Hell Freezes Over – als die Hölle wirklich zufror
Es gibt Alben, die kommen zu einem wie ein alter Bekannter. Man kennt sie vielleicht schon lange, aber erst durch jemanden, den man schätzt, versteht man sie wirklich. Bei mir war das so mit den Eagles. Und schuld daran ist ein Hauptfeldwebel.
Leopardenbändiger und Eagle-Fan
1999, als junger Wehrpflichtiger in Heidenheim am Hahnenkamm – wir nannten uns mit einem Hauch Stolz Leopardenbändiger, was im Hinblick auf unsere Hauptwaffensysteme durchaus zutreffend war – begegnete ich einem Menschen, der meine musikalischen Horizonte nachhaltig erweitern sollte. Mein Hauptfeldwebel war, das sei gleich gesagt, eine Seele von einem Menschen. Jemand, der malt, selbst Gitarre spielt und singen kann – ein Mann mit echter künstlerischer Ader, der nach außen vielleicht den harten Bundeswehr-Profi gab, innerlich aber weit mehr war. Und er war eines in höchstem Maße: ein Eagles-Fan. Nicht irgendwie. Richtig.
Durch ihn lernte ich diese Band schätzen – diese eigenartige, grandiose, manchmal sperrige Einheit aus Don Henley, Glenn Frey, Joe Walsh, Don Felder und Timothy B. Schmit, die 1994 eigentlich längst Geschichte sein sollte. Die Eagles hatten sich 1980 getrennt, und Don Henley hatte einmal sehr unmissverständlich erklärt, wann man mit einer Reunion rechnen könne: „When hell freezes over.“ Auf Deutsch: Wenn die Hölle zufriert.
Die Hölle fror zu. 1994.
Hell Freezes Over – das Comeback der Comebacks
Hell Freezes Over erschien im November 1994 und dokumentiert das Wiedersehen einer Band, die man für tot gehalten hatte. Der Titel war natürlich eine ironische Selbstreferenz – Henley zwinkerte dem Publikum zu, ohne wirklich in Verlegenheit zu geraten. Ja, es ist passiert. Und ja, wir wissen, was wir damals gesagt haben.
Der Großteil des Albums ist ein Mitschnitt zweier Konzerte im Warner Bros. Studio in Burbank, Kalifornien – aufgezeichnet im April und Mai 1994. Was dabei entstand, war kein nostalgisches Oldie-Spektakel, sondern ein musikalisch makelloses Dokument einer Band auf dem absoluten Höhepunkt ihres Könnens. Die Arrangements waren reifer, differenzierter, manchmal sogar raffinierter als auf den Originalalben der 1970er Jahre.
Zu den Live-Aufnahmen gesellten sich vier neue Studioaufnahmen: Get Over It, Love Will Keep Us Alive, The Girl from Yesterday und Learn to Be Still – allesamt typische Eagles, mal mit scharfer Kante, mal mit Melancholie, immer mit diesem unverwechselbaren Sound, der irgendwo zwischen Americana, Country-Rock und weicher kalifornischer Abendluft liegt.
Get Over It stach dabei besonders heraus: ein bissiger, ironisch-aggressiver Song, der mit dem Selbstmitleid der amerikanischen Mittelschicht abrechnete – und dabei groovte wie selten etwas von dieser Band. Hotel California, gespielt in einer langsamen, akustischen Version, die man so nicht kannte, ließ das Publikum in Burbank und später Millionen von Fans weltweit sprachlos zurück.
Achim Hepp und die zugefrorene Hölle
Rund zwanzig Jahre später – es dürfte 2015 oder 2016 gewesen sein – las ich eine Mail oder einen Post von Achim Hepp, in dem er sinngemäß schrieb, er würde etwas nur tun, wenn die Hölle zufriert. Den genauen Kontext habe ich vergessen. Die Antwort, die ich ihm schrieb, weiß ich noch genau.
„Das ist 1994 bereits passiert.“
Ich konnte mir vorstellen, wie Achim beim Lesen dieser Zeile gestutzt haben muss. Er recherchierte – und schrieb zurück: Stimmt tatsächlich.
An diesen Moment erinnere ich mich noch deshalb so genau, weil ich damals auf dem Weg ins McFit in Nürnberg-Doos war – damals mein fester Abendrhythmus. Eine Routine, die ich mir aufgebaut hatte, als Rainer Schaller noch lebte. Rainer Schaller, der McFit-Gründer, dessen Geschichte Wondery in ihrer phantastischen Podcast-Reihe Kampf der Unternehmen ein großartiges Denkmal gesetzt hat. Ein Macher, wie man ihn selten erlebt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Jedenfalls: Zwischen Haustür und Fitnessstudio hat mich der Gedanke an die Eagles und die zugefrorene Hölle eine gute Weile begleitet. Manchmal sind es die kleinen Momente, die einem zeigen, wie sehr Musik Anker im Gedächtnis ist.
Was bleibt
Hell Freezes Over wurde ein gigantischer Erfolg. Das Album stieg in zahlreichen Ländern auf Platz eins, die dazugehörige Tournee war eine der erfolgreichsten der 1990er Jahre. Und irgendwie war dieser Titel Programm: Manchmal passieren Dinge, die man für unmöglich hält. Manchmal friert die Hölle zu. Und manchmal lernt man durch einen Hauptfeldwebel in Heidenheim am Hahnenkamm – einen, der malt, Gitarre spielt und singen kann, und dem man das alles zunächst gar nicht ansieht – dass eine Band aus Los Angeles das Zeug hat, einen für den Rest des Lebens zu begleiten.
Meinem Hauptfeldwebel – wo auch immer er gerade ist – sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Für die Geduld mit einem Wehrpflichtigen. Und für die Eagles.
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