlich "geflogen" – allerdings ohne den ursprünglichen Motor, sondern mit moderner Unterstützung.
## Das Fazit: Ein ungelöster Fall?
Die nüchterne Wahrheit ist: Nach heutigem wissenschaftlichem Standard gilt der Flug der Gebrüder Wright vom 17. Dezember 1903 als der erste dokumentierte, kontrollierte Motorflug eines schwerer als Luft-Fluggeräts. Er wurde fotografiert, von mehreren Zeugen beobachtet und von den Brüdern selbst bis ins Detail dokumentiert.
Ob Gustav Weißkopf tatsächlich zwei Jahre früher flog, werden wir vermutlich nie mit Sicherheit wissen. Die Beweislage ist zu dünn, die Indizien zu widersprüchlich. Doch eines ist sicher: Der Franke aus Leutershausen war ein innovativer Tüftler und mutiger Experimentator, der es verdient hat, mehr als nur eine Fußnote der Luftfahrtgeschichte zu sein.
Und wer weiß – vielleicht verbirgt sich in einem verstaubten Archiv noch jenes fotografische Beweisstück, das die Luftfahrtgeschichte umschreiben würde. Bis dahin bleibt Gustav Weißkopf das, was er für viele Franken schon jetzt ist: ein verkannter Held und ein faszinierendes Mysterium der Fluggeschichte.
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