Die Schnelllieferbranche 2026: Konsolidierung statt Expansion



Der Markt für Schnelllieferungen – einst als die Zukunft des Einzelhandels gefeiert – durchlebt gerade seine härteste Bewährungsprobe. Während der Pandemie schossen Dienste wie Getir, Flink, Gorillas und andere wie Pilze aus dem Boden. Doch was ist aus dem Hype geworden? Ein Blick auf die aktuelle Lage der großen Player zeigt: Die Branche ist im Umbruch.

## Getir: Vom Unicorn zum Sorgenkind?

Die türkische Schnelllieferfirma Getir, einst mit mehreren Milliarden bewertet, kämpft zunehmend mit strukturellen Problemen. Medienberichte zeichnen ein düsteres Bild: Rückzug aus mehreren Märkten, massive Kostensenkungen und die Frage, ob das Geschäftsmodell überhaupt profitabel werden kann.

Das Unternehmen musste sich bereits aus den USA, Spanien, Italien und Portugal zurückziehen. Auch in Deutschland und Großbritannien wurde das Geschäft deutlich zurückgefahren. Die Übernahme von Gorillas 2022 sollte eigentlich Stärke demonstrieren – stattdessen scheint sie die Probleme eher vergrößert zu haben. Die einst so aggressive Expansion erweist sich nun als Ballast.

## Gorillas: Vom deutschen Vorzeige-Startup zum Übernahmekandidaten

Gorillas war das deutsche Quick-Commerce-Märchen schlechthin. 2020 in Berlin gegründet, erreichte das Unternehmen in Rekordzeit eine Bewertung von über 3 Milliarden Dollar. Die lilafarbenen Lastenräder wurden zum Symbol einer neuen Ära des urbanen Konsums.

Doch der steile Aufstieg endete abrupt. Massenentlassungen, Standortschließungen und interne Turbulenzen prägten 2022 das Bild. Am Ende kam die Übernahme durch Getir – für einen Bruchteil der einstigen Bewertung. Was als Exit verkauft wurde, war de facto eine Notlösung.

Heute, Anfang 2026, existiert die Marke Gorillas praktisch nicht mehr eigenständig. Die Integration in Getir verlief holprig, viele der ursprünglichen Versprechen und die Start-up-Kultur sind Geschichte. Gorillas steht exemplarisch für den gesamten Quick-Commerce-Hype: schnelles Wachstum, massive Bewertungen, aber keine nachhaltigen Geschäftsmodelle.

## Lieferando: Der Platzhirsch mit langem Atem

Lieferando (Teil des niederländischen Just Eat Takeaway-Konzerns) nimmt in diesem Markt eine Sonderstellung ein. Als etablierter Marktführer im Restaurant-Liefergeschäft in Deutschland verfügt das Unternehmen über eine massive Nutzerbasis und jahrelange Erfahrung.

Anders als die reinen Quick-Commerce-Startups muss Lieferando das Rad nicht neu erfinden. Die Plattform, die Kundenbasis, die Technologie – alles bereits vorhanden. Der Einstieg ins Lebensmittel-Schnellliefergeschäft war daher eine logische Erweiterung.

Dennoch kämpft auch Lieferando mit den gleichen strukturellen Problemen: Die Profitabilität im Schnellliefergeschäft bleibt eine Herausforderung. Der Mutterkonzern Just Eat Takeaway hat in den vergangenen Jahren massive Verluste eingefahren und musste selbst umstrukturieren. Der Verkauf von Grubhub (US-Geschäft) und andere strategische Anpassungen zeigen: Auch hier wird der Gürtel enger geschnallt.

Der Vorteil von Lieferando liegt in der starken Marktposition und der Diversifikation. Man ist nicht allein vom Quick-Commerce abhängig und kann Synergien zwischen Restaurant-Lieferung und Lebensmittel-Schnelllieferung nutzen. Dennoch: Auch dieser Riese ist nicht immun gegen die Branchenprobleme.

## Uber Eats: Der stabile Riese mit eigenen Herausforderungen

Uber Eats steht verglichen mit den reinen Quick-Commerce-Playern deutlich besser da – profitiert das Unternehmen doch von der etablierten Infrastruktur und dem Restaurant-Liefergeschäft. Dennoch: Auch hier zeigt sich, dass die Margen dünn sind und der Wettbewerb brutal bleibt.

Der Vorteil von Uber Eats liegt in der Diversifikation: Man ist nicht ausschließlich auf das 10-Minuten-Lieferversprechen angewiesen. Trotzdem investiert auch Uber massiv, um im Schnellliefergeschäft nicht den Anschluss zu verlieren – mit all den damit verbundenen Kosten.

## Flink: Zwischen Hoffnung und Realität

Flink, der deutsche Quick-Commerce-Anbieter, verfolgt einen etwas konservativeren Ansatz als mancher Konkurrent – zumindest mittlerweile. Nach anfänglicher Expansionswut hat auch hier ein Umdenken eingesetzt. Das Unternehmen konzentriert sich zunehmend auf profitable Standorte und hat weniger profitable Gebiete aufgegeben.

Die Frage bleibt auch Anfang 2026: Kann Flink dort erfolgreich sein, wo andere gescheitert sind? Die Antwort hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, die Betriebskosten in den Griff zu bekommen.

## Picnic: Der holländische Sonderweg

Picnic verfolgt ein grundlegend anderes Modell: keine 10-Minuten-Lieferung, sondern geplante Zeitfenster, eigene Elektrofahrzeuge und ein Fokus auf Effizienz statt Geschwindigkeit. Dieser Ansatz erscheint nachhaltiger – sowohl ökologisch als auch ökonomisch.

Das niederländische Unternehmen expandiert deutlich vorsichtiger als die Quick-Commerce-Player und hat sich bisher weitgehend aus dem Hype herausgehalten. Ob diese Strategie langfristig aufgeht, wird sich zeigen – die Chancen stehen aber nicht schlecht.

## Das Grundproblem: Die Logistikkosten

Hier kommen wir zum Kern des Problems, der die gesamte Branche umtreibt. Selbst Amazon – mit seiner legendären Logistik-Expertise – hat öffentlich eingeräumt, dass die Kosten für die Last-Mile-Delivery außer Kontrolle geraten können.

Die Rechnung ist brutal einfach: 
- Kleine Warenkörbe (oft unter 20 Euro)
- Hohe Personalkosten für Fahrer
- Teure Mikro-Lager in Innenstadtlagen
- Niedriger durchschnittlicher Umsatz pro Bestellung
- Massiver Wettbewerb, der Preiserhöhungen verhindert

Das Versprechen der 10-Minuten-Lieferung bedeutet: Man braucht ein extrem dichtes Netz an Lagern, kann Routen kaum optimieren und hat praktisch keine Skalierungseffekte. Jede zusätzliche Bestellung kostet fast genauso viel wie die erste.

## Zwei Welten: Quick-Commerce vs. etablierte Player

Ein interessantes Muster zeichnet sich ab: Die etablierten Plattformen wie Lieferando und Uber Eats, die aus dem Restaurant-Liefergeschäft kommen, scheinen robuster zu sein als die reinen Quick-Commerce-Startups. Sie haben bestehende Kundenbeziehungen, erprobte Technologie und können Kosten über verschiedene Geschäftsbereiche verteilen.

Die Pure-Player wie Getir, Gorillas und Flink hingegen müssen mit jeder Bestellung beweisen, dass ihr Modell funktioniert – und genau da liegt das Problem. Ohne die Möglichkeit, Verluste durch andere Geschäftsbereiche abzufedern, wird jede ineffiziente Lieferung zum existenziellen Problem.

## Was bedeutet das für die Zukunft?

Die Branche steht vor einer massiven Konsolidierung. Einige Trends zeichnen sich ab:

**Fokus auf Profitabilität statt Wachstum:** Die Zeiten des "Growth at all costs" sind endgültig vorbei. Investoren fordern einen Weg zur Profitabilität.

**Marktbereinigung:** Viele kleinere Player werden verschwinden oder übernommen werden. Nur wenige werden überleben.

**Anpassung der Versprechen:** Das 10-Minuten-Versprechen könnte aufgeweicht werden zugunsten realistischerer – und profitablerer – Lieferzeiten.

**Integration in größere Ökosysteme:** Reine Quick-Commerce-Player haben es schwer. Die Zukunft könnte solchen Anbietern gehören, die Schnelllieferung als Teil eines größeren Angebots sehen – wie Lieferando und Uber Eats es bereits tun.

## Fazit

Die Quick-Commerce-Revolution ist ins Stocken geraten. Was als disruptive Innovation gestartet ist, kämpft nun mit den harten Realitäten der Logistik-Ökonomie. Getir zeigt exemplarisch, wie schnell aus einem Hoffnungsträger ein Problemfall werden kann. Gorillas wiederum steht als Mahnmal dafür, dass selbst Unicorn-Status und Milliarden-Bewertungen keine Garantie für langfristigen Erfolg sind.

Etablierte Player wie Lieferando haben den Vorteil der Diversifikation, aber auch sie sind nicht gefeit vor den strukturellen Problemen der Branche. Die nächsten 12 bis 24 Monate werden entscheidend sein: Wer überlebt, wer verschwindet, und vor allem – wer einen Weg findet, tatsächlich Geld zu verdienen mit dem Versprechen, Eiscreme und Energy-Drinks in Rekordzeit an die Haustür zu bringen.

Die Frage ist nicht mehr, ob Konsolidierung kommt. Die Frage ist nur noch: Wer bleibt übrig, wenn der Staub sich legt? Und wer von den Überlebenden wird 2026 und darüber hinaus endlich den Beweis erbringen, dass Quick-Commerce mehr ist als nur ein teurer Traum?

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