Hokuspokus Zeit – oder: Warum wir zweimal im Jahr kollektiv den Verstand verlieren
Ein unmissverständliches Plädoyer gegen die Zeitumstellung und das jährliche Ritual der selbst gemachten Zeitverwirrung
Es ist wieder so weit. Irgendein Bürokrat dreht an der großen kosmischen Uhr, und ganz Europa tut artig mit. Die Uhren werden vorgestellt – und mit ihnen unsere Körper, unser Schlaf, unsere Stimmung und unser gesunder Menschenverstand.
Willkommen in der Hokuspokus Zeit.
Ich nenne sie bewusst so: Hokuspokus Zeit. Denn was hier als „Zeitumstellung“ verharmlost wird, ist in Wirklichkeit ein jährlicher Akt kollektiver Selbsttäuschung – ein Ritual ohne vernunftbasierte Grundlage, das Millionen von Menschen schadet, niemandem mehr nützt und trotzdem munter weitergeht. Weil es irgendwann mal jemand beschlossen hat. Und weil man das halt so macht.
Die große Lüge vom Energiesparen
Der offizielle Ursprungsmythos der Sommerzeit lautet: Man wollte Energie sparen. Mehr Tageslicht am Abend, weniger Strom für Beleuchtung. Klingt logisch. Ist es aber nicht – jedenfalls nicht mehr, und eigentlich war es das nie wirklich.
Was die Befürworter gerne verschweigen: Wenn abends länger Licht ist, wird morgens länger geheizt. Wer im Frühjahr eine Stunde früher aufstehen muss, macht morgens mehr Licht an – nicht weniger. Zahlreiche Studien haben inzwischen gezeigt, dass der versprochene Energiespareffekt entweder marginal oder schlicht nicht vorhanden ist. Das Europäische Parlament hat das selbst festgestellt und 2019 für die Abschaffung der Zeitumstellung gestimmt. Und was ist passiert?
Nichts.
Die Hokuspokus Zeit lebt weiter.
Eine Stunde Zeitverschiebung – mit körperlichen Folgen wie ein Jetlag
"Es ist doch nur eine Stunde!“ – dieser Satz ist das Totschlagargument der Zeitumstellungs-Apologeten. Stimmt. Es ist eine Stunde. Eine Stunde, die unseren inneren Taktgeber aus dem Rhythmus bringt, die Schlafqualität senkt, die Konzentration mindert und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sogar das Herzinfarktrisiko in den Tagen nach der Umstellung messbar erhöht.
Kinder schlafen schlechter. Ältere Menschen brauchen Wochen, um sich anzupassen. Tiere – natürlich vor allem Nutztiere in der Landwirtschaft – können sich gar nicht anpassen, weil ihnen niemand erklärt, dass es jetzt plötzlich eine Stunde früher Melkzeit ist. Der menschliche Körper richtet sich nach dem Sonnenstand, nicht nach der offiziellen Uhrzeit. Und der Sonnenstand interessiert sich herzlich wenig für europäische Richtlinien.
Die Sommerzeit ist die falsche Zeit – physikalisch gesehen
Hier möchte ich besonders deutlich sein: Die Sommerzeit ist nicht einfach „andersh“ – sie ist falsch. Falsch im Sinne von: Sie entspricht nicht der natürlichen Realität unserer geographischen Lage.
Deutschland liegt in der Mitteleuropäischen Zeitzone (MEZ), also UTC+1. Das ist bereits ein Kompromiss – der Osten Deutschlands wäre eigentlich eher UTC+1, der Westen eher UTC+0. Mit der Sommerzeit werden wir auf UTC+2 gequetscht.
Das bedeutet: Im Hochsommer geht die Sonne in Bayern um halb sechs Uhr früh auf – offiziell. Der Körper denkt: Morgen. Der Kalender sagt: Viertel vor sechs. Und abends wird es erst nach halb neun dunkel, was zwar schön klingt, aber heißt, dass Kinder bei hellem Sonnenschein ins Bett sollen.
Die natürliche Normalzeit, also die Winterzeit, bildet unsere geographische Realität deutlich besser ab. Die Sommerzeit ist künstlich, ist ein Eingriff in die Zeit selbst – und der Eingriff nutzt uns nichts.
Europa wollte abschaffen – und scheiterte am politischen Kuhhandel
2018 startete die EU-Kommission eine Befragung zur Zeitumstellung. Über vier Millionen Menschen beteiligten sich – eine der größten Umfragen in der Geschichte der EU. Das Ergebnis war eindeutig: Die überwältigende Mehrheit will die Zeitumstellung abschaffen. Im März 2019 stimmte das Europäische Parlament mit großer Mehrheit für die Abschaffung.
Und dann? Dann begann der politische Kuhhandel. Welches Land nimmt welche Zeit? Dürfen Nachbarländer unterschiedliche Zeiten haben? Was macht der Binnenmarkt? Was sagen die Bahnen? Die Flughäfen? Und während die Bürokratie sich in ihren eigenen Fragen verlor, kam Corona. Und der Krieg in der Ukraine. Und die Energiekrise. Und die Zeitumstellung? Macht weiter wie bisher. Weil sich niemand mehr richtig zuständig fühlt.
Das ist kein Versagen der Demokratie – das ist das Versagen einer Bürokratie, die lieber den Status quo verwaltet als Entscheidungen trifft. Und wir zahlen zweimal jährlich den Preis dafür. Mit Schlafmangel, Herzproblemen und dem jährlichen Suchen nach dem richtigen Knopf an der Mikrowellenuhr.
Was ich mir wirklich wünsche: Normalzeit. Dauerhaft.
Falls die Zeitumstellung jemals abgeschafft wird – und ich hoffe inständig, dass ich das noch erlebe – dann bitte mit der Normalzeit als Dauerzeit. Nicht mit der Sommerzeit. Ich weiß, dass viele Menschen sagen: „Aber ich mag doch die langen Abende!“ Das verstehe ich. Ich mag sie auch. Aber lange Abende im Sommer hat man so oder so – die Sonne geht im Juni nun mal spät unter, egal was auf der Uhr steht.
Was die dauerhafte Sommerzeit bedeuten würde: Im Winter geht die Sonne in Deutschland erst nach neun Uhr morgens auf. Kinder gehen im Dunkeln zur Schule. Pendler fahren im Dunkeln zur Arbeit. Das ist kein Fortschritt – das ist Hokuspokus in Dauerform.
Fazit: Schluss mit dem kollektiven Uhrenverdrehen
Die Zeitumstellung ist ein Überbleibsel aus einer anderen Ära, wissenschaftlich widerlegt, medizinisch schädlich, ökonomisch sinnlos und politisch nicht zu Ende gedacht. Sie ist Hokuspokus in institutionalisierter Form – ein Trick, der nie wirklich funktioniert hat, aber trotzdem weitergemacht wird, weil das Aufhören unbequem ist.
Zweimal im Jahr drehen wir gemeinsam an der Uhr und tun so, als wäre das normal. Es ist nicht normal. Es ist absurd. Und die einzig vernünftige Reaktion darauf ist, laut und deutlich zu sagen: Genug.
Schafft die Zeitumstellung ab. Behaltet die Normalzeit. Und lasst die Sonne entscheiden, wann es Morgen ist – nicht den Kalender.
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